Geiseln

»Wie bitte - es gab keine Dringlichkeit?«

Gal Hirsch ist Israels Beauftragter für für Geiseln und Vermisste Foto: Flash90

In Israel wächst die öffentliche Empörung über Gal Hirsch, den Koordinator für die Freilassung der Geiseln und Vermissten im Büro des Premierministers. Nach einer Serie von Interviews, darunter ein viel beachtetes Gespräch mit der linksliberalen Tageszeitung Haaretz, fordern zahlreiche ehemalige Hamas-Geiseln und Angehörige von Ermordeten seinen sofortigen Rücktritt.

In der Haaretz sagte Hirsch, dass die Demonstrationen für die Freilassung der Geiseln es der Hamas ermöglicht hätten, ihre eigene Propaganda zu verstärken. Er imitierte die bekannten Slogans wie »All of them, now!« (Alle - jetzt) und erklärte, dass es »keine Notwendigkeit gegeben hat, diesen Eindruck von Dringlichkeit zu vermitteln«. Aus seiner Sicht hätten solche öffentlichen Kundgebungen der Terrororganisation geholfen, Druck auf Israel und internationale Akteure auszuüben.

Viele Betroffene zeigten sich geschockt. Sie sehen darin eine Verharmlosung des Schicksals der ehemals in Gaza festgehaltenen Menschen. Vor allem die Wortwahl erscheint vielen nicht nur taktlos, sondern geradezu zynisch angesichts der unmenschlichen Haftbedingungen in den Terrortunneln der Hamas, der Folterberichte, der körperlichen, seelischen und sexuellen Gewalt, die die unschuldigen Menschen zum Teil mehr als zwei Jahre lang ertragen mussten. Sie sehen gerade in dem Gefühl der Dringlichkeit, das die Proteste ausdrückten, eine moralische Notwendigkeit.

Manche Forderungen seien von Hamas instrumentalisiert worden

Hirsch betonte, er sehe Solidaritätsaktionen grundsätzlich positiv, weil sie »die Stärke des israelischen Volkes« zeigen würden, doch machte er deutlich, dass die spezifischen politischen Forderungen in manchen Fällen von der Hamas instrumentalisiert worden seien und ihre Verhandlungsposition gestärkt habe.

Während Unterstützer meinen, Hirsch habe lediglich die Komplexität der Verhandlungen und die Gefahr von Propaganda‑Instrumentalisierung hervorgehoben, sehen Kritiker in seinen Äußerungen eine Verkennung der Realität und eine Verletzung des Vertrauens, das Familien in seine Rolle gesetzt hatten.

Die Kritik der Betroffenen fiel scharf aus. Mehr als 70 Angehörige und ehemalige Geiseln unterzeichneten einen offenen Brief an Hirsch, in dem sie fordern, dass er »sofort« zurücktritt. Unter den Unterzeichnern waren neben Gal Diekman auch ehemalige Geiseln wie Shani Goren, Arbel Yehoud, Karina Engel und Or Levy, sowie zahlreiche Familien wie die Bibas, Calderon und Avigdori.

Geisel-Angehöriger Gal Diekman: »Wer die Hoffnung und das Vertrauen der Familien so missbraucht, darf nicht länger in dieser Position bleiben.«

In dem Schreiben erklärten sie, Hirsch habe die Familien jahrelang mit »Falschdarstellungen, Lügen und leeren Illusionen« konfrontiert, sie bedroht und unter Druck gesetzt, nicht gegen den Premierminister öffentlich zu sprechen – während er zugleich durch seine Funktion Macht über die Geiselverhandlungen hatte.

»Weil das menschliche Leben für ihn nicht dringend genug war, haben überlebende Geiseln verlängerte Torturen ertragen müssen«, heißt es in dem Brief. »Geiseln, die ermordet wurden, wurden in fremdem Boden begraben, und 46 Menschen, die noch lebend hätten zurückkehren können, wurden ermordet oder starben wegen fehlender medizinischer Versorgung.«

Die Unterzeichner werfen Hirsch zudem vor, seine Rolle politisch zu instrumentalisieren: »Er ist nichts weiter als ein politischer Akteur, der Schutz innerhalb einer Partei vor den Wahlen sucht«, steht geschrieben.

Mehrere Angehörige von Geiseln hatten schon vor seinen Interviews Kritik an Hirsch geäußert. Einige berichten, sie könnten »viel erzählen, tun es aber nicht«, weil sie befürchteten, dass ihre Worte politisch missbraucht werden.

Emotionale Reaktion der früheren Geisel Or Levy

Gal Diekman, der Cousin der Geisel Carmel Gat, die monatelang in den Tunneln von Gaza festgehalten, und schließlich von Terroristen zusammen mit fünf weiteren jungen Mit-Geiseln erschossen wurde, sagte: »Wir haben lange geschwiegen, obwohl wir viel hätten sagen können. Aber jetzt reicht es. Wer die Hoffnung und das Vertrauen der Familien so missbraucht, darf nicht länger in dieser Position bleiben.«

Besonders emotional fiel die Reaktion der früheren Geisel Or Levy aus, der 491 Tage im Gazastreifen vor sich hin vegetierte. Seine Frau Einat wurde bei dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in südlichen israelischen Gemeinden mit mehr als 1200 Toten und 251 Geiseln ermordet. In einem öffentlichen Post auf Facebook schrieb Levy: »Gal Hirsch, schäm dich! Wer bist du, über uns oder unsere Familien zu sprechen?«

Er schilderte, wie seine 70‑jährigen Eltern einem Kleinkind erklären mussten, dass seine Mutter ermordet sei und sein Vater »verloren« worden sei. Levy kritisierte auch, dass Hirsch kaum direkten Kontakt zu den Familien gehabt habe, aber nun öffentlich über ihre Gefühle und Verluste urteile. Er warf ihm vor, seine Aussagen seien Teil einer »politischen Narrativ-Kampagne im Vorfeld der Wahlen« und nicht Ausdruck echter Anteilnahme.

Auch andere ehemalige Geiseln meldeten sich zu Wort. Manche beschrieben, wie die Proteste ihnen in der Geiselhaft Hoffnung gegeben und ihren Überlebenswillen gestärkt hätten, als sie Bilder der Kundgebungen sahen. Wie Matan Zangauker, der sagte, dass ein Hamas-Anführer ihn extra zu sich gerufen habe, weil seine Mutter Einav eine der lautstärksten Demonstrantinnen war.

»Der Scheich des Tunnels, ihr Kommandant, kam zu mir«, berichtete Matan dem Fernsehsender Channel 12. »Er fragte mich: ‚Du bist Zangauker, richtig?‘ Ich sagte: ‚Ja, wieso?‘ Und er antwortete, dass meine Mutter Proteste organisiert und das ganze Land aufgerüttelt.« Es habe ihm viel Kraft gegeben», so der junge Israeli in dem Interview. «Ich war sehr froh, das zu hören, und es hat mir unglaublich geholfen.»

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