USA

Attacke an Chanukka

Der Tatort kurz nach dem Angriff: das Haus von Rabbi Chaim Rottenberg in Monsey nördlich von New York Foto: Reuters

USA

Attacke an Chanukka

In Monsey dringt ein Angreifer ins Haus eines Rabbiners ein und verletzt fünf Menschen zum Teil schwer

von Daniel Killy  03.01.2020 10:53 Uhr

Rabbiner Chaim Rottenberg hatte zu sich nach Hause eingeladen. Er wollte mit den Mitgliedern seiner Satmar-Gemeinde den siebten Tag von Chanukka feiern. Die Anhänger der streng orthodoxen Bewegung – sie lehnen den Staat Israel ab, weil nur der von Gott gesandte Messias das Recht habe, einen jüdischen Staat auszurufen – leben fast ausschließlich in und um New York. Eine ihrer größeren Gemeinden hat sich im Städtchen Monsey rund 40 Kilometer nördlich von New York angesiedelt.

An jenem siebten Chanukkatag, in der Nacht zum 29. Dezember, drang gegen zehn Uhr abends ein mit einem Schal verhüllter Angreifer in das Haus von Rabbi Rottenberg ein. Er schwang eine Machete und versuchte, wahllos jeden zu treffen, der in den Radius der Klinge geriet. Der 32-jährige Joseph Gluck, der bei der Feier dabei war, sagte der New York Times, der Angreifer habe ihm zugerufen: »Hey du, ich krieg dich!«

panik Voller Panik rannten Rabbi Rottenbergs Gäste aus dem Raum. Gluck schaffte es in die Küche, erblickte dort ein kleines Kind, griff es und brachte es auf eine im hinteren Teil des Gebäudes gelegene Terrasse. Er kehrte zurück, stieß dabei auf einen älteren Mann, der stark blutete – und entschloss sich zum Gegenangriff. »Ich nahm mir einen alten Kaffeetisch und schleuderte ihn dem Angreifer ins Gesicht«, erzählte Gluck der Times.

Die Häufung von Angriffen traumatisiert New Yorks Juden.

Der Angreifer flüchtete nach Glucks Attacke – und wurde später im New Yorker Bezirk Harlem gefasst. Auch das ist Joseph Gluck zu verdanken, denn er hatte das Nummernschild des Flüchtenden fotografiert und das Bild der Polizei gegeben.

Ein anderer Zeuge, Rabbiner Yisroel Kahan, beschrieb den Moment des Angriffs so: »Der Mann drang in das Haus ein, knallte die Tür zu und rief: ›Niemand von euch kommt hier wieder raus!‹ Dann zog er seine Machete aus der Scheide und begann, was uns undenkbar schien.«

schizophrenie Die Motive des 37-jährigen afroamerikanischen Angreifers sind noch unklar. Der Anwalt seiner Familie gab am Tag nach der blutigen Tat, bei der fünf Menschen verletzt wurden, ein Statement ab, in dem von »einer langen Historie psychischer Erkrankungen und Krankenhausaufenthalten« die Rede war. »Von einer antisemitischen Vergangenheit« sei nichts bekannt.

Freunde der Familie des Angreifers nannten auch das Stichwort Schizophrenie. Nichtsdestoweniger bezeichnete New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo den Angriff als »einen Akt von einheimischem Terrorismus«. Erste Ermittlungen scheinen diese Einschätzung zu stützen – unabhängig von der Frage, ob der mutmaßliche Täter zum Zeitpunkt der Tat zurechnungsfähig war oder nicht.

Ermittler fanden Unterlagen mit antisemitischem Kontext bei dem Tatverdächtigen. Zudem wurden in seinen Internet-Suchanfragen viermal die Frage »Warum hasste Hitler die Juden?« entdeckt sowie die Schlagworte »Nazi-Kultur« und »Hakenkreuze«, »deutsche Synagogen in meiner Nähe« und »bekannte Unternehmen in den USA, die von Juden gegründet wurden«.

Medienberichten zufolge sollen Polizeibeamte in seiner Wohnung auch auf Texte gestoßen sein, in denen er sich die Frage stellt, »warum Menschen Antisemitismus betrauern, wenn es doch semitischen Völkermord gibt«.

Am Mittwochabend erzählte die Mutter des mutmaßlichen Täters der New York Post, ihr Sohn sei in einer jüdischen Umgebung in Crown Heights geboren, hätte jüdische Freunde gehabt und manchmal als Schabbes-Goj ausgeholfen. Von jüdischer Seite konnte dies bislang nicht bestätigt werden.

polizeipräsenz Kurz vor dem Angriff soll der mutmaßliche Täter im Internet auch nach Artikeln gesucht haben, in denen es um die verstärkte Polizeipräsenz in New York nach den antisemitischen Attacken der jüngeren Vergangenheit geht. Die Polizeipräsenz hat in der Tat stark zugenommen, nachdem es in New York und im Nachbarstaat New Jersey zu teils mörderischen Angriffen auf Juden kam.

Doch die verstärkten Patrouillen rund um jüdische Einrichtungen ändern nichts daran, dass die jüdische Gemeinschaft in New York zutiefst traumatisiert ist. Erst vor wenigen Wochen hatte eine gezielter Anfgriff auf einen koscheren Laden drei Menschenleben gefordert. Auch hier waren die Angreifer Afroamerikaner – mit einem noch deutlicheren antisemitischen Profil.

Und einige Tage zuvor wurde, ebenfalls in Monsey, ein chassidischer Mann auf dem Weg zur Synagoge niedergestochen. Aufgrund ihrer auffälligen Kleidung sind die ultraorthodoxen Opfer von ihren Gegnern leicht auszumachen.

Nach Angaben der Polizei gab es in den vergangenen drei Wochen in New York 13 sogenannte Hate-Crime-Attacken auf Juden.

Nach Angaben der Polizei gab es in den vergangenen drei Wochen in New York 13 sogenannte Hate-Crime-Attacken auf Juden. Den Anstieg der antisemitischen Angriffe in der Stadt mit der weltweit größten jüdischen Community bezifferte Kommissar Dermot Shea mit 22 Prozent. Für New York, das für Juden bisher als sicherster Ort außerhalb Israels galt, sind diese Zahlen verheerend.

folgen Für eines der Opfer, den schwerstverletzten Joseph Neumann, wird nach dem Angriff nichts mehr so sein wie zuvor. »Die Ärzte sind nicht optimistisch, was seine Chancen anbelangt, das Bewusstsein wiederzuerlangen«, erklärte seine Familie. »Und sollte sich der Zustand unseres Vaters durch ein Wunder wenigstens teilweise verbessern, nehmen die Ärzte an, dass er bleibende Hirnschäden davontragen wird: gelähmt und seiner Fähigkeit beraubt zu sprechen.«

Der Angreifer wird des fünffachen versuchten Mordes sowie des fünffachen Versuches, die freie Religionsausübung mittels eines Mordversuchs mit einer gefährlichen Waffe angeklagt.

In der Stadt Monsey in Rockland County bleiben Angst und Unsicherheit zurück. Der Landkreis hat den höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil in den gesamten Vereinigten Staaten: 31,4 Prozent. Eine Tat wie die vom 29. Dezember schien dort bislang undenkbar.

Viele sehen den Angriff als Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Problems. Nach Einschätzung von Evan Bernstein, dem Regionaldirektor der Anti-Defamation League, geht es »hier nicht nur um bessere Überwachung. Das sind kommunale Probleme, gesellschaftliche Probleme, die wir lösen müssen«.

Auch der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER), Pinchas Goldschmidt, äußerte sich zu dem Angriff: »Es ist entsetzlich zu erleben, dass Antisemitismus und Hass auf Juden noch nicht mal mehr vor der Wohnungstür halt macht.«

Nach vermehrten Angriffen auf Synagogen und jüdische Einrichtungen sehe die Situation für Juden in den USA mittlerweile leider sehr ähnlich aus wie in Europa, so Goldschmidt. »Für die jüdischen Institutionen aber auch die amerikanische Regierung wird das eine neue Herausforderung sein, denn Gotteshäuser müssen von ihren Regierungen angemessen geschützt werden.«

New York

Mamdani legt Antisemitismus-Plan vor, jüdische Organisationen üben scharfe Kritik

Das Konzept des Bürgermeisters blende den Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Juden in New York und antiisraelischer Propaganda bewusst aus, sagt einer der Kritiker

 30.09.2026

Kiew

85. Jahrestag: Selenskyj gedenkt ermordeter Kyjiwer Juden

Vor 85 Jahren besetzten deutsche Truppen die heutige ukrainische Hauptstadt. Sie ermordeten zehntausende Menschen. Präsident Selenskyj stellt bei einer Gedenkfeier den Bezug zur Gegenwart her

 30.09.2026

Fußball

Im Kreuzfeuer: Irischer Nationalspieler mit israelischer Mutter

Finn Azaz wurde für Irlands Nationalkader für die Länderspiele gegen Israel nominiert. Weil er eine israelische Mutter hat, soll seine Zukunft im irischen Team aber infrage stehen

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Interview

»Es ist beängstigend, wie sich die Geschichte wiederholt«

Evan Bernstein (51) ist seit Kurzem neuer CEO von B’nai B’rith International, der ältesten jüdischen Wohltätigkeitsorganisation. Um den wachsenden Antisemitismus zu bekämpfen, will Bernstein vor allem die lokale Vernetzung verbessern

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Vergessener Held

Die vielen Leben des Jack Boeki

Ein jüdischer US-Agent und die Naziverbrecher in Nürnberg

von Joachim Heinz  29.09.2026

Niederlande

»Der 7. Oktober, das bin ich«: Student der Uni Maastricht will an Terrorangriff teilgenommen haben

Ein 22-jähriger Palästinenser, der in den Niederlanden studiert, erweckt in einem Instagram-Video den Eindruck, er habe an der Terrorattacke der Hamas auf Israel teilgenommen. Jetzt griff die Hochschule durch

 28.09.2026

London

Reporter oder doch Terroristen? BBC prüft Liste in Gaza getöteter Journalisten

Konkret geht es um 53 Personen, bei denen Verbindungen zu palästinensischen Terrororganisationen festgestellt wurden

 28.09.2026

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  25.09.2026