Es ist ein Satz, der sich kaum begreifen lässt: »Plötzlich sehe ich, dass jeder noch lebt – nicht ein einziger fehlt.« David Cunio sagt diese Worte, als er nach mehr als zwei Jahren in der Gewalt der Hamas seine Familie wiedersieht. Seine Brüder sind am Leben. Seine Eltern sind am Leben. Und da sind seine Töchter, Emma und Yuli, die er so lange nur in Gedanken bei sich haben konnte. An diesem Montag kehren er und 19 weitere junge Israelis aus der Geiselhaft in den Terrortunneln der Hamas wieder nach Hause zurück. Ein Moment, auf den das ganze Land mehr als zwei Jahre gewartet hatte.
Nach zwei Jahren des Bangens, der Proteste, der Verhandlungen und der immer wieder enttäuschten Hoffnung war das fast Unglaubliche tatsächlich geschehen: Die letzten lebenden Geiseln Matan Angrest, Gali Berman, Ziv Berman, Segev Kalfon, David Cunio, Ariel Cunio, Avinatan Or, Yosef-Haim Ohana, Alon Ohel, Evyatar David, Guy Gilboa-Dalal, Rom Braslavski, Eitan Mor, Nimrod Cohen, Maxim Herkin, Eitan Horn, Matan Zangauker, Bar Kupershtein, Elkana Bohbot, Omri Miran kamen zurück.
Doch die Bilder der Heimkehr erzählten nur einen Teil der Geschichte. Hinter den Umarmungen lagen 738 Tage Todesangst, unglaublicher Hunger, Folter, Dunkelheit und grauenvolle Ungewissheit. Mit der Rückkehr begann für die Überlebenden eine Aufgabe, die niemand für sie übernehmen konnte: irgendwie wieder ins Leben zu finden. Ein Jahr ist seit diesem Tag vergangen.
Matan Angrest wurde aus seinem Panzer verschleppt
Matan Angrest war IDF-Soldat in einer Panzereinheit, als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel. Er wurde aus seinem Panzer verschleppt, seine Kameraden wurden getötet. In Gaza wurde er schwer misshandelt. In seinem ersten ausführlichen Interview nach der Freilassung berichtete er von Elektroschocks, Verhören und der Angst, unter Folter militärische Geheimnisse preiszugeben. »Sie hatten die Macht. Aber gleichzeitig brauchten sie auch mich«, sagte Angrest über seine Entführer. Sie hätten ihm erklärt, als Soldat sei er viele Terroristen wert. Er versuchte, sich nicht brechen zu lassen, seine Antworten zu kontrollieren und seine Geschichte immer wieder gleich zu erzählen.
Als ihm schließlich mitgeteilt wurde, dass er freikommen sollte, konnte er es kaum glauben. Er wurde mit verbundenen Augen an einen anderen Ort gebracht. Als die Binde abgenommen wurde, sah er andere Geiseln, darunter Alon Ohel und Guy Gilboa-Dalal. Am nächsten Tag sollte er Zuhause sein.
Doch Freiheit bedeutet nicht, dass die vergangenen zwei Jahre einfach verschwinden. »Man wacht morgens auf und sucht nach dem nächsten Schritt«, beschrieb Angrest einmal das Leben nach der Rückkehr. »In gewisser Weise geht es von null auf hundert, in anderer Hinsicht von hundert auf null.« Die Narben, so der 23-Jährige, würden für immer bleiben.
Denn auch der Abschied von seinen Kameraden gehört zu seiner Geschichte. Wenige Tage nach seiner Freilassung stand er bei der Beerdigung seines Kommandeurs Daniel Peretz, und auch Itay Chen, der mit ihm im Panzer gesessen hatte, war tot.
Gali Berman: »Jeden Tag sagte ich zu den Terroristen: ›Ich will meinen Bruder sehen‹.«
Für Gali und Ziv Berman, die Zwillingsbrüder aus dem Kibbuz Kfar Aza, war die Gefangenschaft auch eine Geschichte der Trennung untereinander. Beide wurden am 7. Oktober entführt, aber an unterschiedlichen Orten festgehalten. Lange wussten sie nicht einmal, ob der jeweils andere den Angriff überlebt hatte. Gali wollte seinen Bruder unbedingt wiedersehen. »Jeden Tag sagte ich zu den Terroristen: Ich will meinen Bruder sehen«, erzählte er später. Nach 183 Tagen wurden die beiden tatsächlich zusammengebracht. Ziv erinnerte sich, wie er zu Gali rannte und zu weinen begann. Sie umarmten sich fast zehn Minuten lang. Dann wurden sie wieder getrennt.
Nach der Freilassung sprachen die Brüder darüber, wie schwierig es ist, sich in einer Welt zurechtzufinden, die sich während ihrer Abwesenheit weitergedreht hat. Selbst ein Ausflug in Tel Aviv sei eine große Veränderung nach zwei Jahren in Gaza, sagte Ziv. Sie seien von Familie und Freunden umgeben und hätten einander – das sei das Wichtigste. Und er machte deutlich, dass die persönliche Heilung nicht von der Geschichte Israels zu trennen ist. »Die wirkliche Rehabilitation als Land konnte erst beginnen, als die letzte Geisel zurück war.«
Segev Kalfon war beim Nova-Musikfestival, als der Angriff begann. Er versuchte zu fliehen, wurde jedoch von Terroristen gefasst und nach Gaza verschleppt. In einem Interview schilderte er später, wie er geschlagen wurde. »Nach ein paar Minuten spürt man die Schläge nicht mehr, man spürt einfach gar nichts. Nur Ruhe, eine Minute bevor das Leben endet. So fühlt es sich an«, erinnerte er sich.
Segev Kalfon berichtet von Misshandlungen
Kalfon berichtete auch von dem Hunger, den Misshandlungen und den Momenten, in denen er glaubte, nicht mehr weiterleben zu können. Die Geiselhaft sei eine »endlose Abfolge von Tagen gewesen, an denen fremde Menschen über jede Kleinigkeit entschieden: ob ich zu essen bekam, ob ich schlafen durfte, ob ich Angst haben musste, getötet zu werden«.
Auch David Cunio erzählte von langen Phasen, in denen er kaum Wasser und nur ein halbes Pita am Tag bekam. Er flehte um einen weiteren Löffel Marmelade, um irgendetwas. Aber seine Entführer gaben ihm nichts. Was ihn am Leben hielt, waren die Gedanken an seine Töchter. In seiner Hosentasche fand er ein Haargummi der Mädchen. Mit geschlossenen Augen stellte er sich vor, bei ihnen zu sein, und sprach in Gedanken mit ihnen. Als er schließlich nach Hause kam, waren die Mädchen gewachsen. Ihre Sprache hatte sich verändert, ihre Haare waren länger. Es waren kleine Dinge, die ihm zeigten, wie viel Zeit vergangen war.
Cunio berichtete, dass er erst lernen musste, wieder Vater zu sein, und dass seine Töchter lernen mussten, ihm wieder zu vertrauen. »Es ist nicht einfach, aus der Geiselhaft zurückzukommen und zu versuchen, eine Familie zu sein, als wäre nichts passiert.« Dass seine Mädchen inzwischen wieder seine Nähe suchten, sei seine größte Freude.
Sein Bruder Ariel Cunio wurde ebenfalls am 13. Oktober freigelassen. Er war mit seiner Lebensgefährtin Arbel Yehoud entführt worden. Die heute 32-jährige Israelin war die gesamte Geiselhaft über allein festgehalten worden. Sie kam am 30. Januar 2025 nach 482 Tagen frei. In einer gemeinsamen Videobotschaft sagten die Brüder, sie seien aus der Dunkelheit ins Licht gekommen. »Unser neues Leben beginnt jetzt.«
David und Ariel Cunio: »Unser neues Leben beginnt jetzt!«
Leben mit dem Trauma
Während die Angehörigen außer sich vor Freude waren, dass ihre Liebsten zurück zu Hause waren, war die Rückkehr doch kein simpler Schlussstrich. Sie hatten mehr als zwei Jahre lang gekämpft, demonstriert, verhandelt, gehofft und immer wieder die schlimmsten Nachrichten befürchtet. Auch sie mussten lernen, mit Menschen zu leben, die aus einer Erfahrung zurückkehrten, so schrecklich, dass sie sich kaum in Worte fassen lässt.
Und auch viele Israelis, die nicht unmittelbar von den Gräueltaten des 7. Oktobers betroffen waren, beschreiben diesen Tag als einen, an dem sie mit der »Heilung erst beginnen konnten«. Die Bilder dieses Tages werden für immer in der kollektiven Erinnerung des Landes bleiben: die ausgemergelten – aber lebenden – jungen Männer, die ersten Umarmungen, die Mütter und Väter, die ihre Söhne wieder und wieder berührten, als müssten sie sich vergewissern, dass sie wirklich da waren.
Doch nicht alle kehrten lebend zurück. Für viele Familien bleibt die Hoffnung auf ein Wiedersehen für immer unerfüllt. Shiri Bibas und ihre beiden kleinen Kinder Ariel und Kfir wurden von der Hamas grausam ermordet. Ihre Rückkehr war keine Heimkehr ins Leben, sondern die unerträglich traurige Rückgabe ihrer Leichen. Auch viele andere Familien mussten ihre Angehörigen begraben, statt sie in die Arme schließen zu können.
Ein Jahr nach der Befreiung der letzten lebenden Geiseln ist das Glück über ihre Rückkehr deshalb untrennbar mit der Trauer verbunden. Die Überlebenden sind zu Hause. Aber zwei Jahre lassen sich nicht einfach zurückdrehen. Und für diejenigen, die nicht wiederkamen, gibt es niemals einen neuen Anfang.