Oktoberfest

Wiesn am Mittelmeer

Oktoberfest in Tel Aviv: Das Bier fließt, aber Dirndl und Krachlederne trägt hier niemand. Und statt Blasmusik gibt es Isra-Rock live auf der Bühne. Foto: Sabine Brandes

Krachlederne trägt hier niemand, Dirndl sind auch keine zu sehen, aber dafür sind die Hüte der Renner, ganz zünftig mit Vogelfeder an der Krempe. Es ist Oktober in Israel – und statt Herbststürmen, die bunte Blätter durchs Land wehen, herrschen noch immer sommerliche Temperaturen um die 30 Grad. Und das Bier fließt.

Bayerische Traditionen kommen gut an in Israel. »Warum auch nicht«, meint Jonathan Balanowsky, »Deutschland ist einer unserer engsten Freunde. Und das Feiern ist freundlich und fröhlich.« Im vergangenen Jahr war der Hightech-Angestellte vier Tage lang auf dem »echten Oktoberfest« in München und völlig begeistert, erzählt er, während er mit einer Gruppe junger Leute an einer Biergarnitur mit blau-weißem Tischtuch sitzt. Den Trachtenhut auf dem Kopf.

Bier im Plastikbecher, aber es schmeckt offenbar auch so

Fast wie damals prostet er auch heute seinen Kumpels mit einem Weizen zu. Zwar nicht auf der Wiesn und nicht mit dem originalen Bierglas, sondern mitten in Tel Aviv und mit Plastikbecher, aber es schmeckt offenbar auch so. »Auf jeden Fall«, meint Balanowsky. »Ich finde es schön, wenn wir verschiedene internationale Traditionen zu uns bringen. Wir sind ein kleines Land und leben hier fast wie auf einer Insel. Da kann uns Einfluss von außen nicht schaden.«

Volltrunkene sieht man hier nicht. Israelis trinken ein oder zwei Bier und gehen dann nach Hause.

In Israel gibt es nicht das eine zentrale Oktoberfest nach Münchner Vorbild, sondern viele Events und Partys im ganzen Land. Aber überall, von Haifa bis nach Beer Sheva in der Negevwüste, wird auch hier vor allem dem Bier gehuldigt.

Beim »Weihenstephan-Fest« auf dem Tel Aviver Givon-Platz verbindet sich Oktoberfest-Image mit israelischer Musik und Unterhaltung. Statt Blasmusik oder Schlager gibt es auf der Bühne Isra-Rock live von Muki und Knessiat Hasechel.

Die bayerische Folklore bleibt eher Kulisse

Die bayerische Folklore bleibt eher Kulisse. Die Menschen unterhalten sich auf Hebräisch, doch Bier haben sie fast alle auf den Tischen. Das wird gleich an mehreren Ständen in der Mitte des Platzes gezapft. Gegenüber werden Hotdogs gebraten, die die Besucher mit Sauerkraut, gerösteten Zwiebeln sowie jeder Menge Ketchup und Senf füllen. Die klassische deutsche Bratwurst, meist aus Schwein, ist hier allerdings nicht zu haben.

Menschen, die grölend über den Platz wanken oder volltrunken in Ecken liegen, sucht man ebenso vergeblich. Denn Israelis trinken für gewöhnlich nicht viel mehr als ein oder zwei Bier und gehen dann nach Hause. Offizielle Zahlen bestätigen das. Während in Deutschland im Jahr 2024 pro Kopf 88 Liter Bier getrunken wurden, waren es in Israel nur 18, nicht einmal ein Viertel davon.

Trotzdem sind deutsche Biere wie das »Weihenstephan« hierzulande längst keine unbekannten Marken mehr. Die bayerische Brauerei ist seit 23 Jahren auf dem hiesigen Markt vertreten und zählt Israel nach eigenen Angaben zu ihren fünf wichtigsten Exportmärkten.

2025 wurde das Oktoberfest in rund 150 ausgewählten Bars und Lokalen im ganzen Land gefeiert. In diesem Jahr dauerte das große Fest in Tel Aviv drei Tage. Auch das Würstchen-Wettessen hat inzwischen Tradition: 2026 fand es bereits zum fünften Mal statt.

Gerstensaft mit Etrog-Geschmack

Mit dem Münchner Original kann die nahöstliche Variante zahlenmäßig natürlich nicht mithalten. 2026 kamen 7,4 Millionen Besucher auf die Wiesn, hier sind es nicht mehr als einige Tausend. Doch dafür sind die Israelis erfinderisch. Die Boutique-Bierbrauerei Schnitt ließ sich etwas ganz Besonderes einfallen: Da das Oktoberfest mit Sukkot zusammenfiel, wurde auch Gerstensaft mit Etrog-Geschmack eingeschenkt. Die bittere Zitrusfrucht gehört traditionell zum jüdischen Laubhüttenfest. Für 34 Schekel, umgerechnet knapp zehn Euro, konnte man sich 0,3 Liter »Etrog in the Fog« (Etrog im Nebel) schmecken lassen.

Die Oktoberfeste in Israel verbinden bayerisches Bier und Essen mit jüdischer Kultur und hebräischer Musik.

Die Oktoberfeste in Israel verbinden bayerisches Bier und Essen mit jüdischer Kultur und hebräischer Musik – und zeigen, wie aus einem deutschen Volksfest mittlerweile eine Tradition mit einer ganz eigenen Note geworden ist.

In Israel werden alkoholische Getränke ausnahmslos nur an Volljährige ausgeschenkt

Sivan Cohen ist mit ihrem Sohn Yotam hergekommen. Der ist vor einigen Wochen 18 geworden. In Israel werden alkoholische Getränke ausnahmslos nur an Volljährige ausgeschenkt. So laufen an diesem Abend Kontrolleure durch den Festbereich und überprüfen die Ausweise von Teenagern. Auch Yotam muss seinen vorzeigen. Aber er darf heute sein erstes Bier ganz offiziell genießen. »Na dann«, sagt der Mann im schwarzen Poloshirt, »Le’Chaim!«.

Auch Familie Cohen war schon einmal auf dem deutschen Original, »und mein Mann und ich haben es richtig krachen lassen«, gibt die Mutter von vier Kindern zu und lacht laut, während ihr Sohn etwas verlegen die Augenbrauen hochzieht. Momentan würde sie das Fest allerdings nicht besuchen wollen.

»Niemand hat uns je beleidigt oder bedroht, auch wenn sie wussten, dass wir Israelis sind«, möchte Cohen unbedingt betonen. »Aber wer weiß, was in Zeiten dieser vergifteten Atmosphäre in Sachen Israel passieren könnte? Vor allem, wenn der Alkohol die Hemmschwelle senkt.« Deshalb sei sie sehr froh, dass sie auch in ihrer Heimat das bayerische Oktoberfest feiern kann. »Na ja, zumindest ein bisschen.«

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

Medien

Israel verweigert »taz«-Korrespondentin Arbeitsvisum

Diaspora-Ministerium: »Antiisraelische Akteure und diejenigen, die Israel verleumden, sollten keinen Fuß in das Land setzen«

 13.10.2026

Israel

Ein Toter und 24 Verletzte bei Explosion von Blindgänger

Ein mutmaßlicher Blindgänger explodiert in Nordisrael. Es gibt ein Todesopfer und zahlreiche Verletzte. Berichten zufolge waren Schüler und ein Lehrer in der Gegend gewandert

 12.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  12.10.2026

Korruption

Bestechungsring in der Vorstadt

Umschläge voller Bargeld, Luxusuhren und teure Autos: Der Bürgermeister von Kfar Saba und seine Frau sollen Geschäftsleuten gegen Zahlungen lukrative Aufträge verschafft haben. 17 Verdächtige wurden festgenommen

von Sabine Brandes  12.10.2026

Gesellschaft

Herzog: Gewalt übersteigt Kapazitäten der Polizei

Israels Präsident nennt die Kriminalität in arabischen Gemeinden eine Katastrophe. Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten liegt bei nur zwölf Prozent

von Sabine Brandes  12.10.2026

Avi Gil (in Uniform), links von Benjamin Netanjahu

Explosives Interview

»Die Geiseln hätten früher zurückkehren können«

Der ehemalige Militärsekretär des Premiers, Avi Gil, erhebt schwere Vorwürfe: Warnungen vor dem 7. Oktober seien ignoriert, Abkommen aus politischen Gründen verhindert und Protokolle manipuliert worden. Netanjahu weist die Anschuldigungen zurück

von Sabine Brandes  11.10.2026

Nahost

IDF: Terrorinfrastruktur in Gaza zerstört

Israelische Armee und Sicherheitsbehörden haben nach eigenen Angaben im Gazastreifen Waffenlager, eine Raketenabschussrampe und eine Kommandozentrale zerstört. Verteidigungsminister Katz droht dem neuen Hamas-Chef

 11.10.2026