Modschtaba Chamenei

Wo ist der neue Ayatollah?

Modschtaba Chamenei (56) ist Sohn des vorherigen Ayatollahs Ali Chamenei. Foto: picture alliance / Middle East Images

Modschtaba Chamenei

Wo ist der neue Ayatollah?

Der »Oberste Führer« des Iran ist seit seiner Wahl nicht öffentlich aufgetreten. Ist er noch am Leben?

von Sabine Brandes  07.04.2026 18:14 Uhr

Das Schweigen ist laut. Jedes nicht gesprochene Wort, jedes unveröffentlichte Bild wiegt schwer. Die Welt fragt sich: Wo ist der neue Machthaber des Iran? Wo ist Modschtaba Chamenei? Seit knapp drei Wochen ist er der neue geistliche Anführer des Iran, öffentlich gezeigt hat er sich bislang nicht. Das nährt Spekulationen über seinen Gesundheitszustand, seinen Aufenthaltsort und seine tatsächliche Rolle in der Islamischen Republik. Was bleibt, sind Gerüchte, Vermutungen und Rätselraten.

Modschtaba Chamenei, geboren am 8. September 1969, ist ein schiitischer Geistlicher und der Sohn des vorherigen »Obersten Führers«, Ayatollah Ali Chamenei. Dieser wurde am 28. Februar bei einem gezielten Schlag Israels zu Beginn des US-israelischen Krieges gegen den Iran getötet.

Er bleibt verschwunden, zudem ist seine Wahl höchst umstritten.

Eine Quelle aus dem Iran berichtete, wie der jüngere Chamenei den Anschlag überlebt haben soll, schreibt die israelische Tageszeitung »Haaretz«: »In einer veröffentlichten Aufnahme ist ein hochrangiger Beamter aus Ali Chameneis Büro zu hören, der die Ereignisse während des ersten Kriegstages schildert. Seinen Angaben zufolge sei Chamenei junior in den Hof gegangen, als sich die Explosion ereignete. Er wurde am Bein verwundet, während sein Vater, seine Frau und sein Sohn noch am Tatort starben.« Das iranische Außenministerium bestätigte kurz darauf, dass Chamenei junior verletzt sei, sich jedoch in einem »guten Zustand« befinde.

Eine Woche später wurde er als dritter »Oberster Führer« des Iran bestätigt. Doch er bleibt verschwunden, zudem ist seine Wahl höchst umstritten.

Die Islamische Republik wurde 1979 nach dem Sturz der Monarchie gegründet, ihre Ideologie basiert darauf, dass der »Oberste Führer« aufgrund religiöser Autorität und bewährter Führung gewählt wird – nicht durch Erbfolge. Dennoch rückte der Sohn an die Spitze des Staates nach. Anders als der Senior, der häufig die Öffentlichkeit suchte, bleibt der »Islamische Prinz« bislang ganz und gar im Schatten.

Mehr als drei Wochen nach seiner Ernennung haben ihn die Iraner weder auf Fotos noch in Videos sehen können. Er gab lediglich zwei schriftliche Stellungnahmen ab. Hauptgründe könnten der andauernde Krieg sowie seine mutmaßliche Verletzung sein. Die Nachrichtenagentur Reuters schreibt: »Er wurde im staatlichen Fernsehen als ›Janbaz, ein verwundeter Veteran des aktuellen Konflikts‹ bezeichnet.«

Zur Behandlung in Moskau, mit dem Taxi durch Teheran? Gerüchte gibt es viele.

Israel und die USA gehen davon aus, dass Modschtaba Chamenei noch am Leben ist. Das US-Nachrichtenportal Axios berichtet unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, iranische Beamte würden versuchen, persönliche Treffen mit ihm zu arrangieren. »Wir glauben nicht, dass die Iraner sich all diese Mühe gemacht hätten, um einen Toten zum Obersten Führer zu ernennen. Gleichzeitig haben wir keinen Beweis dafür, dass er wirklich das Ruder übernommen hat«, zitiert das Portal einen US-Regierungsbeamten.

Nach Informationen aus westlichen Sicherheitskreisen gilt es als wahrscheinlich, dass er sich an einem geheimen Ort aufhält. Seine Kommunikationsmuster seien analysiert worden – mit dem Ergebnis, dass er nur noch über stark abgeschirmte Kanäle mit seinem engsten Kreis von Vertrauten kommuniziert und offenbar »aktiv versteckt« wird.

Und dann ist da noch die Russland-Fährte: Laut einem Bericht der kuwaitischen Zeitung »Al-Jarida« soll der 56-Jährige zur medizinischen Behandlung nach Moskau gebracht worden sein, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin ihm dies persönlich angeboten habe. Angeblich sei er mit einem russischen Militärflugzeug ausgeflogen worden. Der Kreml reagierte ausweichend mit den Worten: »Wir kommentieren solche Berichte grundsätzlich nicht.«

Der iranische Botschafter in Russland, Kazem Jalali, wies die Darstellung als »psychologischen Krieg« zurück. »Iranische Führer müssen nicht fliehen und sich in Verstecken verkriechen. Ihr Platz ist auf den Straßen unter dem Volk«, sagte er. Und prompt erschien auf einem Chamenei zugeschriebenen Account bei X eine neue Botschaft: Der »Oberste Führer« sei anonym in einem Taxi durch Teheran gefahren, um Gesprächen der Menschen zuzuhören – eine Methode, die er angeblich für aussagekräftiger halte als Umfragen. Beobachter im Iran halten dieses Szenario für wenig glaubwürdig und vermuten, die Revolutionsgarde wollte den neuen Führer bewusst volksnah inszenieren.

Auch die israelische Gerüchteküche brodelt. Das Nachrichtenportal Ynet beruft sich auf einen hochrangigen Sicherheitsbeamten, dem zufolge Modschtaba Chamenei zwar bei Bewusstsein sei, aber nicht öffentlich auftreten könne. »Daher verbreitet die Revolutionsgarde Mitteilungen in seinem Namen. Dort geschieht wirklich etwas sehr Merkwürdiges.«

Im Zentrum der Spekulationen steht damit vor allem die Frage nach seinem Gesundheitszustand. Mehrere Medien aus aller Welt berichten, dass er den Angriff »nur knapp überlebt« habe. Auch der israelische Iran-Experte Meir Javedanfar hält eine schwerere Verletzung für plausibel: »Das Regime hat ein starkes Interesse daran, Schwäche zu verbergen. Ein verletzter Führer würde sofort Machtkämpfe auslösen.«

Während Chamenei im Schatten bleibt, zeigt der Fall Ali Laridschani, wie gefährlich Sichtbarkeit für Mitglieder des Regimes geworden ist. Der einflussreiche Politiker und enge Vertraute von Chamenei senior trat nach dessen Tod demonstrativ öffentlich auf, sprach vor Anhängern und signalisierte Handlungsfähigkeit. Kurz darauf wurde auch er bei einem gezielten Angriff durch Israels Militär getötet. »Es ist ein klares Muster«, resümiert der Nahost-Experte Michael Milshtein. »Wer sichtbar ist, wird zur Zielscheibe.«

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Wahlen

Arabisch-israelisches Zünglein an der Waage?

Der Aktivist Yoseph Haddad will den Sprung in die Politik wagen und könnte im festgefahrenen Rennen um die Knesset entscheidend sein

von Sabine Brandes  21.05.2026

Aschkelon

Israel schiebt Hunderte Flottillen-Aktivisten ab

Während die ausländischen Flottillenaktivisten vom Flughafen Ramon aus ausgeflogen werden, steht die israelische Teilnehmerin Zohar Regev in Aschkelon vor Gericht

 21.05.2026

Jerusalem

»Nicht das Gesicht Israels«: Sturm der Entrüstung gegen Ben-Gvir

Der rechtsextreme Politiker steht in der Kritik, weil er ein Video veröffentlichte, in dem Aktivisten der Gaza-Flotille gedemütigt werden. Auch Regierungschef Benjamin Netanjahu distanzierte sich von seinem Minister

von Sabine Brandes  21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Meinung

Das entspricht nicht der Essenz unseres Landes!

Man muss keine Sympathie für die Aktivisten der Gaza-Flotille haben, um die Art abzulehnen, wie Itamar Ben-Gvir mit ihnen umgegangen ist. Der Minister hat dem Ansehen Israels geschadet

von Sarah Cohen-Fantl  21.05.2026

Herzliya

Israelische Studie: Sexy Profilbilder können Dating-Erfolg mindern

Eine Untersuchung der Reichman University zeigt: Stark sexualisierte Fotos in Dating-Profilen erzeugen zwar Aufmerksamkeit, schmälern aber die Chancen auf eine ernsthafte Beziehung

 21.05.2026

Würdigung

»Wo andere laut schweigen, lässt sie sich nicht unterkriegen«

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland würdigt in seiner Laudatio auf die Jüdische Allgemeine die Verdienste der Redaktion - und ihren Mut

von Abraham Lehrer  21.05.2026