Aus dem gelben Brautkleid wurde Weiß. Ziv Abud trug am Mittwochabend ein langes, ausgefallenes Brautkleid aus Spitze und ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Als sie die Treppe hinunterschritt und sich ihrem Verlobten zum ersten Mal zeigte, flossen bei beiden die Tränen. Doch es waren nicht nur Freudentränen über einen besonderen Tag. Es waren die Tränen zweier Totgeglaubter, die sich nach allem, was hinter ihnen lag, nun endlich an ihrem Hochzeitstag gegenüberstanden.
Er überlebte 505 Tage als Geisel der Hamas in den Tunneln unter Gaza. Sie überlebte den Todesbunker von Re’im, stundenlang versteckt unter den Leichen der von den Terroristen ermordeten jungen Menschen. Fast drei Jahre nach jenem Tag, der ihr Leben für immer verändert hatte, heirateten die beiden am 19. August.
In den sozialen Medien kursieren seitdem Videos und Fotos des schönen Paares: Ziv und Eliya lachend, tanzend, sich umarmend. Auf den ersten Blick könnte man meinen – einfach zwei junge Israelis bei ihrer Hochzeit. Doch dieser Tag ist alles andere als gewöhnlich.
Dass beide an diesem Abend hier standen, war ein Wunder
Dass beide an diesem Abend hier standen, war ein Wunder: Ziv Abud und Eliya Cohen kannten sich, seit sie 14 Jahre alt waren. Zuerst waren sie Freunde, fünf Jahre später ein Paar. Acht Jahre lang waren sie zusammen, verlobten sich und wollten heiraten. Sie liebten es, tanzen zu gehen und die Welt kennenzulernen. Bis zum 7. Oktober 2023, erinnert sich Ziv, seien sie kaum einen Tag getrennt gewesen.
Dann kam dieser eine Tag, der alles zerstörte. Die beiden waren zum Nova-Festival in die Negevwüste gefahren. Sie wollten zusammen mit Freunden tanzen. Doch am frühen Morgen begann der mörderische Angriff der Hamas, der in einem Massaker mit 1200 Toten und 251 Geiseln endete.
Ziv und Eliya rannten um ihr Leben und fanden schließlich mit Dutzenden anderen jungen Menschen Zuflucht in einem kleinen Schutzbunker am Straßenrand. Später sollte er als Todesbunker von Re’im bekannt werden.
Die Terroristen kamen näher und warfen Granaten in den überfüllten Raum. Eliya warf sich über Ziv und schrie: »Ich liebe dich.« Eine Granate explodierte. Menschen starben. Ziv antwortete: »Eliya, ich liebe dich.« Die beiden versteckten sich unter den Körpern der Toten, stellten sich tot und hielten einander an den Händen. Sie verabschiedeten sich voneinander, weil sie sicher waren, dass sie das nicht überleben würden.
Ziv Abud: »Ich wünsche mir, dass Eliya noch mein Eliya ist.«
Dann wurde Eliya ins Bein geschossen. Ziv verlor das Bewusstsein. Als sie später zu sich kam, spürte sie plötzlich, wie sich etwas veränderte. Jemand zog an Eliya. Nicht an seiner Hand, sondern an seinen Füßen. Hamas-Terroristen hatten ihn entdeckt und zerrten ihn unter den Leichen hervor. Ziv blieb zurück. Stundenlang lag sie unter den Toten begraben, bis sie schließlich gerettet wurde.
Doch Eliya war fort. Entführt nach Gaza. Für Ziv begann an diesem Tag ein zweiter Albtraum: die Ungewissheit und das endlose Warten auf ihren Liebsten. 169 Tage nach dem Massaker stand sie auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv in ihrem Hochzeitskleid. Aber es war nicht mehr weiß. Sie hatte es gelb gefärbt, in der Farbe des Kampfes für die Freilassung der Geiseln. Eisenketten und Bilder von Verschleppten hingen daran. Über ihrem Herzen trug sie ein Bild von Eliya.
Statt mit ihm unter der Chuppa zu stehen, stand sie mit einem Plakat mit seinem Gesicht auf Kundgebungen, statt ihre Hochzeit vorzubereiten, kämpfte sie jeden Tag dafür, dass ihr Verlobter aus Gaza zurückkommt. Sie wusste nicht, ob er lebte. Und als sie schließlich ein Lebenszeichen erhielt, kam die nächste Gewissheit: Eliya war in einem Tunnel gefangen, angekettet, verletzt, hungrig und von der Außenwelt abgeschnitten.
Er hatte mehr als 20 Kilo verloren. Er wurde misshandelt und gefoltert. Und er wusste nicht, dass Ziv überlebt hatte. Immer wieder dachte die junge Israelin daran, wie es sein würde, wenn Eliya nach Hause käme. Wie würde er reagieren, wenn er erfährt, dass sie lebt? Was würde sie ihm erzählen? Von all den Freunden, die sie verloren hatten. Von ihrem Neffen. Von den Menschen, die an jenem Morgen mit ihnen im Bunker gewesen und nie mehr nach Hause gekommen waren.
Eliya kämpfte in den Tunneln von Gaza ums Überleben
Sie hoffte vor allem auf eines: dass »Eliya noch ihr Eliya ist«, sagte sie in einem Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Dass der Mann, der 505 Tage lang Terroristen ausgeliefert war, irgendwann wieder tanzen und reisen würde. Und dass sie wieder zusammen sein könnten.
Während Ziv in Israel wartete, kämpfte Eliya in Gaza ums Überleben. Später erzählte er von den Ketten, die sich in seine Beine schnitten. Vom Hunger, der unerträglicher gewesen sei als fast alles andere. Von Terroristen, die die Geiseln zwangen, sich auszuziehen und prüften, ob sie dünn genug waren, um noch weniger Essen zu bekommen. Von Demütigungen, Gewalt und der täglichen Angst. Und doch überlebte er.
Am 22. Februar 2025 wurde der junge Mann nach 505 Tagen freigelassen. Als er endlich wieder in Israel war, kam der Moment, den Ziv sich mehr als ein Jahr lang vorgestellt hatte. Eine IDF-Soldatin sagte ihm, dass seine Eltern auf ihn warteten. Und dass Ziv lebt.
Eliya, der seine Verlobte für tot gehalten hatte, schrie und weinte im Armeefahrzeug. Er konnte es einfach nicht glauben. Dann sagte er zu der Soldatin: »Du kannst mich weitere 500 Tage zurückbringen, wenn du mir noch einmal sagst, dass Ziv lebt.«
Dann endlich konnten sie sich in die Arme schließen. Nach 505 endlosen Tagen. Aus dem Paar, das am 7. Oktober Hand in Hand unter den Leichen gelegen hatte, waren zwei Überlebende geworden. Beide gezeichnet von dem, was sie erlebt hatten. Beide mit einem langen Weg zurück ins Leben.
Alon Ohel und Eli Sharabi wurden mit Eliya festgehalten
Und so wurde aus dem gelben Brautkleid am 19. August ein weißes. Einige der Gäste teilten an diesem Abend dasselbe grausame Schicksal. Wie Alon Ohel und Eli Sharabi, die beide als Hamas-Geiseln monatelang mit Eliya unter der Erde festgehalten wurden. Die Freude, dass sie an diesem Abend zusammen waren, stand allen ins Gesicht geschrieben.
Unter der Chuppa wurde Eliya besonders bewegt. In einem Video ist zu sehen, wie er Gott dankt und das »Schma Jisrael« spricht. Es sind Bilder eines Mannes, der nach einer fast unerträglichen Tortur dort steht, wo er immer hatte sein wollen: neben der Frau, die so lange auf ihn gewartet hatte.
Später wurde getanzt, gefeiert und gesungen. Eliya und Ziv wirkten ausgelassen, umgeben von Freunden und Familie. Schon bei ihrer Verlobung hatte Eliya, als die beiden gemeinsam auf ihre Gäste zugingen, gerufen: »Wir haben es geschafft!«
Jetzt hatten sie es tatsächlich geschafft – bis zu diesem Abend unter der Chuppa. Bis zu dem strahlend weißen Brautkleid. Und zu einem Leben, das am 7. Oktober fast geendet hätte, doch für Ziv und Eliya nun unzertrennlich weitergeht.