Wirtschaft

Wenn Krembo zum Luxus wird

Acht Schokoküsse für umgerechnet fünf Euro: Viele Israelis überlegen zweimal, ob ein Produkt wirklich notwendig ist.

Es gibt ihn nur im Winter. Und viele Israelis freuen sich schon lange im Voraus darauf: den Krembo. Die Süßigkeit aus Eischaum mit Schokoladenüberguss und Keksbasis taucht im November in allen Supermärkten auf und ist meist nur für einige Wochen zu haben. Doch derzeit liegt das leichte Naschwerk wie Blei in den Regalen. Denn der Hersteller Strauss hat die Preise angezogen. Wieder einmal. Eine Packung mit acht Schokoküssen kostet derzeit 18,90 Schekel, neun Prozent mehr als im vergangenen Winter. Umgerechnet sind das etwa 5,10 Euro.

Auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv steht Chantal Levin im Süßwarengeschäft »Matok Schuk« und legt zwei Packungen in den Einkaufskorb. »Wenn der erste Winterregen einsetzt, gehören Krembos einfach dazu. Das war schon so, als ich ein Kind war«, erzählt sie und lächelt. Heute will sie ihren Enkeln damit eine Freude bereiten. »Doch fast 40 Schekel für zwei Packungen, das tut schon weh.«

»Kann ich mir nicht leisten«

Hinter ihr räuspert sich ein älterer Mann in der Schlange, der eine Tafel Schokolade in der Hand hält. Er zeigt auf die Krembos in Levins Korb und sagt trocken: »Kann ich mir nicht leisten.« So wie ihm geht es vielen israelischen Durchschnittsverdienern. Die hohen Lebenshaltungskosten im Land belasten den Wohlstand und verschärfen soziale Spannungen, während die Israelis zudem mit den wirtschaftlichen Folgen des Krieges zu kämpfen haben.

Mittlerweile belegt Israel im OECD-Ranking der Industrieländer den vierten Platz im Hinblick auf die Lebenshaltungskosten. Nur in der Schweiz, Island und Irland kostet das alltägliche Leben noch mehr. Seit 2009 ist der israelische Warenkorb um 40 Prozent teurer geworden.

Nur drei Produzenten dominieren den Lebensmittelmarkt.

Ökonomen sprechen von einem paradoxen Befund: Gemessen am allgemeinen Preisniveau, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), ist Israel das teuerste Land in der gesamten OECD – obwohl das israelische BIP pro Kopf nur 92 Prozent des Durchschnitts erreicht.

»Das bedeutet, dass unser Preisniveau im Verhältnis zu unserem wirklichen Wohlstand viel zu hoch ist«, erklärt Mishel Schtrebzinski, Wirtschaftsexperte an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Die Gründe für Israels hohe Preise sind systemisch. Es gibt eine außergewöhnlich hohe Marktkonzentration, Importbarrieren, mangelnde Konkurrenz, überhöhte Abgaben und eine ineffektive Regulierung. Besonders deutlich wird das auf dem Lebensmittelmarkt: Ein Bericht des Staatskontrolleurs von 2024 zeigt, dass bei 20 von 38 Produktkategorien – darunter Grundnahrungsmittel wie Brot, Eier, Kaffee, Reis, Nudeln oder Geflügel – lediglich drei Unternehmen mehr als 85 Prozent des Marktes kontrollieren. »Wenn Sie Instantkaffee, Frühstücksflocken oder süße Sahne kaufen, dann stammen sie fast immer von denselben drei Produzenten«, heißt es darin.

Dominanz ermöglicht durchgehend hohe Preise

Diese Dominanz ermöglicht durchgehend hohe Preise. Hinzu kommen seit dem 7. Oktober 2023 die Kosten für den Krieg. Der Einsatz von Hunderttausenden Reservisten führte zu Produktionseinbrüchen, Supermärkte strichen Rabatte, Händler nutzten Engpässe für zusätzliche Preiserhöhungen.

Vergleichszahlen sind oft drastisch: Lebensmittelpreise in Israel liegen rund 50 Prozent über dem EU-Durchschnitt und 37 Prozent über dem OECD-Durchschnitt. Ein besonders extremes Beispiel: Vollkornbrot ist um 250 Prozent teurer, Make-up-Produkte kosten teils 400 Prozent mehr als in Europa.

Itai Ater, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Fakultät für Management der Universität Tel Aviv, führt den Anstieg der Lebensmittelpreise auf das Fehlen einer entsprechenden Regierungspolitik zurück. »In jeder Umfrage zählen die Lebenshaltungskosten zu den Themen, die den Israelis am meisten Sorgen bereiten. Doch die Regierung hat keine nennenswerten Maßnahmen oder Reformen vorangetrieben.« Wahlversprechen zur Senkung der Lebenshaltungskosten seien nicht eingehalten worden.

Seit 2009 ist der israelische Warenkorb 40 Prozent teurer geworden.

Die ohnehin schwächsten Haushalte trifft diese Entwicklung am härtesten. Eine Umfrage der gemeinnützigen Organisation »Latet« aus dem Oktober zeigt einen besorgniserregenden Anstieg von Unsicherheit. Rund 2,8 Millionen Israelis, das sind 32,1 Prozent der Bevölkerung, darunter 1,3 Millionen Kinder, leben mit der Sorge, nicht genug Lebensmittel kaufen zu können. Im Jahr 2024 lag dieser Wert noch bei 24,9 Prozent.

Wirtschaftsexperten fordern schon seit Langem weitreichende Reformen, um dagegen vorzugehen: mehr Marktliberalisierung und Wettbewerb, weniger Importbarrieren. Denn trotz eines robusten Wirtschaftskerns schaffe Israel es nicht, die Lebenshaltungskosten unter Kontrolle zu bringen, argumentieren sie.

Kombination aus hoher Inflation und hohen Zinsen

Auch Matanyahu Engelman, Israels Staatskontrolleur, warnt seit Monaten vor einer Eskalation. »Die Lebenshaltungskosten in Israel steigen rasant, und die Kombination aus hoher Inflation und hohen Zinsen erschwert den Alltag der Haushalte erheblich«, sagte er in einem Interview im öffentlich-rechtlichen Sender »Kan«.

»Das Land ist wirtschaftlich widerstandsfähig – aber viele Bürger können sich das Leben hier kaum noch leisten«, so Engelman. Seiner Meinung nach müsse der Kampf gegen die überzogenen Lebenshaltungskosten endlich oberste politische Priorität sein. »Es sind die vielen kleinen Dinge, die am Ende das Leben teuer machen. Und genau dort muss der Staat ansetzen.« Und zu den kleinen Dingen des Lebens gehört eben auch der beliebte Wintersnack Krembo.

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