Für viele Israelis ist nicht nur der 7. Oktober selbst jedes Jahr mit Trauer, Angst und schweren Erinnerungen verbunden. Für viele Menschen ist das Massaker der Hamas zu einer folgenschweren Dauerbelastung geworden. Eran, die psychische Notfall-Hotline, gab am dritten Jahrestag an, dass fast eine Million Menschen seit dem verheerenden Angriff der Terrororganisation Hilfe gesucht hätten.
Nach Angaben der Organisation haben die 1.850 geschulten Freiwilligen, unterstützt von Fachleuten für psychische Gesundheit, in den vergangenen drei Jahren insgesamt 928.911 Anfragen beantwortet – 774.604 per Telefon und 154.307 über digitale Angebote wie WhatsApp, Chat, SMS und E-Mail.
Die unmittelbare Panik am Anfang wandelte sich
»Die drei Jahre des Krieges haben uns mit einer harten und andauernden Realität konfrontiert«, so der Leiter von Eran, David Koren. »Und hinter jedem Anruf steht ein Mensch, der unter Schmerz, Verlust, Angstzuständen, Einsamkeit oder Burnout leidet. Und oft sogar einer Kombination aus vielen Zuständen.«
In den ersten Monaten des Krieges hätten akute Traumareaktionen, Panik und Trauer die Anrufe bestimmt. Mit der Zeit habe sich die unmittelbare Panik jedoch zunehmend in Einsamkeit und eine anhaltende psychische Belastung gewandelt. Der Anteil der Anfragen zum Thema Einsamkeit stieg von rund 28 Prozent im ersten Kriegsjahr auf 41 Prozent im dritten Jahr und wurde damit zum häufigsten Grund, warum Menschen die Hotline kontaktierten.
Insgesamt ging die Zahl der Anfragen im dritten Kriegsjahr zwar etwas zurück, Eran zufolge sei der Grund jedoch nicht, dass die psychischen Belastungen nachgelassen hätten oder die Folgen des Krieges vorbei seien. »Vielmehr habe sich die Art der Probleme verändert. Auch Schwierigkeiten in Partnerschaften, bei der Erziehung von Kindern und im sozialen Umgang gewinnen an Bedeutung«, so Koren.
Eran-Leiter David Koren: »Hinter jedem Anruf steht ein Mensch, der unter Schmerz, Verlust, Angstzuständen, Einsamkeit oder Burnout leidet. Und oft sogar einer Kombination aus vielem davon.«
Besonders auffällig sei die Entwicklung bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 24 Jahre. Ihr Anteil an allen Anfragen stieg von 19 Prozent im ersten auf 23 Prozent im dritten Kriegsjahr. Allein im dritten Jahr gingen 67.140 Anfragen aus dieser Altersgruppe ein.
Noch deutlicher ist die Entwicklung bei Suizidgedanken, -absichten oder -handlungen. Der Anteil solcher Anfragen unter den bis 24-Jährigen stieg von 2,6 Prozent im ersten Kriegsjahr auf 2,9 Prozent im zweiten und schließlich auf 4,4 Prozent im dritten Jahr.
Zahlen zeigen, wie groß die Not der Menschen sei
Die Hotline betont, dass diese Zahlen nicht auf die allgemeine Suizidalität junger Menschen in Israel übertragen werden können und der Anstieg auch nicht allein dem Krieg zugeschrieben werden kann. Suizidale Krisen entstünden aus einer Kombination persönlicher, sozialer und anderer Faktoren. Dennoch, so die Beratungsstelle, zeigten die Zahlen, wie groß die Not der Menschen sei.
Auch bei Soldaten zeige sich eindeutig die große mentale Belastung des Krieges. Eran habe rund 160.000 Anfragen von aktiven Soldaten und Reservisten erhalten. Männer waren mit 60 Prozent der Fälle mehr vertreten. Während bei ihnen im ersten Kriegsjahr psychischer Schmerz, Depressionen und akute Belastung sowie Angst, Trauma und Verlust dominierten, wurde auch bei den Soldaten Einsamkeit zunehmend zum zentralen Thema. Im zweiten und dritten Jahr bezogen sich jeweils 41 Prozent der Anfragen darauf.
