Der ehemalige Militärsekretär des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu wirft dem Regierungschef vor, Warnungen vor dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 ignoriert und auch, im Zusammenhang mit dem sogenannten »Schwarzen Schabbat« wiederholt gelogen zu haben. In einem explosiven Interview am vergangenen Donnerstag im Kanal 12 sagte Gil auch, dass Netanjahu politische Erwägungen über die Freilassung von Geiseln gestellt habe.
Netanjahu wies die Vorwürfe zurück und machte Gil dafür verantwortlich, ihn am Morgen des betreffenden Tages nicht rechtzeitig geweckt zu haben. Keine von Gils Aussagen sei wahr, betonte der Premier.
Generalmajor Gil war von Juli 2021 bis Mai 2024 Militärsekretär unter Netanjahu, Naftali Bennett und Yair Lapid, heute Oppositionsführer. In dieser Funktion war er ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Premierminister und dem Sicherheitsapparat, vor allem der israelischen Armee IDF.
Warnungen seien auf verschiedenen Ebenen erfolgt
Seinen Worten zufolge habe das Sicherheitsestablishment den Ministerpräsidenten in den Wochen und Monaten vor dem schlimmsten Terroranschlag in Israels Geschichte wiederholt vor einer nachlassenden israelischen Abschreckungswirkung gewarnt. Zwar habe niemand den konkreten Angriff mit einem Datum oder Ausmaß vorhergesagt, doch auf verschiedenen Ebenen seien immer wieder Warnungen vor einem drohenden Krieg übermittelt worden.
Im Juli 2023 ermöglichte Gil ein vertrauliches Telefonat, in dem Ronen Bar, der damalige Vorsitzende des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, Netanjahu eindringlich vor einem Krieg warnte. Außerdem übergab Gil am selben Tag einen persönlichen Brief von IDF-Generalstabschef Herzi Halevi. Der Schin-Bet-Leiter hätte weitere Gespräche mit dem Premierminister erwartet, doch es habe keine gegeben. Es sei gar nichts weiter geschehen, sagte Gil in dem Interview.
Angeblich hätten Verantwortliche auch mehrfach gezielte Angriffe auf Hamas-Anführer – darunter auch den Drahtzieher des Massakers, Yahya Sinwar – vorgeschlagen. Doch keiner sei genehmigt worden. Gil räumte in dem Gespräch in Kanal 12 jedoch auch ein, dass es »riesige Versäumnisse« auf Seiten des Militärs und der Geheimdienste gegeben habe und dass Informationen falsch interpretiert worden seien. Die verfügbaren Warnungen seien jedoch wiederholt an Netanjahu weitergegeben worden.
Gil widersprach auch Netanjahus Darstellung, dass ein früheres Wecken den Angriff der Terrororganisation auf südliche israelische Gemeinden hätte verhindern können, was der Regierungschef wiederholt behauptet.
Avi Gil: »Ein Protokoll zu verändern bedeutet, die Wahrheit zu verändern.«
Nach seinen Angaben sei Gil selbst um 6.12 Uhr vom Stabschef des Schin-Bet-Direktors geweckt worden. Dabei habe er erfahren, dass Hamas-Anführer in die Tunnel gegangen seien und israelische SIM-Karten aktiviert wurden. Allerdings sei es trotzdem so interpretiert worden, dass »kein außergewöhnliches Ereignis« bevorstehe.
Erst nach dem Beginn des massiven Raketenbeschusses aus Gaza auf Israels Süden wurden schließlich alle aktiv. Gil erklärte, er habe Netanjahu in derselben Minute, um 6.29 Uhr, über WhatsApp angerufen, um ihn darüber zu informieren. Um 6.40 Uhr sprachen beide über eine gesicherte Leitung. Gil bezeichnete Netanjahus wiederholte Behauptung, Sicherheitsverantwortliche hätten dem Premierminister absichtlich Informationen vorenthalten, als »klare Lüge«.
Netanjahus Bericht über das Geschehen an den ehemaligen Staatskontrolleur Matanyahu Englman, der im Februar veröffentlicht wurde, entspreche nicht Gils Erfahrungen im Büro des Premierministers, sagte dieser. »Es gibt viele Lücken«, so sein Kommentar zu den 55 Seiten.
Ein weiterer Vorwurf betrifft Netanjahus Stabschef Zachi Braverman. Eine Protokollführerin habe Gil im Januar 2024 erzählt, der Stabschef habe sie angewiesen, die Uhrzeit des Telefonats zwischen Gil und Netanjahu am 7. Oktober zu ändern. Gil habe daraufhin sofort die Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara informiert und den Vorwurf selbst handschriftlich festgehalten. »Ein Protokoll zu verändern bedeutet, die Wahrheit zu verändern«, so Gil.
Große Differenzen zwischen Sicherheitsdiensten und Koalition
Darüber hinaus warf er dem Premier vor, bei Verhandlungen politische Interessen statt dem Leben der Geiseln in der Gewalt der Hamas in Gaza berücksichtigt zu haben. Die Frage, ob Geiseln in Gaza gestorben seien, weil politische Erwägungen Vorrang vor ihrer Rückkehr gehabt hätten, beantwortete Gil mit den Worten: »Das trifft zu. Sie hätten früher zurückkehren können.« Netanjahu habe »tatsächlich den Fortbestand seiner Regierung über das Leben der Geiseln gestellt«.
Es habe laut dem Militärsekretär große Differenzen zwischen den Empfehlungen der Sicherheitsdienste und den Entscheidungen Netanjahus und seiner rechtsextremen Koalitionspartner, Minister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir, gegeben, die die Geiselabkommen und Waffenruhen mit der Hamas ablehnten.
In einem weiteren Interview mit der regierungsnahen Gratis-Tageszeitung »Israel Hayom« schilderte Gil einen Vorfall aus dem Jahr 2024. Netanjahu habe ihn damals angewiesen, ein Dokument über ein mögliches Geiselabkommen für das Kabinett vorzubereiten. Smotrich habe gedroht, die Regierung zu verlassen, falls das Abkommen vorangetrieben werde. Daraufhin habe Netanjahu Gil angewiesen, das Dokument doch nicht vorzulegen, und die Vereinbarung sei nicht weiterverfolgt worden. Gil hob jedoch hervor, dass Israel dem Abkommen zustimmen konnte. Und in dem Fall, dass die Hamas die Bedingungen verletzt, hätte Israel den Krieg wieder aufnehmen können.
Netanjahu erklärte nach den Interviews seines Militärsekretärs, Avi Gil habe von dem Angriff der Hamas im Vornherein gewusst und ihn nicht rechtzeitig geweckt. Gils Interview sei »ein Versuch, die einfache und schmerzhafte Wahrheit über sein eigenes Versagen zu verschleiern«. Netanjahu erklärt immer wieder, dass die Sicherheitsverantwortlichen ihn nicht angemessen gewarnt hätten und Informationen zurückhielten.
Premier Netanjahu: »Es ist der Versuch von Gil, die einfache und schmerzhafte Wahrheit über sein eigenes Versagen zu verschleiern.«
Nach Ausstrahlung des Interviews auf Kanal 12 forderten Oppositionspolitiker Ermittlungen gegen Netanjahu und Mitarbeiter in seinem Büro. Avigdor Liberman, Vorsitzender der Partei Israel Beiteinu, verlangte von der Generalstaatsanwältin eine sofortige Untersuchung wegen »Hochverrats und Verschwörung«.
Auch der ehemalige IDF-Generalstabschef und Vorsitzender der Partei Jaschar, Gadi Eisenkot, forderte eine Überprüfung, ob Netanjahu wirklich den Staatskontrolleur getäuscht habe und offizielle Protokolle manipuliert worden seien. »Während unsere Brüder und Schwestern von der Hamas abgeschlachtet wurden, arbeitete Netanjahu daran, Protokolle zu ändern, anstatt sie zu retten«, schrieb Eisenkot in den sozialen Medien.
Lieberman fordert Untersuchung wegen Hochverrat und Verschwörung
Er kündigte darüber hinaus an, nach der Wahl eine staatliche Untersuchungskommission einzusetzen, und forderte die dringende Sicherung von Originalaufnahmen und Dokumenten im Zusammenhang mit dem 7. Oktober.
Netanjahu persönlich hat sich stets gegen eine unabhängige staatliche Untersuchungskommission ausgesprochen. Seiner Meinung nach sei sie seiner Regierung gegenüber voreingenommen
Auf die abschließende Frage, ob Netanjahu für das Versagen rund um den 7. Oktober verantwortlich sei, antwortete Gil mit einem eindeutigen »Ja« und fügte hinzu: »Es gibt keine Führung ohne Verantwortung.«