Diskriminierung

Stadt ohne Frauen

Wo ist Sandy Bars Kopf? Als neues Gesicht der Modemarke Honigman lächelt das Model im orangefarbenen Strickpulli von Litfasssäulen und Plakatwänden im ganzen Land. Nur in der Hauptstadt fehlt der brünette Schopf der Schönen.

Abgeschnitten. Stattdessen ziert lediglich Sandys Arm mit einer Tasche das Poster für die Winterkollektion. Wer dieser Tage in Jerusalem nach Frauen in der Werbung Ausschau hält, muss lange suchen. Weiblichkeit fehlt fast ganz auf Plakaten und Schildern. Auf Druck von extremen ultraorthodoxen Gruppen wird zunehmend zensiert und retuschiert.

Für viele war Sandys »Enthauptung« der letzte Tropfen, der das Fass der Wut zum Überlaufen brachte. Mehr und mehr Einwohner legten in den vergangenen Wochen Protestseiten in den sozialen Netzwerken an und beschwerten sich bei der Stadtverwaltung, um der Ausgrenzung von Frauen in der Werbung entgegenzutreten.

Boykott »Jetzt ist es genug«, schimpft Anat Frosener, Studentin an der Hebräischen Universität. Sie gründete die Protestgruppe »Boykottiert Honigman – wir zensieren keine Frauen«. Die Modefirma stehe dabei allerdings lediglich als Beispiel für viele, die mit diesem Tun konform gingen, erklärt sie.

Es sei eine Schande und Diskriminierung, den Kopf von einer Frau an einem Ort »abzuschneiden«, ihn im Rest der Welt aber zu zeigen. »Was will uns das Unternehmen damit sagen? Dass das weibliche Geschlecht hier nicht in Ordnung ist? Dass Frauen ihren Kopf in Jerusalem nicht auf den Schultern tragen und selbstbewusst in die Welt schauen dürfen?«

trend Die Studentin ist sauer und gruselt sich vor dem Trend in ihrer Stadt. »Es schaudert mich, wenn ich darüber nachdenke, was in den letzten Monaten geschehen ist.« So wie das Unternehmen Honigman sich anpasse, so werden es andere ihnen gleichtun, ist sie sicher. »Es herrscht zunehmend eine extremistische Atmosphäre hier, die Frauen degradiert und hinter Vorhängen verstecken will.

Ein anderes Phänomen dieser Kategorie sind die Rabbiner, die ihren Soldaten verbieten, den Gesang einer Frau zu hören. Damit wird Extremisten Tür und Tor geöffnet. Es ist gefährlich, doch leider ist der Anfang längst gemacht.«

Vielen fällt das Fehlen des Femininen in der Werbung auf den ersten Blick wahrscheinlich kaum auf. Doch wer mit offenen Augen durch die Straßen von Jerusalem spaziert, der wird sich wundern. Produkte und Themen, die geradezu nach der Abbildung von Menschen schreien, zeigen Abstraktes.

Wie die Restaurantkette, die zum »Happy Family Dinner« aufruft und einen Burger im Bild präsentiert. Boutiquen zeigen kopflose Modelle, Tanzschulen Schuhe oder wehende Stoffe. Keine lächelnden Frauen, nicht einmal ein Mädchen ist mehr zu sehen.

Poster In der neuen glänzenden Straßenbahn rufen in jedem Waggon Poster zu Organspenden auf. Das Bild zeigt ein Mosaik aus Menschen, die ihren Ausweis in die Kamera halten. Doch hoppla, sind ausschließlich Männer zum Spenden bereit? »Das Überschreiten einer Grenze«, so beschreibt die Kommentatorin Chana Pinchasi in der Tageszeitung Yedioth Ahronoth die Kampagne der landesweiten Spenderdatei ADI. »Brauchen Frauen keine Organe, spenden sie keine?«

Zwar zeigt Pinchasi, selbst religiöse Jüdin, Verständnis für das Bedürfnis ultraorthodoxer Juden, die Sittsamkeit zu wahren, »das hier aber ist völlig unverständlich. Organspende steht für die Gleichheit von Frauen und Männern, Arabern und Juden, Religiösen und Säkularen. (...) Der ADI-Ausweis zeigt unsere Menschlichkeit. Mit dem Poster aber wird diese wertvolle Bedeutung gänzlich negiert.«

Erklärungen der Firmen oder Organisationen, die Frauen als Werbeträger ausblenden, gibt es wenige und wenn, dann nur vage. Einer schiebt die Schuld auf den anderen. Doch die meisten kennen die Gründe ganz genau und nennen sie – wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand.

Eine Mitarbeiterin in einer großen Jerusalemer Werbeagentur, die ihren Namen nicht nennen möchte, weiß: »Es wird zensiert, weil ultraorthodoxe Kunden sonst ganz klar mit Boykott drohen. ›Ihr werbt mit Frauen, wir kaufen nicht‹, heißt es immer öfter. Sie haben riesigen Einfluss. Und je mehr ein Unternehmen auf diese Gruppe angewiesen ist, desto schneller wird zensiert, manchmal sogar von selbst. Für uns ist das schon längst Alltag geworden.«

Druck Die Stadtverwaltung indes beteuert stets, Frauen nach wie vor in Broschüren und Ähnlichem abzubilden und sich keinerlei Druck zu beugen. Dennoch gibt es die Sorge, dass extremistische Gruppen Bushaltestellen, Werbewände und andere städtische Einrichtungen beschädigen oder sogar niederbrennen, wie des Öfteren in streng religiösen Gegenden geschehen, sollte dort auch nur ein Hauch von Weiblichkeit abgebildet sein.

Dabei geht es in Jerusalem nicht um anzügliches Werbematerial. Keine barbusigen Schönheiten, die sich auf Betten räkeln. Die sind schon seit Jahren aus der Stadt gejagt worden. Es geht um völlig normal – für den dortigen Markt meist sogar ausgesprochen züchtig – gekleidete Frauen in Alltagssituationen. Eine Gruppe, die sich das nicht weiter gefallen lassen will, sind die Jeruschalmis, die Jerusalemer, wie sie sich nennen. An deren Spitze steht ein Mann. Der konservative Rabbiner Uri Ajalon.

Aktion Mit der Aktion »Unzensiert« riefen die Jeruschalmis zur Rückkehr des weiblichen Geschlechts in die Werbung auf. In den nächsten Wochen werden Bilder von Frauen – eine Mutter mit ihren Töchtern, zwei Freundinnen und ähnliche Motive – an Balkone und Hauswände gehängt. Frauen auf Plakaten sollen in der Stadt wieder Normalität werden, fordert die Gruppe.

»Das Ganze ist bereits zur Selbstzensur geworden«, erklärt Ajalon. Die Werbeagenturen wollten keine Sensibilitäten verletzen, also vermeiden sie jegliches Material, das Konfrontationen hervorrufen könnte, von vornherein. »Es ist aber mittlerweile kein schleichendes Phänomen mehr, es ist ein Trend, der durch die ganze Stadt galoppiert.«

Ossnat Cohen, Mutter von zwei Töchtern aus Jerusalem, die sich ebenfalls für die Kampagne über Facebook zu Wort gemeldet hat, schmerzt das Fehlen ihrer Geschlechtsgenossinnen täglich. »Es ist schrecklich, was hier geschieht. Wenn ich mit meinen Mädchen spazieren gehe, sehen wir nicht eine Frau auf Plakaten.

Schon Kindern wird der Eindruck vermittelt, dass das weibliche Geschlecht nicht gesehen werden darf und keine Bedeutung hat.« Das sei die Botschaft, die ihr Unterbewusstsein aufnimmt. »Doch Schluss damit«, sagt Cohen vehement. »Wir wollen unsere Köpfe zurück.«

Shelly Meyer

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