Krieg

Wo Raketen fliegen, bleiben Klassenzimmer leer

Ein Kind auf dem Weg zur Schule in den Golanhöhen Foto: Copyright (c) Flash 90 2026

Die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität im Norden Israels bekommt erneut einen Dämpfer. Während der Beschuss der schiitischen Terrormiliz aus dem Libanon anhält, hat die israelische Armee die Sicherheitsmaßnahmen wieder verschärft. Für viele Familien in den nördlichen Regionen bestätigt das ihre größten Sorgen: Die Gefahr, die jenseits der Grenze lauert, ist nicht verschwunden. Besonders sichtbar wird diese Unsicherheit dort, wo sich entscheidet, ob ein Alltag zurückkehrt – in den Schulen.

In der nordisraelischen Grenzstadt Kiriat Schmona sind die Zahlen alarmierend. Vor Beginn des Krieges waren dort rund 1.000 Kinder für Kindergärten angemeldet. Für das kommende Schuljahr sind es nur noch etwa 600. Auch bei den Schulkindern zeigt sich ein deutlicher Einbruch: Statt 13 erster Klassen sollen lediglich acht eröffnet werden. In den Mittelschulen werden statt rund 300 nur noch etwa 200 Schüler erwartet.

Die Zahlen stehen beispielhaft für eine Entwicklung, die viele Gemeinden entlang der Nordgrenze beobachten. Zwar dürfen Bewohner offiziell zurückkehren, doch viele Familien entscheiden sich bislang dagegen. Hinter jeder fehlenden Anmeldung steht eine Familie, die weiterhin in Hotels, Übergangswohnungen oder an neuen Wohnorten lebt – oder die sich längst an ein Leben anderswo gewöhnt hat.

Israel evakuierte zahlreiche Orte entlang der libanesischen Grenze

Wie die Schechters. Die vierköpfige Familie lebte mehr als zehn Jahre lang in Kiriat Schmona und liebte die Ruhe und Natur. Doch nach dem 7. Oktober 2023 und den anschließenden Angriffen der Hisbollah wurde Kiriat Schmona praktisch zur Frontstadt. Israel evakuierte zahlreiche Orte entlang der libanesischen Grenze.

Auch das Ehepaar Schechter zog mit seinen beiden Kindern (7) und (9) weg, weiter ins Zentrum, nach Netanja. »Erst waren wir monatelang in einem Hotel, dann hielten wir es nicht mehr aus und mieteten eine Wohnung. Natürlich meldeten wir die Kinder an den örtlichen Schulen an«, erinnert sich Familienvater Avi Schechter. »Wir haben sie einmal aus ihrer Umgebung herausgerissen, es war damals wirklich traumatisch, die Auswirkungen sind bis heute spürbar. Das machen wir ganz sicher kein zweites Mal. Schon gar nicht bringen wir sie in eine aktive Feuerzone.« Seine Frau und er seien sich einig: »Wir bleiben hier.« Wie die Schechters machen es Tausende.

Insgesamt mussten im Norden Zehntausende Menschen ihre Häuser verlassen. Über Monate, ja sogar Jahre, lebten Familien verstreut im ganzen Land – in Hotels, provisorischen Unterkünften oder bei Verwandten. Kinder wechselten Schulen, Eltern fanden neue Arbeitsplätze, soziale Strukturen verlagerten sich.

Nun zeigt sich: Eine Rückkehr lässt sich nicht per Regierungsbeschluss verordnen. Die größte Sorge vieler Eltern bleibt die Sicherheitslage. Zwar hat das Heimatfrontkommando Teile seiner Beschränkungen gelockert, andere jedoch entsprechend der Bedrohungslage wieder angepasst. Die Lage bleibt angespannt und dynamisch. Auch die Unberechenbarkeit sorgt bei vielen Menschen für Unsicherheit.

Avi Schechter: »Ganz sicher bringen wir unsere Kinder nicht in eine aktive Feuerzone.«

Die neuen Vorgaben des Heimatfrontkommandos enthalten detaillierte Regeln für Schulen und öffentliche Einrichtungen. Unterricht darf nur stattfinden, wenn ausreichend geschützte Räume vorhanden sind und Schüler innerhalb vorgeschriebener Zeitfenster Schutzräume erreichen können. In Gemeinden der sogenannten Konfrontationslinie galten zudem zeitweise Beschränkungen für größere Versammlungen. Öffentliche Veranstaltungen wurden auf maximal 1.500 Teilnehmer begrenzt.

Gemeinden müssen sich immer wieder kurzfristig auf veränderte Sicherheitslagen einstellen. Für Eltern entsteht dadurch ein großes Dilemma: Einerseits signalisieren Behörden die Rückkehr zur Normalität, andererseits bleiben Gefahr und die Möglichkeit neuer Einschränkungen jederzeit bestehen.

Besonders deutlich wird die Frustration bei den Vertretern der betroffenen Grenzregion selbst. Mosche Davidovitz, Vorsitzender des Forums der Konfrontationslinie und Leiter des Regionalrats Mateh Asher an der libanesischen Grenze, kritisierte die Entscheidungen der Behörden zuletzt ungewöhnlich scharf. Zwischen den »Offiziellen in Jerusalem und den Bewohnern vor Ort klafft eine gefährliche Lücke«, warnte er. Mit Blick auf Entscheidungen rund um Schulen und Sicherheitsmaßnahmen sprach er von einer »Ohrfeige für die Kinder an der Grenze«.

Militärische Bewertungen und Alltag passen oft nicht zusammen

Viele Bürgermeister und Gemeindevorsteher im Norden beklagen seit Monaten, dass militärische Lagebewertungen und die Lebenswirklichkeit der Bewohner oft nicht zusammenpassen. Denn die Frage vieler Familien lautet längst nicht mehr nur, ob Schulen wieder geöffnet sind. Sie fragen, ob sie darauf vertrauen können, dass diese Öffnungen dauerhaft Bestand haben und ob ihre Kinder in Sicherheit sind. Doch meist erhalten sie keine Antwort.

Gleichzeitig versucht die Regierung, Normalität herzustellen. Das israelische Bildungsministerium kündigte an, Schulen auch in den Grenzregionen wieder regulär öffnen zu wollen. Bildungsminister Yoav Kisch sprach von einem wichtigen Schritt zurück in den Alltag. Anders als in früheren Phasen sollten lokale Behörden diesmal weniger Spielraum erhalten, die Rückkehr in den Schulbetrieb solle landesweit möglichst einheitlich umgesetzt werden.

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Auf dem Papier klingt das nach einem Neustart. In Kiriat Schmona wirken die Zahlen jedoch wie eine stille Abstimmung der Eltern über ihre Zukunft. Denn hinter jedem nicht besetzen Kindergartenplatz steht eine Familie, die sich nicht sicher fühlt und zögert – oder möglicherweise bereits entschieden hat, gar nicht mehr in ihre alte Heimat im Norden zurückzukehren.

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