Kulturzentrum

5000 Quadratmeter jüdisches Leben

Der Bauplatz im 17. Arrondissement Foto: Hartl

Ein 5000 Quadratmeter großes Zentrum jüdischen Lebens im Herzen von Paris: Mit diesem Großprojekt trotzen Frankreichs Juden der Terrorgefahr. Das sogenannte Centre européen du judaïsme (Europäisches Zentrum des Judentums) soll ein Zeichen für die tiefe Verankerung der jüdischen Gemeinde in der französischen Gesellschaft sein. Die Regierung unterstützt die Initiatoren bei diesem ehrgeizigen Vorhaben.

Mit dem Bau des Zentrums sollen vor allem zwei Ziele erreicht werden: Man will den Bedürfnissen der jüdischen Gemeinde in Paris gerecht werden und eine zentrale Institution des Judentums auf regionaler wie europäischer Ebene schaffen. Es soll ein Ort entstehen, der von der Vielfalt und Lebendigkeit der jüdischen Gemeinden in Frankreich und ganz Europa zeugt.

Generation Angesichts der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen will man Juden mit der Einrichtung einerseits die Möglichkeit geben, sich über aktuelle Themen auszutauschen und andererseits ihr religiöses und kulturelles Erbe an künftige Generationen weiterzugeben.

Das Projekt sieht einen siebenstöckigen Bau vor, der drei Einheiten unter seinem Dach vereint: eine religiöse mit Synagoge, Mikwe, Unterrichts- und Seminarräumen, eine kulturelle mit Theatersaal und verschiedenen Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen sowie eine institutionelle Abteilung mit Büroräumen. Auch eine Bibliothek und ein Garten gehören dazu.

Ende Juni feierte die jüdische Gemeinde gemeinsam mit Innenminister Bernard Cazeneuve und der Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, den ersten Spatenstich. Dabei traf man sich zu einer Abendveranstaltung im Rathaus. Der Präsident des Konsistoriums, Joël Mergui, betonte in seiner Ansprache, dass die jüdische Gemeinschaft trotz aller Bedrohungen weiter an ihrer Zukunft in Frankreich bauen müsse. »Niemand bestimmt an unserer Stelle über unser Schicksal. Wir sind da, und wir bleiben da, solange wir wollen«, erklärte er mit Nachdruck.

Alija Mergui und seine Mitstreiter wollen mit ihrer Initiative Frankreichs Juden dazu ermutigen, im Land zu bleiben und nicht nach Israel auszuwandern. In Frankreich lebt rund eine halbe Million Juden – so viele wie sonst nirgendwo in Europa. Doch nach den Terroranschlägen der vergangenen Jahre wollen viele Alija machen.

Seit dem islamistischen Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse, bei dem 2012 vier Menschen ermordet wurden, sind mehr als 20.000 Juden ausgewandert. Für dieses Jahr wird infolge des Anschlags auf einen koscheren Supermarkt, bei dem im Januar ebenfalls vier Personen ums Leben kamen, eine neue Auswanderungswelle erwartet. Das Consistoire rechnet damit, dass sich 2015 zwischen 8000 und 8500 Juden für die Alija entscheiden.

Mergui erinnerte in seiner Rede daran, dass man das Projekt angesichts dieser Zahlen auch hätte aufgeben können. Stattdessen soll der Start der Bauarbeiten ein »Zeichen der Hoffnung in diesem für die jüdische Gemeinschaft besonders tragischen Jahr setzen«. Auch die Ortswahl im Nordwesten von Paris hat Symbolcharakter. Denn es ist eine Gegend, in der seit einigen Jahren eine starke jüdische Gemeinde entsteht, der bislang eine gemeinsame Anlaufstelle fehlt. Sie umfasst das 17. Arrondissement, in dem der Gebäudekomplex entsteht, sowie die angrenzenden Vorstädte Levallois und Neuilly-sur-Seine.

Kosten Die Baukosten belaufen sich auf voraussichtlich zehn Millionen Euro. Finanziert wird das Projekt von jüdischen Gemeinden und privaten Spendern. Bei manchen Gemeindevorsitzenden stößt das Vorhaben jedoch auf Kritik. Sie werfen dem Konsistorium Verantwortungslosigkeit vor. Denn viele Gemeinden stecken in finanziellen Schwierigkeiten und leiden unter der Abwanderung ihrer Mitglieder. Die Kritiker wünschen sich deshalb mehr Unterstützung auf kommunaler Ebene statt Investitionen in millionenschwere Großprojekte.

Die Regierung hat den Initiatoren den Baugrund kostenlos zur Verfügung gestellt und mit ihnen einen Langzeit-Mietvertrag abgeschlossen. Hinzu kommen staatliche Zuschüsse in Höhe von 2,7 Millionen Euro. Bei seiner Rede im Rathaus hat Innenminister Cazeneuve darüber hinaus die Übernahme aller Sicherheitsmaßnahmen zugesichert: »Solange diese erhöhte barbarische Bedrohung existiert, wird Sie der Staat mit der größtmöglichen Stärke und Entschlossenheit beschützen.« Der Minister würdigte die Initiatoren für ihre »Überzeugungskraft, das Streben nach einem Leben in Frieden und die Universalität unserer Werte, die Ihren Geist ausmachen und die der Grund dafür ist, dass man Sie in Frankreich liebt«. Im Frühjahr 2017 soll das Zentrum eröffnet werden.

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