Ehemalige Geiseln

»Unsere Liebe hat das Unvorstellbare überlebt«

Arbel Yehoud (30), israelisch-deutsche Staatsbürgerin, wurde gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ariel Cunio (28) am 7. Oktober 2023 von Terroristen der Hamas als Geisel genommen. Arbels ältester Bruder Dolev wurde ebenfalls als Geisel genommen und am 1. Juni 2024 für tot erklärt. Ariels Bruder David Cunio wurde mit seiner Frau Sharon, ihren zweijährigen Zwillingen Yuli und Emma sowie Sharons Schwester Danielle und deren Tochter Emilia entführt. Sharon, Danielle und die Mädchen wurden Ende November 2023 freigelassen. David und Ariel kamen erst nach 738 Tagen zurück nach Hause. Arbel und Ariel haben eine Spendenkampagne auf der israelischen Plattform giveback eröffnet, damit – wie sie sagen - »ein Neuanfang für uns möglich ist«.

Arbel und Ariel erzählen ihre eigene Geschichte

Ariel und ich sind im Kibbuz Nir Oz geboren und aufgewachsen. Unsere Eltern waren Nachbarn, und wir wuchsen Seite an Seite auf denselben Wegen, auf denselben Feldern, in derselben kleinen Gemeinschaft auf, in der jeder jeden kennt. Als wir älter wurden, veränderte sich etwas zwischen uns. Langsam, ohne große Worte oder besondere Momente, verliebten wir uns.

Es war Ende 2018. Zuerst hielten wir es geheim, sogar vor unseren engsten Freunden. Wir versuchten, es zu verbergen, und redeten uns ein, dass es wahrscheinlich nicht ernst gemeint war. Ariel plante eine lange Reise nach Südamerika, und wir nahmen an, dass die Beziehung nicht halten würde.

Aber wir irrten uns. Unsere Liebe wurde nur noch tiefer. Als er zurückkam, gab es keinen Zweifel mehr: Wir wollten wirklich zusammen sein. Wir erzählten es allen und machten unsere Beziehung offiziell. Unsere Freunde lachten und sagten, sie hätten es schon immer gewusst; sie hätten nur darauf gewartet, dass wir endlich aufhörten, so zu tun. Sehr schnell zogen wir zusammen. Wir adoptierten ein süßes Kätzchen und führten ein einfaches, ruhiges Leben mit Arbeit, Freunden und dem Kibbuzleben in einem kleinen, bescheidenen Haus in Nir Oz.

Wir spazierten durch die Felder, machten Picknicks, hörten Musik, tanzten zusammen im Wohnzimmer, kochten, sahen Filme und teilten die Faszination für den Weltraum. Nachts gingen wir hinaus, um Sterne zu beobachten, saßen in der Kibbuz-Kneipe und passten auf unsere Nichten und Neffen auf.

Arbel und Ariel: »Wir malten uns unsere gemeinsame Zukunft aus: eine Familie, Kinder, die aufwachsen auf denselben Kibbuzwegen, auf denen wir aufgewachsen sind und unsere Träume träumten.«

Wir malten uns unsere gemeinsame Zukunft aus: eine Familie, Kinder, die aufwachsen auf denselben Kibbuzwegen, auf denen wir selbst aufgewachsen waren, denselben Wegen, auf denen wir Fußball spielten, uns auf Skateboards duellierten und unsere Träume träumten. Anfang Oktober 2023 adoptierten wir einen süßen Welpen und nannten ihn Murph. Das Leben war schön. Ruhig. Vollkommen. Und dann kam der 7. Oktober.

An diesem Morgen wachten wir gemeinsam vom Heulen der Sirenen und dem Knallen der Raketen auf. Wir rannten mit Murph in den Sicherheitsraum, verriegelten das Haus und sperrten alles ab. Wir schrieben unseren Familien, um zu verstehen, was vor sich ging. Gegen 7 Uhr morgens hörten wir Schüsse. Uns wurde klar, dass sich Terroristen im Kibbuz befanden, obwohl wir keine Ahnung hatten, wie viele.

Gegen 8.30 Uhr hörten wir Stimmen von unserem Balkon. Ich sagte zu Ariel, es müsse das Militär sein, sie seien da, um uns zu beschützen. Sekunden später hörten wir eine gewaltige Explosion. Die Stimmen draußen waren auf Arabisch. Wir verstanden – die Terroristen waren in unserem Haus. Wir versteckten uns unter dem Bett. Ariel bat mich, meinem Bruder Dolev und dem Sicherheitskoordinator des Kibbuz eine Nachricht zu schicken und sie zu warnen, dass sich Terroristen in unserem Haus befanden.

Ich schaffte es, die Nachricht abzusenden, und genau in diesem Moment wurde die Tür zum Sicherheitsraum aufgebrochen. Ich hielt Murph die Hand über den Mund, damit sie nicht bellte, und ein Bild aus Holocaust-Geschichten blitzte mir durch den Kopf: Frauen, die ihren Babys aus Angst den Mund zuhielten, bis sie erstickten. Ich hatte panische Angst, sie zu töten. Es half nichts. Sie fanden uns. Sie kippten das Bett um und zerrten uns gewaltsam hinaus. Murph bellte, und einer der Terroristen erschoss sie sofort. Wir hörten ihre Todesschreie und sahen ihr Blut fließen.

Terroristen stritten, ob sie sie töten oder als Geiseln nehmen sollten

Vier Terroristen hielten uns fest, schlugen uns, schrien und fluchten, während zwei andere das Haus nach Waffen durchsuchten. Einer von ihnen zerrte mich an den Haaren zu Boden und trat so lange auf mich ein, bis zwei meiner Rippen brachen. Ariel wurde auf Kopf und Oberkörper geschlagen, und ihm wurde ein Messer an den Hals gehalten. Sie stritten sich, ob sie uns töten oder als Geiseln nehmen sollten. Nach Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, beschlossen sie, uns nach Gaza zu bringen. Sie zerrten uns nach draußen.

Wir kamen am Haus von Ariels Bruder Eitan und seiner Frau Stav vorbei. Das Haus stand in Flammen. Wir wussten nicht, ob sie noch drin waren, ob sie noch lebten. Sie zerrten uns auf ein Motorrad und fuhren in Richtung Gaza. Kurz vor der Grenze verunglückte das Motorrad. Eine Menschenmenge aus Gaza versammelte sich und schrie: »Es gibt Geiseln!«, schlug uns erneut, während um uns herum Chaos ausbrach. Eine Gruppe Terroristen anderer Organisationen traf ein, kämpfte mit den Hamas-Nukhba-Kämpfern und entführte uns. Wir wurden in einen Pick-up geworfen und nach Gaza gefahren.

Im ersten Haus nahmen sie uns unseren Schmuck ab, zogen uns aus, durchsuchten uns und steckten uns in traditionelle Kleidung. Wir wurden verhört und nach Namen, Telefonnummern und Profilen in sozialen Medien gefragt. Dann wurden wir in einen Keller gebracht, wo wir zwei Stunden lang saßen. Ariel sah mich an und sagte: »Unser Leben ist vorbei. Und wenn wir das überleben, bleiben wir nicht in diesem Land.«

Später brachten sie uns in ein anderes Fahrzeug. Wir saßen hinten, Hand in Hand, und fuhren durch die Straßen von Khan Younis. Plötzlich hielt der Wagen an. Ein anderes Fahrzeug hielt neben uns. Drei Terroristen stiegen aus, öffneten die Tür auf Ariels Seite, rissen ihn von mir weg und zerrten ihn in den anderen Wagen. Ich schrie: »Nein!«

Wir konnten uns nicht verabschieden. Sie schlugen mich und befahlen mir, still zu sein. Ich sah durch die Heckscheibe, wie der Wagen mit Ariel links abbog und verschwand. Ich sah ihn nicht mehr wieder.

In Gefangenschaft ertrug ich, Arbel, Verhöre, Misshandlungen, Versuche, mich zwangszubekehren und zu verheiraten, Bedrohungen und ständige Angst. Ich lebte im Hunger, in Angst vor den Geräuschen der Kämpfe und in unhygienischen Verhältnissen.

Arbel Yehoud: »Zu Beginn des Krieges gab es Gespräche darüber, dass sie uns verkaufen oder aus Gaza herausschmuggeln wollen.«

Die Umstände erinnerten mich an Berichte über den Holocaust. Ich wusste, Ariel war allein, genau wie ich. Zu Beginn des Krieges gab es Gespräche darüber, uns zu verkaufen oder aus Gaza zu schmuggeln. Wir schrieben uns auch Briefe. Viele davon sind uns noch in Erinnerung. Ich führte ein Notizbuch, das zu meinem Tagebuch wurde. Eines Tages musste ich schnell den Ort wechseln und es zurücklassen. Als Ariel nach Israel zurückkehrte, bestätigte sich meine Hoffnung: Das Notizbuch war bei ihm angekommen. Er las es jeden Tag. Es wurde sein engster Begleiter.

Ich hatte uns dort gezeichnet: unsere Hochzeit, die Familie, die wir gründen würden, und Seite um Seite darüber geschrieben, wie sehr ich ihn liebte und mein Leben nur mit ihm verbringen wollte. Im Juni erfuhr ich aus den arabischen Radionachrichten, dass mein geliebter Bruder Dolev, der bis dahin als Geisel galt, für ermordet erklärt worden war. Ich war allein mit meiner Trauer. Eine überwältigende Welle des Schmerzes überkam mich. Ich wusste nicht, wie ich mich davon erholen sollte. Die Verpflichtung meiner Familie und Dolevs Familie gegenüber gab mir die Kraft, Tag für Tag zu überleben.

Am Tag meiner Freilassung wurde ich direkt nach dem Morgengebet geweckt. Wir saßen stundenlang auf dem Boden eines eiskalten Hangars. Dann wurden wir in einen Lieferwagen verfrachtet und gefahren. Unterwegs hielten wir für inszenierte Filmaufnahmen an. Menschenmengen umringten uns und riefen »Arbel, Arbel« und hämmerten gegen die Türen. Am Freilassungsort wurde mir gesagt, ich müsse allein durch die Menge gehen, damit sie ein Video drehen konnten. Ich erinnere mich an die Schreie, die Kameras, den Horror. Im letzten Moment riss mich ein Helfer des Internationen Roten Kreuzes aus den Händen der Terroristen und schob mich in ein Fahrzeug.

Seit meiner Rückkehr habe ich nicht wirklich ins Leben zurückgefunden. In dem Moment, als ich die Grenze überquerte und Ariel zurückließ, zerbrach mein Herz. Wir wurden zusammen entführt, ich kam frei, er nicht. Sein Bruder und Dutzende andere waren noch dort. Den größten Teil meiner Zeit widmete ich dem Kampf, sie alle nach Hause zu bringen. Wenn ich nicht kämpfte, klammerte ich mich an Familie und Freunde, nur um atmen zu können. Ich konnte nachts nicht schlafen. Genau wie in Gaza konnte ich auch zu Hause nicht schlafen.

Arbel unternahm drei Suizidversuche in Gaza

Ich traf mich mit Entscheidungsträgern und erklärte ihnen, was es bedeutet, in Gaza als Geisel gehalten zu werden, allein, im Krieg, unter Bombardierungen. Ich sprach über die Gefahr, die Hoffnung zu verlieren. Ich selbst unternahm drei Suizidversuche in Gaza. Jede Information über die Proteste, jedes Foto meiner Familie, jedes Zeichen, dass jemand für uns kämpfte, gab mir die Kraft zum Überleben.

Ariel wurde erst nach 738 Tagen Gefangenschaft freigelassen. Über zwei Jahre absolute Isolation und der Kampf ums tägliche Überleben. Er wurde allein in beengten, provisorischen Räumen festgehalten, die manchmal nicht größer waren als seine Matratze, umgeben von gestapelten Kisten, die ihn verbergen sollten. Keine Toilette. Keine Dusche seit Monaten. Ständiger Hunger. Ständige Angst vor Bombardierungen und dem nahenden Tod. Er wusste nicht, ob ihn jemand suchte, ob seine Familie noch lebte, ob er eine Zukunft hatte oder ob er jemals lebend davonkommen würde.

Für uns beide war die größte Belastung nicht nur die körperliche, sondern die Einsamkeit. Allein zu sein mit den Gedanken, der Verzweiflung, der Depression. Auch er hatte Momente, in denen der Tod näher schien als das Leben. Was ihn immer wieder zurückhielt, war der Gedanke an mich, die Möglichkeit, dass wir uns wiedersehen würden, dass wir vielleicht noch ein gemeinsames Leben haben könnten, seine Familie, unsere Freunde.

Doch selbst die Entlassung war nicht das Ende der Geschichte. Sie war nur der Beginn eines neuen Kampfes: ein Kampf, uns selbst in einer Realität zurückzugewinnen, die wir so noch nie erlebt hatten. Jetzt, wo er hier ist, entdecken wir, dass die Rehabilitation ein langer und schmerzhafter Weg ist. Schlaflose Nächte. Erinnerungen, die uns nicht loslassen wollen. Ängste, die ohne Vorwarnung auftauchen.

Das Paar versucht, eine neue Zukunft zu erschaffen

Wir lernen wieder, wie man lebt, wie man zusammen ist, wie man der Welt vertraut. Unser kleines, gemütliches Zuhause in Nir Oz ist verschwunden. Wir haben keinen Ort, zu dem wir zurückkehren können. Aber wir haben einander. Aus den Trümmern, aus dem Schmerz versuchen wir langsam, eine neue Zukunft zu erschaffen – ein Zuhause, eine Familie, ein Leben in Ruhe und liebevoller Routine. Dies ist keine Rückkehr zum Vergangenen. Es ist ein neuer Anfang. Verwundet, vorsichtig, aber mutig. Jeden Tag aufs Neue treffen wir die Entscheidung zu leben.

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Wir sind hier in Israel, hier haben wir die Chance zu heilen, weil so viele nicht mehr bei uns sind. Die tägliche Entscheidung zu leben ist eine tiefgreifende – für uns und für all jene, die wir jeden Moment vermissen.

Die Gefangenschaft hat uns auf eine Weise verändert, die wir noch immer lernen zu verstehen. Jede Unterstützung, die wir erhalten, ist mehr als nur Hilfe. Sie ist eine Botschaft, dass wir nicht allein sind, dass unsere Zukunft zählt und dass ein Neuanfang möglich ist. Unsere Liebe hat das Unvorstellbare überstanden. Nun kämpfen wir um die Chance zu leben.

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