Verbrechen

Wut und Selbstverantwortung

Protest gegen die unkontrollierte Gewalt in arabischen Gemeinden am 31. Januar in Tel Aviv Foto: Flash 90

»Er war mein Sohn – mein Stolz, mein Herz …« Mit diesen verzweifelten Worten begann der frühere Bürgermeister von Rahat, Fayez Abu Mdeighem, seine bewegende Ansprache bei der Beerdigung seines 22-jährigen Sohnes Muchtar. Der junge Mann war in den frühen Morgenstunden eines Februartages in der Beduinenstadt im Süden erschossen worden – der zweite tödliche Angriff innerhalb weniger Stunden auf ein Mitglied der Familie.

Nach Angaben von Augenzeugen war Muchtar mit seinem Auto unterwegs, als Schüsse fielen, die Täter sind bislang nicht gefasst die Behörden gehen davon aus, dass es sich um eine arabische kriminelle Bande handelt. Sein Vater stand am offenen Sarg und klagte: »Die Regierung will, dass Araber weiterhin ermordet werden. Ich habe kein Vertrauen in diesen Staat, keines in den Premierminister und keines in diesen schrecklichen Polizeiminister.« Damit ist der rechtsradikale Minister für öffentliche Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, gemeint, der für die Arbeit der Polizei verantwortlich ist – auch in der arabischen Gesellschaft.

Fast täglich gibt es Schreckensmeldungen aus der Gemeinschaft: In der vergangenen Woche starben innerhalb von nur zwölf Stunden fünf Menschen durch Gewalt, am Montag ein Vater und sein Sohn, ein Krankenpfleger, als sie in ihrem Auto durch die Stadt Um-Al-Fachem fuhren. Auch in diesem Fall gab es zunächst keine Festnahmen, ein Umstand, der die Frustration in der arabischen Bevölkerung weiter verstärkt.

Sohn in Klinik erschossen

Auch Kasem Awad hat seinen Sohn Abdullah durch eine sinnlose Bluttat verloren. Der Arzt aus dem westlichen Galil behandelte im vergangenen Februar eine Mutter und deren zwei Kinder in einer Klinik, als ein bewaffneter Araber hereinkam und ihn aus nächster Nähe erschoss. Er war 30 Jahre alt. Abdullah hatte an diesem Tag einen anderen Arzt vertreten. Sein Vater glaubt, dass er verwechselt wurde. »Diese Menschen haben nichts mit Kriminalität zu tun. Sie sind ›Kollateralschäden‹, und mein Sohn ist einer von ihnen«, klagt Awad.

Nicht einmal sieben Wochen nach Jahresbeginn hat die Zahl der arabischen Todesopfer durch Gewaltverbrechen in Israel bereits 50 erreicht. Polizeichef Danny Levy erklärte, dass sich das Land »im nationalen Ausnahmezustand« befinde. Der Kampf gegen kriminelle Organisationen erfordere eine Bekämpfung der Ursachen. »Alle müssen sich einbringen, um das Problem anzugehen, auch die israelische Armee und gemeinnützige Organisationen aus verschiedenen Bereichen.«

Viele arabische Bürger sind überzeugt, die Sicherheitsbehörden würden nicht genug unternehmen, um sie zu schützen. Am Grab forderte Abu Mdeighem, »dass der Staat aufwacht«, machte jedoch auch klar, dass die arabische Gesellschaft sich selbst gegen die Gewalt stellen müsse, anstatt nur auf staatliche Hilfe zu warten. Diese doppelte Botschaft – Wut und Selbstverantwortung – zeigt, wie tief Schmerz und Resignation sitzen. Oppositionspolitiker werfen Ben-Gvir vor, die Sicherheit in arabischen Gemeinden zu ignorieren. Der Minister selbst hat sich bislang zu der Eskalation nicht geäußert. Im Allgemeinen spricht er öffentlich kaum über die arabische Gemeinschaft, und wenn, dann in diskriminierenden Botschaften. Wie die, nachdem er mehrere Verkehrsdelikte begangen hatte: »Mein Recht zu fahren, ist wichtiger als das Recht der Araber.«

In vielen arabischen Ortschaften herrscht völlige Gesetzlosigkeit.

»Die Bürger sterben, während der Minister mit politischer Provokation beschäftigt ist«, sagte der arabische Abgeordnete Ahmad Tibi. Oppositionsführer Yair Lapid erklärte in Bezug auf das Verhalten des umstrittenen Ministers: »Er streitet mit Arabern und macht Videos davon – das ist keine Politik zur Bekämpfung von Gewalt, das ist eine Polit-Show.«

Die Eskalation der Gewalt ist kein neues Phänomen. 2025 war mit 252 ermordeten arabischen Israelis das tödlichste Jahr seit Beginn der statistischen Erfassung. 2026 scheint sich dieser erschreckende Trend fortzusetzen. Zum Vergleich: In der jüdischen Bevölkerung Israels lag die Zahl der Mordopfer im selben Jahr bei 110. Während arabische Bürger etwa 21 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, stellten sie damit deutlich über zwei Drittel aller Mordopfer, so die Angaben der Polizei.

Besonders alarmierend ist die niedrige Aufklärungsquote: Während in jüdischen Gemeinden rund 70 Prozent der Mordfälle aufgeklärt werden, liegt die Quote in arabischen Gemeinden bei unter 30 Prozent. Experten führen die Zunahme der Gewalt auf eine Kombination aus organisierten arabischen kriminellen Netzwerken, Clan-Konflikten und der weit verbreiteten Verfügbarkeit illegaler Waffen zurück. Schusswaffen werden zunehmend wahllos in aller Öffentlichkeit eingesetzt, bei Erpressungen und Bandenkriegen. »Zu viele Waffen zirkulieren frei auf unseren Straßen«, warnt der Vorsitzende des Arabischen Kommunalforums, Mudar Younes. »Ohne eine entschlossene nationale Strategie, um sie zu entfernen, wird sich daran nichts ändern.«

Zahl der Proteste und Demonstrationen steigt

Die Welle der Gewalt beeinflusst das tägliche Leben ganzer Gemeinden. Menschen berichten davon, sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße zu trauen, Geschäfte schließen früher, Jugendliche vermeiden öffentliche Plätze, und Eltern machen sich große Sorgen um die Sicherheit ihrer Kinder. In vielen arabischen Ortschaften herrscht Gesetzlosigkeit. Doch in jüngster Zeit machen die Menschen ihrem Unmut zusehends Luft. Die Zahl der Proteste und Demonstrationen steigt – nicht nur in arabischen Städten wie Sachnin oder Nazareth, sondern auch in Tel Aviv und Jerusalem, wo vor Kurzem mehr als 40.000 Menschen auf die Straße gingen – Araber und Juden gemeinsam.

»Wir wollen den tiefen Schmerz der arabischen Gemeinschaft zum Ausdruck bringen. Menschen werden jeden Tag ermordet und verletzt. Unsere ganze Gemeinschaft lebt in Angst vor organisierter Kriminalität. Wir werden nicht länger schweigen«, sagte Jamal Zahalka, Leiter der Grassroot-Bewegung High Follow-Up Committee for Arab Citizens of Israel. Ein Hauptproblem ist die Komplexität der Gewalt: Sie ist nicht allein Angelegenheit der Justiz, sondern eng verwoben mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren. Mangelnder Zugang zu Bildung, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Ungleichheit und soziales Misstrauen schaffen einen Nährboden für kriminelle Netzwerke.

Doch für viele Familien, wie die von Muchtar Abu Mdeighem, bleiben Sicherheit, Schutz und das Gefühl, dass ihr Leben zählt, ein schlichter, schmerzhafter Wunsch. »Ich sitze hier und trauere um meinen Sohn«, sagte sein Vater am offenen Grab. »Ich frage mich, warum uns niemand schützt.«

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