Ehrenrettung

Stille, Salz und Sonnenlicht

Schon Kleopatra hat sich am Toten Meer verwöhnen lassen: Mittlerweile suchen hier auch Touristen und Einheimische Entspannung. Foto: Sabine Brandes

Manchmal, wenn die Welt zu laut wird und alle Orte sich zu ähneln beginnen, träume ich mich fort. Dorthin, wo die Stille hörbar wird, die Luft nach Salz schmeckt und der Horizont wie mit flüssigem Licht durchzogen ist. Ein Ort, der nicht nur tiefer liegt als jeder andere, sondern auch tiefer fühlen lässt. Das Tote Meer, dieser unwirkliche Spiegel zwischen Himmel und Wüste, ist mein persönlicher Ruhepol.

Und jetzt, da das Tote Meer in einer globalen Rangliste zum »zweitschlechtesten Reiseziel der Welt« erklärt wurde, spüre ich meine Zuneigung umso stärker. Denn wer jemals dort stand, 430 Meter unter dem Meeresspiegel, weiß: Das Tote Meer kann man nicht messen. Nicht in Sternen oder Punkten, nicht nach der sachlichen Logik einer Studie. Es entzieht sich jeder Form von Kategorisierung – wie ein Naturgeheimnis, das sich nicht erklären, nur erleben lässt.

Hartes Urteil

Das Urteil der Studie fällt hart aus. Sie wurde vom »Gepäckaufbewahrungsnetzwerk Stasher« durchgeführt und in der »Daily Mail« veröffentlicht. Analysiert wurden 101 der bekanntesten Sehenswürdigkeiten weltweit. Am Ende standen die zehn am schlechtesten bewerteten, basierend auf den Urteilen von Reisenden. Mit einem Score von nur 3,51 von zehn Punkten landet das Tote Meer nach Hollywoods »Walk of Fame« auf Platz zwei der enttäuschendsten globalen Sehenswürdigkeiten.

Die Gründe sind vielfältig und nachvollziehbar: schlechte Erreichbarkeit, Sicherheits- und Infrastrukturprobleme sowie ein immerzu sinkender Wasserstand. Auch Einheimische und Tourismusexperten geben zu, dass Jahre der Vernachlässigung deutliche Spuren hinterlassen haben: Strände sind teils unzugänglich, Naturschutzgebiete belastet, die Infrastruktur ist veraltet oder gar nicht erst vorhanden.

Tiefer sinken kann man nicht? Vielleicht ist es genau das, was mich anzieht. Dieser Abstieg unter den Meeresspiegel in eine Realität, die kaum etwas mit der Hektik der modernen Welt zu tun hat. Schon der Weg dorthin durch die Judäische Wüste wirkt wie das Betreten einer anderen Erzählung. Und irgendwo, am Ende, wartet das Meer, das keines ist – und doch für mich mehr als alle Ozeane zusammen.

Pure Magie

Denn dieser sonderbare See ist pure Magie. Das Wasser glitzert und trägt ein Versprechen: Wenn man sich zurücklehnt, schwebt man, als würde sich eine unsichtbare Hand unter einen legen. Es ist ein irrsinniges Gefühl, fast wie Zauberei und doch reine Physik, denn das Wasser hat einen Salzgehalt von mehr als 34 Prozent, rund zehnmal so viel wie das Mittelmeer.

Ich schwebe – an einem Ort, der aus der Logik unserer Welt herausfällt.

Wenn ich dort bin, lasse ich mich einfach treiben. Worte, sonst mein täglich Brot, sind hier fehl am Platz. Manche Besucher knipsen Selfies, lesen Zeitung im Wasser, Rituale, die zur Folklore geworden sind. Doch wer länger bleibt, der spürt, dass dieses Naturwunder mehr ist als nur Kulisse. Für mich ist es unmöglich, auf dem Toten Meer zu schweben, ohne das Gefühl zu verspüren, an einem Ort zu sein, der aus der Logik unserer Welt herausfällt.

Schlechtes Ranking

Vielleicht trifft das schlechte Ranking gerade deshalb bei mir nicht auf Enttäuschung, sondern auf Unverständnis. Denn ja: Die Infrastruktur ist marode und das Wasser halb verdunstet. Es ist nicht zu übersehen, dass die Gegend über Jahrzehnte vernachlässigt wurde. Doch trotz all der Makel hat das Tote Meer etwas, das viele perfekte Orte nicht besitzen: eine Aura, die nicht menschengemacht, sondern aus dem brachialen Aufeinandertreffen der Erdkrusten entstanden ist.

Nach dem Baden trockne ich mich ab, und kleine glitzernde Linien bleiben auf meiner Haut zurück: reines, glänzendes Salz. Ich gehe duschen, froh über das Süßwasser, weil das ölige Nass in jeder kleinen Wunde beißt. Von meiner Liege aus beobachte ich Menschen, die in Erdlöchern nach warmem Schlamm graben, sich die dunkelbraune Masse auf Bauch und Gesicht schmieren. Ich mache es ihnen nach. Der Matsch riecht überraschend gut und ist von der Sonne gewärmt. Dass Luft, Schlamm und Wasser hier heilende Kräfte besitzen, ist längst weltweit anerkannt. Schon Kleopatra soll sich am Toten Meer haben verwöhnen lassen.

Doch der Zauber dieses Ortes ist fragil. Jedes Jahr sinkt der Wasserspiegel um rund 1,5 Meter, weil der Jordan, einst seine Lebensader, fast vollständig umgeleitet wird. Der See verdunstet schneller, als er sich füllen kann, und zurück bleiben mit Salzwüsten, Senklöchern und verlassenen Stränden Narben eines langsamen Sterbens. Seit Jahren wird über Rettungspläne debattiert – umgesetzt wurde bisher keiner. Vielleicht hat die Welt auch deshalb entschieden, dass das Tote Meer »nicht gut genug« sei. Sieht sie nur, was fehlt, und nicht, was geschützt werden muss?

»Das achte Weltwunder«

Wenn ich zurück in Richtung Meeresspiegel fahre, taucht die untergehende Sonne die Hügel auf jordanischer Seite in ein göttliches Rot. Ich denke an den Naturschützer, der das Tote Meer einst »das achte Weltwunder« nannte.

Sicherlich ist es kein bequemes Reiseziel, kein Ort für Postkarten-Perfektion. Doch für mich ist das Tote Meer ein Gedicht aus Stille, Salz und Sonnenlicht. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe komme und der mich jedes Mal daran erinnert, dass Schönheit nicht makellos sein muss.

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