Sonja Bohl-Dencker und Ricarda Louk kannten einander nicht, als ihrer beider bisheriges Leben am 7. Oktober 2023 jäh zerrissen wurde. Ihre Töchter waren im Süden des Landes, als Hamas-Terroristen aus dem Gazastreifen in Israel einfielen, Carolin Bohl bei einem Freund im Kibbuz Nir Oz, Shani Louk auf dem Nova-Festival. Sonja Bohl-Dencker erfuhr am Tag nach den Massakern, dass ihr einziges Kind in einem Schutzraum erschossen worden war. Nachdem unerträgliche Bilder von Shanis Körper auf einem Pick-up in Gaza, von Umstehenden verhöhnt, um die Welt gingen, hatte Ricarda Louk fast einen Monat lang noch die Hoffnung, dass ihre Tochter am Leben sei. Am 30. Oktober 2023 belegten forensische Funde, dass sie bereits am 7. Oktober ermordet worden war. In ihrer unvorstellbaren Trauer sind die beiden Mütter zu Freundinnen geworden.
Frau Louk, Frau Bohl-Dencker, wie haben Sie zueinander gefunden?
Ricarda Louk: Der damalige deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, hat uns vernetzt. Er fragte, ob er meine Telefonnummer weitergeben dürfe. Das war relativ spät, erst Anfang 2025. Ich war überrascht, dass es noch eine Deutsche gibt, sogar in Deutschland, die auch so vom 7. Oktober betroffen ist. Das hatte ich gar nicht gewusst. Das kam nicht in den Nachrichten. Dann hat Sonja mich kontaktiert, und wir haben gleich einen Video-Call gemacht. Das tat uns beiden sehr gut. Wir haben Ähnliches erfahren, und natürlich können die Menschen um einen herum das nicht wirklich verstehen. Das kann man nur von Mutter zu Mutter.
Und danach haben Sie öfter telefoniert?
Louk: Ja, und uns auch getroffen. Ich glaube, für Sonja war es wichtig, weil sie noch isolierter ist als ich. In Israel ist der Zusammenhalt groß. Es gibt Organisationen, die sich kümmern, und Zusammenkünfte von Betroffenen. Das hat Sonja gefehlt. Es ist gut, dass wir uns unterhalten und uns regelmäßig treffen.
Sonja Bohl-Dencker: Es hat ein bisschen gedauert, weil ich Berührungsängste hatte. Ich war sehr unsicher. Aber als ich Ricarda dann geschrieben habe, dachte ich: Wie blöd war ich denn, dass ich das nicht schon längst getan habe. Es war für mich eine große Hilfe, jemanden zu haben, der den gleichen Verlust ertragen muss, mit dem ich auch auf Deutsch sprechen kann, und von jemandem vor Ort zu erfahren, wie es in Israel aussieht. Wir haben immer wieder Kontakt gehabt, geschrieben und telefoniert. Das erste Mal getroffen haben wir uns im vergangenen Jahr im Juli. Da bist du nach Nir Oz gekommen, als ich dort war.
Louk: Und dann später noch einmal.
Wie fängt man ein Gespräch über diesen unvorstellbar großen Schmerz an?
Louk: Jede hat erzählt, wie es bei ihrer Tochter war, wie sie dahin gekommen ist. Es war tatsächlich leichter als erwartet. Wir haben uns gleich verstanden.
Bohl-Dencker: Dadurch, dass wir das gleiche Schicksal haben, haben wir uns, wie man so platt sagt, auch ohne Worte verstanden.
Louk: Und dann haben wir Ähnlichkeiten zwischen unseren Töchtern festgestellt.
Bohl-Dencker: Beide wurden im Februar 2001 geboren, beide waren künstlerisch so begabt. Beide waren Tanzmäuse. So habe ich meine Tochter jedenfalls immer genannt: Tanzmaus. Natürlich waren sie nicht identisch, aber beide konnten sich toll bewegen. Carolin wäre auch gern auf das Nova-Festival gegangen. Sie hatte davon erfahren, aber sie wollte ja am 7. Oktober zurückfliegen, da hat sie sich dagegen entschieden.
Louk: Und beide waren so offen. Shani hatte Freunde auf der ganzen Welt. Herkunft und Religion waren ihr egal.
Bohl-Dencker: Carolin war auf Festivals vor allem in Deutschland unterwegs. Aber vom Wesen her war sie genauso.
Sie haben die Schwierigkeiten in Deutschland angesprochen, wo Carolins Schicksal kein großes Thema war. Haben Sie eine Erklärung dafür gefunden, woher das kommt?
Louk: Ich war schon verwundert, gerade weil über Shani von Anfang an relativ viel berichtet wurde. Hinterher habe ich verstanden, dass Sonja sich am Anfang nicht interviewen lassen wollte. Und dann war es schon wieder zu spät für die Medien. Die hatten dann kein Interesse mehr. Das kam erst später, nachdem Sonja und ich Kontakt hatten. Da habe ich ein paar Journalisten »weitergeleitet«. Auch die deutschen Geiseln sind in Deutschland schnell in Vergessenheit geraten. Es ging nur noch um Gaza.
Bohl-Dencker: Ich habe anfangs nur mit einer Regionalzeitung gesprochen. Bei uns im Dorf und in der Region war es natürlich schon Thema. Eine andere, sehr penetrante Anfrage habe ich zurückgewiesen. Als ich dann zum einjährigen Gedenken nach Israel geflogen bin, war es komisch, dass sich überhaupt niemand für Carolin interessierte. Da haben wir doch mal angefragt. Der »Spiegel« hatte tatsächlich Interesse. Aber das ZDF hat sich nicht zurückgemeldet.
Louk: Ich glaube, bei Shani war das Interesse größer, weil die schrecklichen Bilder um die Welt gingen. Und wir waren von Anfang an in Kontakt mit den Medien, weil wir noch dachten, sie wäre am Leben, und wir könnten etwas bewirken.
Was ist das für ein Gefühl, für ein Andenken kämpfen zu müssen, das eigentlich selbstverständlich sein sollte?
Bohl-Dencker: Hier in Deutschland will man von den Opfern des 7. Oktober nichts hören, sondern nur über den daraus resultierenden Krieg in Gaza reden. Alles andere wollen viele ausblenden. Als eine Delegation aus Israel für die Geiseln einmal in Berlin war oder es tatsächlich einmal eine kleine Demo für die Geiseln gab, ist in den Nachrichten etwas aufgepoppt. Aber ansonsten war das Interesse in Deutschland erschreckend gering. Die Umkehr gleich nach dem 7. Oktober ging sehr schnell.
Louk: Ich konnte mir auch nicht erklären, wie schnell sich nach dem 7. Oktober alles umgedreht hat. Plötzlich waren auch die ganzen Medien gegen Israel und für Gaza. Ich glaube, dahinter steht eine riesige Lobby. In Deutschland und in Europa. So viele Kampagnen und all die Propaganda, da kommt man gar nicht gegen an.
Was macht das mit Ihnen? Sind Sie wütend? Verliert man den Glauben an die Menschheit?
Louk: Mich ärgert das, vor allem auch das, was ich in den sozialen Medien sehe. Ich habe viele Interviews gegeben, Reden gehalten, ich war oft in Deutschland und im Ausland und habe Shanis Geschichte wieder und wieder erzählt. Meist ist das Feedback positiv, die Menschen sind betroffen und einfühlsam. Aber das ist zu wenig. Das kommt gegen die negative Masse nicht an. Aber es hat mir auch immer gutgetan, etwas zu tun, auch wenn es nur klein ist.
Bohl-Dencker: Das ist bei mir genauso. Ich bin vor allem wütend darüber, wie die Leute hier reagieren, wie sie ihren Hass gegen die Lebenden richten. Natürlich ist das Gedenken an Carolin, Shani und alle anderen Opfer wichtig, aber die lebenden Menschen sollen ein sicheres Leben haben. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass hier in Deutschland jemand zusammengeschlagen wird, weil er Jude ist. Das ist einfach unglaublich! Und die Zahlen zeigen, dass alles noch schlimmer geworden ist seit dem 7. Oktober. Das macht mich sehr wütend. Aber gleichzeitig kann ich nicht mehr so kämpfen, wie ich das früher gekonnt hätte. Der Verlust von Carolin setzt mir extrem zu. Die Trauer, auch wenn man mir das vielleicht nicht ansieht, tut immer noch so weh. Jemand hat mich kürzlich gefragt, ob es nicht die Wunden aufreiße, wenn ich so viel darüber spreche und mich engagiere. Ich habe geantwortet: »Ja, welche Wunde ist denn zu?« Um etwas aufzureißen, muss es erst einmal zugewachsen sein, und das ist noch nicht zu. Ich weiß nicht, ob es jemals zugehen wird. Aber wie du sagst, Ricarda, nur indem wir darüber sprechen, können wir vielleicht einen kleinen Anteil dazu beitragen, dass vielleicht doch der eine oder andere ins Nachdenken kommt.
Louk: So krasse Konfrontationen wie Karoline Preisler, die sich immer so mutig vor die »propalästinensischen« Demonstranten stellt, die sie angreifen, das könnte ich auch nicht. Aber ich versuche es eben anders. Ich versuche, eine Geschichte zu erzählen, ohne in die Politik zu gehen, einfach darüber, was passiert ist, wie unschuldige Menschen ums Leben gekommen sind. Damit kann jeder machen, was er will. Aber ich will, dass diese Geschichten dokumentiert, dass sie nicht vergessen werden. Deshalb haben wir auch vor dem Internationalen Gerichtshof geklagt. Damit wenigstens anerkannt wird, was passiert ist. Das muss verurteilt und niedergeschrieben werden. Wir haben wirklich Angst, dass Shani und Carolin vergessen werden, dass es in ein paar Jahren heißt, ihr Tod sei eine Erfindung und nie passiert.
Bohl-Dencker: Wie beim Holocaust, da versuchen sie es seit Jahrzehnten. Aber es ist schwieriger, denn da waren es wahnsinnig viel mehr Opfer. Aber es wird zunehmend negiert, als »Fake News« abgetan. Das alles lässt mich zwischen Frustration, Wut und meiner persönlichen Trauer hin- und herschwanken. Mir ist es so wichtig, die Erinnerung wachzuhalten. Und dabei darf man niemanden außen vor lassen. Wenn man an tote Palästinenser erinnert, muss man auch an Carolin erinnern. Wenn man sich erinnert, dann an alles.
Louk: Das ist ein wichtiger Punkt, dass der 7. Oktober der Auslöser war. Israel hat nicht einfach so einen Krieg begonnen. Es gab einen Grund. Aber das vergessen die Leute oft, und dann heißt es: Israel hat angefangen, Israel hat angegriffen. Der Ursprung wird vergessen und das ganze Bild umgedreht. Dabei wird auch immer wieder vergessen, dass Israel schon 2005 aus dem Gazastreifen abgezogen war. Aber das wissen die meisten Menschen auf den Demonstrationen gar nicht.
Bohl-Dencker: Ich war auf einer Veranstaltung, wo wir über Nir Oz berichtet haben und auch über meine Tochter. Und dann sind zwei Leute aufgestanden, haben herumgeschrien und dann ganz stolz ihr Geschirrtuch, wie ich das immer nenne, aus der Tasche gekramt. Draußen stand natürlich die Polizei, und wir haben sie gerufen, aber die Pöbler sind ganz schnell weggelaufen.
Frau Louk, bekommen Sie immer noch Nachrichten von Menschen, die Shani nicht persönlich kannten, sich ihr jedoch verbunden fühlen?
Louk: Ja, immer wieder und aus der ganzen Welt. Da war auch ein junges, selbstmordgefährdetes Mädchen, das gesagt hat, seitdem sie Shanis Geschichte gehört habe, gehe sie aus und tanzen. Sie fühle sich viel besser und wolle das Leben genießen. Es gibt Menschen, die sich riesige Tattoos von Shani haben machen lassen. Und es gibt dieses Projekt, dass Leute einen Brunnen in Tansania gespendet haben im Namen von Shani, damit die Einheimischen nicht so weit zu einer Wasserquelle laufen müssen. Gerade haben sie mir ein schönes Buch mit Shanis Kunst geschickt. Die haben gesagt: »Wir wissen, dass Sie keine Zeit haben, wir machen alles und besprechen das mit Ihnen.« Und sie wollen keinen Pfennig Geld. Sie wollen das für uns machen und für Shani. Es ist unglaublich, wie viele Leute sie erreicht hat. Das ist ein schönes Gefühl.
Bohl-Dencker: Ich bin nicht so aktiv auf Social Media, und Carolin war auch nicht weltweit auf Festivals unterwegs, sondern vor allem in Deutschland. Aber sie war auch so offen, immer gleich in Kontakt. Irgendwann hat sie sich von WhatsApp abgemeldet, weil die Nachrichtenflut ihr zu viel wurde. Aber ich bin eben nicht so offen wie sie. Ich habe totale Berührungsängste mit der Nutzung von ihren Social-Media-Accounts. Am 7. September war es drei Jahre her, dass ich Carolin das letzte Mal gesehen habe. Da hatte ich das Gefühl, etwas posten zu wollen, ein Bild von ihr. Da habe ich natürlich nette Nachrichten bekommen, aber die betreffen mich, nicht meine Tochter. Es kommen auch negative Nachrichten. Am
8. Oktober 2023, als bekannt war, dass Carolin tot ist, hat jemand geschrieben: »Ja, ins Heilige Land fliegen und dann rumheulen, das ist das Richtige.«
Louk: Als ich mich am Anfang in Shanis Instagram eingeloggt habe, waren da Tausende von Nachrichten. 80 Prozent gute, auch viele Iraner haben geschrieben, was ich zuerst gar nicht verstanden habe. Aber da waren auch ganz hässliche Nachrichten, viele von Deutschen: »Du bist ja selbst schuld, dass du nach Israel gegangen bist. Du bist schuld, dass deine Tochter jetzt tot ist.« Und solche Sachen eben. Am Anfang hat es mich sehr schockiert, ich war dann immer fix und fertig. Aber alle haben mir gesagt: »So ist es eben in Social Media. Das musst du ignorieren und ›löschen‹ drücken.«
Frau Bohl-Dencker, könnten Sie sich auch ein öffentliches Gedenken wie diesen Brunnen für Carolin vorstellen?
Bohl-Dencker: Ich wäre offen dafür, so wie Ricarda, aber ich würde das nicht unbedingt forcieren. Mir würde es schon reichen, wenn die Leute in Deutschland erst einmal nachdenken, den Konflikt vielleicht auch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten oder sich zumindest informieren würden, anstatt mit dieser Unwissenheit durch die Gegend zu rennen.
Erinnerungsprojekte sind sicher auch emotional zehrend.
Louk: Ja, sehr.
Was gibt Ihnen Kraft? Entwickelt man Routinen, weil man weitermachen will und muss?
Louk: Ich schaue nach vorn, und wir leben das Leben, also die ganze Familie. So hätte es sich Shani gewünscht, und so versuchen wir es auch. Wir feiern Geburtstage, machen Urlaub. Aber natürlich kommen die Erinnerung und der Schmerz immer wieder zurück, und das in den seltsamsten Situationen – oft, wenn man es gar nicht erwartet, wie ein Messerstich. Ein Lied, das man im Auto hört … Aber im Allgemeinen funktionieren und arbeiten wir. Das und die Familie und die Kinder geben uns viel Kraft, um weiterzumachen.
Bohl-Dencker: Uns unterscheidet, dass Carolin mein einziges Kind war. Ich bin eine Hundenärrin, und ich merke, dass ich unseren Hund jetzt auch als Kind wahrnehme, nicht als Ersatz, aber ich habe schon eine sehr enge Bindung. Den will ich nicht alleinlassen. Hätte ich mehr eigene Kinder, dann wäre das Empfinden sicher ein anderes. Aber die Kraft muss man eben haben, und dann hat man auch noch einen Sinn im Leben. Ich habe eine extrem kleine Familie. Also ist es ein bisschen schwierig, noch einen Sinn zu sehen. Im Sommer, und das hätte ich gar nicht gedacht, ging es mir mal wieder richtig schlecht. Es ist sehr schwer.
Louk: Ich habe gerade von der Arbeit eine Auszeit genommen und Kurse gemacht. Ich versuche, schöne Dinge zu finden, die mir guttun. Es hilft ein bisschen, neue Leute kennenzulernen, schöne Landschaften zu sehen, zu laufen, zu wandern ...
Bohl-Dencker: Mich zieht es immer wieder nach Israel. Im Kibbuz Nir Oz fühle ich mich wohl, aber da wird gearbeitet, und ich will niemandem zur Last fallen. Ich weiß, dass ich mir manchmal selbst auf den Füßen stehe. Vielleicht rede ich es mir auch einfach nur ein, dass alles schwierig ist, in schlechten Phasen. Aber Carolins Tod ist der Umbruch meines Lebens, und mit diesem Verlust muss ich irgendwie zurechtkommen. Ich muss meinen Weg finden. In welche Richtung und wohin auch immer.
Mit den beiden Müttern sprach Sophie Albers Ben Chamo.