Interview

»Die jüdische Perspektive nach Deutschland bringen«

Foto: Yad Vashem

Herr Dayan, warum hat sich Yad Vashem für das Bildungszentrum der Holocaust-Gedenkstätte in Deutschland für München entschieden? Was macht die Stadt besonders geeignet für dieses Projekt?
Wir haben einen sehr gründlichen und professionellen Auswahlprozess durchgeführt, an dem ausschließlich Fachleute beteiligt waren und Politik keinerlei Rolle spielte. In alle infrage kommenden Standorte schickten wir Delegationen. In Nordrhein-Westfalen gab es sogar zwei Kandidatenstädte, Köln und Düsseldorf. München wurde aus mehreren Gründen ausgewählt. Zum einen ist da die geografische Lage innerhalb Deutschlands und Europas, zum anderen die bestehende Bildungslandschaft, mit der wir eng zusammenarbeiten können, sowie das große Potenzial für eine nachhaltige Bildungswirkung. Besonders wichtig waren auch die starke Unterstützung und das klare Engagement auf Landesebene in Bayern.

Eine weitere Rolle spielte das Gebäude selbst. Es eignet sich hervorragend für unsere Bedürfnisse und besitzt zugleich eine besondere historische Bedeutung, da es einst Sitz des Obersten Parteigerichts der NSDAP war. Und schließlich mussten wir natürlich auch Sicherheitsaspekte berücksichtigen. Aus dieser Perspektive erwies sich München ebenfalls als besonders geeignet. Insgesamt war es die Kombination all dieser Faktoren, bei denen München die anderen Standorte übertroffen hat.

Es wurde auch über einen zusätzlichen Standort in Leipzig gesprochen. Ist das bereits entschieden?
Das muss natürlich immer auf gegenseitigem Einverständnis beruhen. Wir haben vorgeschlagen, in Leipzig eine Außenstelle einzurichten, eine Art Erweiterung des Bildungszentrums. Nach den Reaktionen sowohl auf Bundesebene als auch auf Landesebene in Sachsen – einschließlich der Unterstützung durch Bundeskanzler Friedrich Merz und den sächsischen Ministerpräsidenten – gehen wir davon aus, dass unser Angebot angenommen wurde.

Wichtig ist mir jedoch zu betonen: Weder das Zentrum in München noch die Außenstelle in Leipzig sind nur für Bayern oder Sachsen gedacht. Beide Einrichtungen sollen dem gesamten Bundesgebiet dienen. Wir arbeiten bereits heute mit zahlreichen Partnern in ganz Deutschland zusammen. Diese Kooperationen werden uns helfen, unsere Bildungsarbeit bundesweit auszubauen.

Und wann könnte das Bildungszentrum am Karolinenplatz in München seine Pforten öffnen?
Unser Ziel ist eine Eröffnung im Jahr 2028. Da das Gebäude am Karolinenplatz in München bereits genutzt werden kann, denken wir auch über eine schrittweise Eröffnung einzelner Bereiche nach. Darüber müssen wir allerdings noch mit unseren Partnern und innerhalb von Yad Vashem beraten.

Seit dem 7. Oktober ist die Zahl antisemitischer Vorfälle in Europa deutlich gestiegen. Welchen Einfluss hatte diese Entwicklung auf den Wunsch, eine dauerhafte Präsenz in Deutschland aufzubauen?
Das war definitiv nicht die Hauptmotivation. Tatsächlich habe ich die Idee bereits im Januar 2023 in Berlin vorgestellt. Damals sprach ich unter anderem mit dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz sowie mit dem damaligen Oppositionsführer Friedrich Merz. Beide unterstützten den Vorschlag von Beginn an mit großer Begeisterung. Als Friedrich Merz Kanzler wurde, ging das Projekt nahtlos weiter. Die einzige Veränderung bestand darin, dass die Zuständigkeit vom Kulturministerium auf das Bildungsministerium überging.

Der eigentliche Grund für dieses Projekt ist ein anderer: Wir möchten die jüdische Perspektive auf die Schoa nach Deutschland bringen – die Perspektive der Opfer und Überlebenden. Diese unterscheidet sich naturgemäß von der Perspektive der Nachkommen der Täter.

Ich erinnere mich daran, wie Elon Musk vor der Bundestagswahl bei einer AfD-Veranstaltung erklärte, Deutschland solle seine Erinnerungskultur hinter sich lassen. Darauf habe ich sehr deutlich reagiert. Das wäre nicht nur eine Beleidigung für die Opfer und Überlebenden der Schoa, sondern auch eine Gefahr für die deutsche Demokratie.

Unser Ziel ist Erinnerung und Bildung. Wird das Zentrum zugleich einen Beitrag im Kampf gegen Antisemitismus leisten? Daran habe ich keinen Zweifel. Wird es die deutsche Demokratie stärken? Auch daran habe ich keinen Zweifel. Aber das sind nicht die eigentlichen Ziele, sondern wichtige positive Folgen unserer Arbeit.

Dies wird Yad Vashems erste Zweigstelle außerhalb Israels sein. Was erhoffen Sie sich davon?
Für mich war von dem Moment an, als ich zu Yad Vashem kam, klar, dass wir keine rein israelische Institution bleiben können. Die Herausforderungen der Holocaust-Erinnerung und Holocaust-Bildung sind global. Deshalb war für mich selbstverständlich, dass Yad Vashem internationaler werden muss.

Deutschland erschien uns als der richtige Ort, um diesen Weg zu beginnen. In den kommenden Jahren möchten wir unsere internationale Präsenz weiter ausbauen. Natürlich können wir nicht in jedem Land eine dauerhafte Vertretung eröffnen. Aber wir arbeiten an verschiedenen Möglichkeiten, unseren globalen Einfluss zu stärken. Ein Teil dieser Strategie entsteht gemeinsam mit der Europäischen Union. Gleichzeitig wollen wir auch in Nordamerika stärker präsent sein. Das Zentrum in Deutschland ist deshalb der erste Schritt einer ehrgeizigen, aber notwendigen Strategie, den globalen Fußabdruck von Yad Vashem zu erweitern.

Viele junge Menschen werden heute über soziale Medien mit Holocaust-Verfälschungen und Desinformation konfrontiert. Wie wird das neue Zentrum darauf reagieren?
Das ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Die gute Nachricht ist, dass offene Holocaust-Leugnung heute deutlich weniger verbreitet ist als noch in den 1970er-, 1980er- oder 1990er-Jahren. Damals gab es sogar in westlichen Ländern Personen, die sich als Intellektuelle präsentierten und den Holocaust offen bestritten.

Heute sehen wir stattdessen andere Phänomene: Holocaust-Verzerrung, Relativierung und Umkehrung von Täter- und Opferrollen. Die wirksamste Antwort darauf ist Bildung. Genau deshalb errichten wir in Deutschland kein Museum, sondern eine Bildungseinrichtung. Bildung ist zwar kein einfacher Weg, aber der effektivste, um diesen Herausforderungen zu begegnen.

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Die Zahl der Holocaust-Überlebenden nimmt jedes Jahr ab. Wie kann sichergestellt werden, dass Erinnerung weiterhin persönlich und emotional bleibt?
Mit dieser Tatsache beschäftigen wir uns bereits seit mehreren Jahren intensiv, und das wird unsere Arbeit auch künftig prägen. Wir stehen an einem Generationenübergang. Für viele Menschen war die Begegnung mit Überlebenden eine prägende Erfahrung. Kinder, die heute geboren werden, werden diese Möglichkeit nicht mehr haben. Wenn man einem Überlebenden zuhört, ist das, als stünde man auf einer Brücke: Das eine Ende befindet sich direkt vor einem, das andere in Auschwitz. Es geht dabei nicht nur um Wissen, sondern auch um die emotionale Verbindung.

Auch unsere Bildungsarbeit verändert sich. Klassische Unterrichtsräume werden zunehmend zu interaktiven Lern- und Diskussionsräumen. Es geht nicht mehr nur um die Vermittlung von Informationen, sondern um Reflexion und persönliche Auseinandersetzung. Viele Menschen glauben, dass Künstliche Intelligenz die Antwort auf diese Herausforderung sein könnte. Wir betrachten das mit Vorsicht. KI kann hilfreich sein, sie kann aber auch missbraucht werden. Für uns ist Authentizität der Schlüssel zu einer glaubwürdigen Erinnerungskultur. Deshalb darf der Einsatz von KI niemals die Authentizität gefährden.

Klar ist, dass nichts die persönliche Begegnung mit einem Überlebenden vollständig ersetzen wird. Dennoch entwickeln wir Wege, diese emotionale Dimension zu bewahren. In Yad Vashem haben wir beispielsweise ein Theater eröffnet. Dort zeigen wir Monodramen, die jeweils auf einem Objekt, einer Person oder einem Ereignis aus unserer Sammlung basieren. Dadurch entsteht eine starke emotionale Bindung.

Gemeinsam mit der Europäischen Union haben wir außerdem eine audiovisuelle Ausstellung über das jüdische Leben in Europa und Nordafrika vor der Schoa geschaffen. Sie endet mit Hitlers Machtübernahme. Denn um den Verlust zu begreifen, muss man verstehen, was verloren gegangen ist.

Mit dem Vorstandsvorsitzenden der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sprach Sabine Brandes

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