7. Oktober

»Sie aßen Kuchen – als ob kein Skelett neben ihnen läge«

Evyatar David kurz nach seiner Freilassung Foto: Flash 90

Gut sieht er aus, der junge Mann mit dem dichten braunen Haar, wie er in die Kamera schaut. Menschen in aller Welt atmeten auf, als sie den jungen Israeli Evyatar David so auf dem Bildschirm sahen. Denn vielen ist er aus einer anderen Aufnahme bekannt. In dem unerträglichen Propagandavideo der Hamas schaufelt die ehemalige Geisel, fast zum Skelett abgemagert, in einem Tunnel unterhalb von Gaza das eigene Grab. Jetzt sprach David zum ersten Mal mit einem ausländischen Sender über das, was ihm von der Terrororganisation angetan wurde.

Fast ein Jahr nach seiner Freilassung aus der Geiselhaft im Gazastreifen, wo er 738 Tage unter entsetzlichen Bedingungen festgehalten wurde, gab der 25-Jährige dem US-amerikanischen Sender CNN sein erstes exklusives internationales Interview. Darin schildert er seinen täglichen Kampf mit der posttraumatischen Belastungsstörung, die Momente des Terrors als Geisel und den Sieg der Rückkehr in ein normales Leben.

David war am 7. Oktober 2023 war er mit seinem Freund Guy Gilboa Dalal auf dem Nova-Festival tanzen. Dann überfielen die Horden der Hamas die jungen Leute, jagten, ermordeten und verschleppten sie. David und Gilboa-Dalal wurden beide nach Gaza entführt.  

Die Rehabilitation sei schwerer als die Gefangenschaft

Als David nach seinem Genesungsprozess gefragt wird, gibt er in dem Gespräch offen zu, dass sein jetziges Leben manchmal unerträglich sei. »Die Rehabilitation ist schwieriger als die Gefangenschaft, denn die Erinnerungen überfallen mich wie aus dem Nichts.« Es gebe keine ‚guten oder schlechten Tage‘, sondern nur einzelne Momente, fügte er hinzu. »Eine Stunde kann gut und glücklich sein, und in der nächsten erinnere ich mich an etwas aus der Gefangenschaft, habe Flashbacks oder wache mitten in der Nacht aus Albträumen auf. Es ist völlig instabil, ein Prozess, der viel Zeit in Anspruch nimmt.«

Trotz der enormen Schwierigkeiten schöpft der junge Mann viel Kraft aus freudigen Momenten, zuletzt zwei Hochzeiten. Der seines Bruders Ilay und des Mitgefangenen Eliya Cohen, der kürzlich mit der Überlebenden aus dem sogenannten »Nova-Todesbunker«, Ziv Aboud, unter der Chuppa stand.  »Das war ein riesiger Erfolg für uns alle«, sagte er. »Die Hamas hat versucht, uns alle gefangen zu nehmen, das Leben zu nehmen und unsere Familien zu zerstören. Dass sie damit keinen Erfolg hatten und Elia und Ziv schließlich heiraten konnten, ist der schönste Abschluss und größte Sieg.«

Weiter hilft ihm bei der Genesung vor allem Musik. »Wenn ich traurig oder aufgebracht bin, ist das Gitarrespielen eine der besten Möglichkeiten, meinen Gedanken zu entfliehen«, erklärte er. »Es beruhigt und befreit mich vom Stress. Ich weiß nicht, was ich ohne Musik machen würde.«

Der schockierendste Teil des Interviews war die Beschreibung, wie das grausame Propagandavideo gedreht wurde: »Der Anführer der Terroristen kam in den Tunnel, untersuchte mich und meinen Freund und befand, dass ich in einem viel schlechteren Zustand war als er. Also beschlossen sie, mich für das Video mitzunehmen.

Evyatar David: «Wir wussten nicht, ob wir morgen oder in zwei Tagen etwas zu essen bekommen. Das war wohl das Schwierigste – der Gedanke, zu verhungern.»

Die Entführer hätten ihn gezwungen, etwa 50 Meter zu graben. «Und das war fast unmöglich für mich. Ich war kurz vor dem Zusammenbruch. Allein die Schaufel zu halten, war die größte körperliche Anstrengung meines Lebens. Ich hätte es fast nicht geschafft.»

David enthüllte auch den sadistischen Psychoterror hinter dem Dreh: «Sie gaben mir eine Konservendose, nur um sie der Kamera zu zeigen und zu behaupten, es gäbe wegen Israel kein Essen in Gaza. Aber wir wussten, dass das eine Lüge war.»

«Die Terroristen, die uns bewachten, waren dick und muskulös», so die Schilderung von David. «Ich hörte sie lachen, sah sie Kuchen essen und Tee trinken. Direkt neben uns. So als ob keine lebenden Skelette neben ihnen lagen. Kein normaler Mensch könnte sich so verhalten. Es war surreal.»

Seinen Angaben zufolge dauerten die Hungerperioden monatelang. Manchmal gab es tagelang nur etwas Linsen, manchmal ganze Tage vergingen ohne jegliches Essen. «Neben dem körperlichen Gefühl, ständig Hunger zu haben, ist das seelische Gefühl, keine Kontrolle darüber zu haben, was und wann man isst, am schlimmsten. Wir wussten nicht, ob wir morgen oder in zwei Tagen etwas zu essen bekommen. Das war wohl das Schwierigste – der Gedanke, zu verhungern.»

Was David am Leben hielt, war unter anderem die Anwesenheit seines Jugendfreundes Guy, der einen Teil der Gefangenschaft gemeinsam mit ihm in den Tunneln war. «Und der Gedanke, meine Familie wiederzusehen, gab mir Kraft. Ich wusste, dass es sich lohnte, zurückzukehren, und dass dieses Überleben es wert war.»

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Keine Illusion bezüglich der Hamas

Was seine Entführer betrifft, macht sich David keine Illusionen und beschreibt eine mörderische Ideologie: «Sie kümmern sich nicht um Gaza. Selbst die Palästinenser in Gaza haben Angst vor der Hamas. Ihnen ist alles egal, sie wollen nur die Macht, das Land Israel, Jerusalem und alle hier töten. Sie wurden von Kindesbeinen an darauf erzogen, und man kann es ihnen nie recht machen.»

Am Ende des Interviews sprach David über den Kampf mit den staatlichen Behörden um seine Rehabilitation und bestätigte, dass er auf eine von seinen Mitstreitern initiierte Spendenkampagne angewiesen war, um seine psychologische Behandlung zu finanzieren. «Im Moment bekommen wir nicht genug Hilfe. Aber ohne die Unterstützung würde ich es nicht schaffen.»

738 Tage lang bestimmten Terroristen über sein Leben. Heute versucht Evyatar David, selbst wieder darüber zu bestimmen. Die Erinnerungen an die Gefangenschaft werden bleiben. Aber ebenso die Hochzeiten, die Musik, seine Familie – und die Erkenntnis, dass er am Leben und in Freiheit ist.

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