Wirtschaft

Steigt die Gefahr, sinkt der Umsatz

Terror trifft mitten ins Herz. Er versetzt in Angst, bedroht, beschädigt und zerstört. Doch nicht nur das Leben und Sicherheitsgefühl der Menschen, sondern auch die Wirtschaft. Innerhalb kaum mehr als einem Jahr müssen viele Geschäfte zum zweiten Mal herbe Verluste einstecken. Manche haben noch nicht einmal die Kredite, die sie nach der Militäroperation »Protective Edge« in Gaza aufnehmen mussten, abbezahlt, da kommt schon der nächste Schock.

Alon Schabtay, Eigentümer mehrerer Restaurants in Jerusalem, ist einer der Betroffenen. »Jedes Jahr oder mindestens jedes zweite gibt es hier bei uns eine extrem schwierige Zeit, in der die Geschäfte schlecht gehen. Wenn wir den Kopf gerade wieder einigermaßen über Wasser halten können, kommt schon der nächste Crash.« Schabtay beschäftigt mehr als 200 Menschen in seinen Lokalen. »Und wenn die ihren Job verlieren würden, dann trifft es sofort 200 Familien. Das ist ein riesengroßes Problem für unsere Stadt.«

Einbussen
Einige Lokalbesitzer berichten von Einbußen bis zu 80 Prozent während der sogenannten Messer-Intifada, die seit Wochen vor allem die Hauptstadt lähmt. Ein Gastronom, der ein Lokal im Zentrum besitzt und seinen Namen nicht nennen möchte – »weil das schlecht fürs Geschäft ist« –, schaut seit rund drei Wochen auf fast leere Tische. Die Menschen seien einfach nicht in Ausgehlaune, wenn hinter den Ecken Messerstecher lauern könnten, sagt der Mann. »Und ich kann das sogar verstehen. Auch ich persönlich bin momentan am liebsten zu Hause.«

Er ist desillusioniert. »Wir haben noch immer einen Kredit laufen, den wir für den Ausgleich der Verluste während des Gaza-Krieges aufgenommen hatten. Und jetzt das. Ich weiß nicht, ob wir diesen Schlag überstehen können. Wenn das noch etwas länger so weitergeht, können wir den Laden hier bald dichtmachen.«

Auch auf dem Mahane-Yehuda-Markt im Zentrum herrscht seit Wochen Flaute. Tagsüber kaufen die Jerusalemer hier sonst gern die frischen Waren, abends pilgern sie in die angesagten Cafés und Restaurants, die sich in den vergangenen Jahren zur Freude der Städter angesiedelt haben. Doch viele von ihnen bleiben in diesen Tagen weg. Nicht so Ronit Reis. Sie geht noch regelmäßig auf dem Markt einkaufen. Denn die Frau aus Modiin, die dreimal die Woche in Jerusalem arbeitet, ist überzeugt, dass vieles auch Panikmache sei. »Es sterben mehr Leute bei Autounfällen, das ist eine Tatsache. Trotzdem setzen sich alle noch in ihre Wagen. Wenn über jeden noch so kleinen Zwischenfall riesengroß berichtet wird, dann bestimmt das natürlich das Gefühl in unserem Land. Es schürt die Paranoia und hilft niemandem. Den Geschäftsleuten schon gar nicht.«

Konsum
Dennoch meinen Wirtschaftsexperten, dass die anhaltenden Terrorattacken die Wirtschaft tatsächlich langfristig schädigen und vielleicht sogar in eine Rezession drängen könnten. Denn Terrorismus trifft vor allem zwei Bereiche: Tourismus und Konsum. Die Einkäufe, die mit Kreditkarte bezahlt würden, seien 2015 im Vergleich zum gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres um elf Prozent zurückgegangen. Sogar Lebensmitteleinkäufe schrumpften – während der ersten Wochen der Messer-Attacken in Jerusalem um bis zu zwölf Prozent.

Viele Bekleidungsketten gaben in den ersten beiden Oktoberwochen an, Verluste »wie noch nie« gehabt zu haben. Die Einzelhandel-Verkaufsagentur RIS veröffentlichte, dass der Verkauf im Bereich Mode und Schuhe landesweit um 26.7 Prozent zurückging. Auch die Lieblingsbeschäftigung vieler Israelis, in großen Malls einkaufen zu gehen, fiel dem Terror zum Opfer, fand RIS heraus. Im »Malha«-Shopping-Zentrum in Jerusalem gingen die Verkäufe um 26 Prozent zurück, in Beer Shevas »Grand Canyon« um 20 Prozent und im »Azrieli«-Center von Tel Aviv sogar um 40 Prozent.

Eine Langzeitstudie der Universität Tel Aviv zeigt, dass der Terror, auf ein ganzes Jahr gerechnet, das Bruttoinlandsprodukt um drei Prozent schrumpfen lässt. Trotz der trüben Aussichten in diesen Wochen gibt das Tourismusministerium an, bislang kaum nennenswerte Stornierungen erhalten zu haben. 98 Prozent der Gäste aus dem Ausland seien geblieben, erklärte Amir Halevy, Generaldirektor im Ministerium. »Es ist ja auch nicht so, dass wir eine Anschlagswelle haben wie im Jahr 2000, als Hunderte von Israelis bei Attentaten getötet wurden.« Allerdings hätten einige der Besucher kurzfristig ihre Pläne geändert und Jerusalem aus ihrem Reiseplan gestrichen. Als Erklärung heißt es von den Reiseexperten, dass wohl die Messer-Anschläge im Ausland nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten wie im eigenen Land.

»Protective Edge« Nach dem Ende der 50 Tage andauernden Militäroperation im Juli/August 2014 gab die Bank of Israel an, dass der Tourismus rund ein Jahr brauchen werde, um sich von einem Krieg zu erholen. »Protective Edge« kostete die Wirtschaft rund 3,5 Milliarden Schekel (umgerechnet mehr als 830 Millionen Euro), zwei davon gingen durch die ausbleibenden Gäste aus dem Ausland verloren, der Rest ist dem Rückgang beim Konsum zuzuschreiben.

»Das ist eines der Ziele von Terrorismus«, heißt es in der Studie, »die Aufmerksamkeit der Medien zu erhalten und die Menschen zu verängstigen.« Und die Folgen spürt die Wirtschaft.

Im Sommer 2014 zeigten die Medien ein Heiliges Land voller Blut, in dem ausschließlich der Krieg regiert. Wenig Anreiz für Touristen, die Koffer zu packen. Laut Ratingagentur Moody’s hätten Anschläge in Ländern, die nicht an Terror gewöhnt sind, viel schwerwiegendere Auswirkungen. Dennoch: »Terror wird sich in Israel immer auf die Geschäfte auswirken. Je länger er andauert und desto tödlicher er ist.«

Washington D.C.

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