Vor ein paar Wochen habe ich Alon Ohel auf der Straße in Tel Aviv gesehen. Einfach so, mitten im Alltag. Der junge Israeli war 738 Tage Geiseln in Gaza. Wie ich ist er auch deutscher Staatsbürger. Vielleicht fühlte ich mich ihm deshalb auf besondere Weise verbunden. Ich überlegte kurz, ob ich auf ihn zugehen und etwas Nettes sagen sollte. Dass ich mich freue, dass er frei ist. Dann entschied ich mich dagegen. Ich wollte ihm seine Ruhe lassen, seine Privatsphäre respektieren. Er sollte einfach nur ein junger Mann sein, der durch Tel Aviv läuft. In Freiheit.
Später hörte ich ein Interview, in dem Alon Ohel und Eli Sharabi, ebenfalls eine befreite Geisel, darüber sprachen, dass sie sich durchaus freuen, wenn Menschen auf sie zukommen. Sie wüssten schließlich, was das ganze Land für sie getan habe. Wie viele Menschen mit ihnen gebangt, für sie gebetet, demonstriert und gehofft hätten, und dass auch das dazu beigetragen hat, dass sie heute wieder zu Hause sind.
Fast jeden Samstagabend gingen wir zur Demonstration
Das hat mich berührt. Denn auch ich habe mehr als zwei Jahre lang immer wieder über die Geiseln geschrieben, habe daran erinnert, dass sie noch immer in Gaza festgehalten werden und nicht vergessen werden dürfen. Meine ganze Familie trug gelbe Schleifen am Revers und an den Taschen, fast jeden Samstagabend gingen wir zu den Demonstrationen auf dem Platz der Geiseln, um für ihre Freilassung zu demonstrieren.
Natürlich war es ein kleiner Beitrag, verglichen mit dem, was die Angehörigen der verschleppten Menschen durchmachten. Aber es war das, was wir tun konnten. Und es ist schön zu wissen, dass die Menschen, für die wir es taten, die gemeinsame Anstrengung wahrgenommen haben.
Vielleicht ist das etwas sehr Israelisches: dieses Gefühl, dass man nicht nur für sich selbst lebt, sondern irgendwo doch Teil eines größeren Ganzen ist, trotz der Polarisierung in der Gesellschaft. Man gibt etwas, weil man weiß, dass andere es auch für einen tun würden. Man steht zusammen, auch wenn man sich nicht kennt. Und manchmal bekommt man etwas zurück, womit man gar nicht gerechnet hat: das Gefühl, dass die eigene Solidarität angekommen ist und nicht bedeutungslos war.
»Ganz sicher ist inzwischen auch wieder ein wenig mehr Platz dafür, das Leben einfach zu leben.«
Die Heilung konnte erst beginnen, als die letzte Geisel zurückgekehrt war – die Lebenden und die Toten. Solange noch jemand in Gaza war, konnte niemand wirklich zur Ruhe kommen. Nun, ein Jahr nach der Rückkehr der letzten lebenden Geiseln, spüre ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Nicht, weil alles gut wäre. Die Trauer ist da, die Wunden sind tief. Aber ganz sicher ist inzwischen auch wieder ein wenig mehr Platz dafür, das Leben einfach zu leben.
Was jetzt noch fehlt, ist eine unabhängige staatliche Untersuchungskommission, die aufklärt, wie es zum 7. Oktober kommen konnte und wer alles Verantwortung trägt. Ein Land muss verstehen, wie es zu dem schlimmsten Massaker in seiner Geschichte kommen konnte, und alles daransetzen, dass sich eine solche Katastrophe niemals wiederholt.
Bis dahin bleibt mir die Erinnerung an einen ganz normalen Tag in Tel Aviv, an dem ich Alon Ohel auf der Straße sah. Ich habe ihn nicht angesprochen. Vielleicht würde ich es beim nächsten Mal tun. Nicht, um mitzuteilen, was ich alles getan habe. Sondern einfach, um ihm zu sagen: »Schön, dass du wieder da bist!«