7. Oktober

»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

Hamas-Terroristen und palästinensische Zivilisten überfielen am 7. Oktober 2023 Israel. Ihr Ziel: möglichst viele Juden töten. Foto: picture alliance / AA

Mein Großvater diente in der französischen Fremdenlegi­on, jener unter Charles de Gaulle. Er erlebte Europa von seiner schlimmsten Seite, und als junger Jude verstand er mehr von der Welt – und davon, wie Juden gesehen und behandelt werden –, als ich es je könnte. Nach seiner Einwanderung nach Israel in den 50er-Jahren lebte er jahrelang in einer Blechhütte ohne Strom oder fließendes Wasser und hielt Wache vor seinem Haus, aus Angst, Räuber oder Terroristen könnten seiner Familie etwas antun.

Er baute sich in Israel ein Zuhause auf, weil er – wie viele andere Juden auch – beschlossen hatte, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Genau das macht für mich das Wesen des Israelischseins aus.

Jeden Tag lief ich wie ein Zombie durch die Straßen Berlins und starrte auf mein Handy.

Ich bin unter ganz anderen Umständen aufgewachsen. In meiner Kindheit fühlte ich mich sehr sicher. Ich lebte an einem Ort, an dem Juden die Mehrheit bildeten, was für Generationen vor mir ein bloßer Traum war. Ich verbrachte Stunden allein auf den Feldern hinter unserem Haus, und nie kam mir in den Sinn, dass mir in meiner Kleinstadt an der Grenze zu Gaza etwas zustoßen könnte.

Mein Sicherheitsgefühl zerbrach zum ersten Mal

Im Jahr 2005 änderte sich das. Obwohl wir schon seit einigen Jahren mit Raketenangriffen lebten, zerbrach mein Sicherheitsgefühl zum ersten Mal, als eine Freundin aus Kindertagen direkt vor ihrem Haus durch eine Rakete getötet wurde. An jenem Tag verlor ich den Glauben daran, dass mir nichts zustoßen würde – doch mein Vertrauen in die Welt und in unsere Nachbarn jenseits der Grenze blieb bestehen.

Vor 15 Jahren zog ich nach Berlin. Ich lernte die Sprache und die Kultur kennen, fand Freunde und baute mir ein Zuhause auf. Ich wusste, dass es Antisemitismus gibt, und bekam ihn zu spüren – mal von Fremden, mal von Menschen, die ich für meine Freunde gehalten hatte. Doch es war stets klar, dass es sich dabei um eine Minderheit handelte und dass ich in Deutschland geschützt war.

Dann kam der 7. Oktober. Alles, was ich über die Welt zu wissen glaubte, brach in sich zusammen. Das Weltbild, das ich mir mein Leben lang aufgebaut hatte – geprägt von Überzeugungen über das Menschsein, von Rousseau und dem Gesellschaftsvertrag bis hin zum Glauben, dass Menschen sich bei freier Wahl für das Gute und gegen das Böse entscheiden würden –, war zusammengebrochen, und zwar rasend schnell.

In der Woche nach dem 7. Oktober hielt ich zunächst den Atem an, bis meine Eltern in Sicherheit waren. Erst dann begriff ich, welcher Gefahr sie tatsächlich ausgesetzt waren. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass eine Rakete unser Haus treffen könnte. Doch der Gedanke, dass jemand sie in ihrem eigenen Zuhause erschießen könnte, war unerträglich. Jeden Tag erwachte ich in einem noch schlimmeren Albtraum, als mir klar wurde, was meinen Freunden, meiner Familie und meiner Gemeinschaft widerfahren war.

Wieder die Leiche eines Bekannten, wieder ein Verlust, wieder ein Zeugnis des Grauens

Jeden Tag lief ich wie ein Zombie durch die Straßen Berlins und starrte auf mein Handy, das mir schreckliche Nachrichten übermittelte. Wieder die Leiche eines Bekannten, wieder ein Verlust, wieder ein Zeugnis des Grauens. Das Ausmaß an Gewalt, das ich auf meinem Handy-Display mitansehen musste, wird mich für immer verfolgen. Genau hier zerbrach meine tiefste Überzeugung: der Glaube, dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden, und dass selbst im Chaos des Krieges bestimmte Regeln herrschen.

Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden. Im Laufe der Jahre hatte ich Menschen aus dem Gazastreifen kennengelernt: Sie kamen als Bauarbeiter nach Sderot, sie verkauften Küchenutensilien auf unserem Wochenmarkt, und bis zum 7. Oktober pflegte ein Gärtner aus Gaza gemeinsam mit meinem Vater unseren Garten. Der Umgang miteinander fühlte sich stets freundschaftlich an – als ob der Konflikt nur auf der politischen Ebene stattfände und die Hamas für beide Seiten ein Problem wäre. Der 7. Oktober hat all das für mich verändert, weil ich sah, wie sich Zivilisten an den Ausschreitungen beteiligt und über unsere Ermordeten und Entführten gejubelt haben.

Der 7. Oktober war ein Ereignis, dessen Verarbeitung Generationen brauchen wird. Doch uns blieb keine Zeit zum Trauern. In Israel begann der Krieg, aber auch hier in Deutschland änderte sich viel. Zuerst dachte ich: Wenn die Menschen nur wüssten, was in Israel – aber auch in meiner eigenen Familie – geschieht, würden sie kommen und mich trösten, und mein Glaube an die Menschheit würde wiederhergestellt. Und manche kamen tatsächlich – ihnen bin ich auf ewig dankbar –, doch so viele schwiegen.

Wie gefährdet meine Eltern in ihrem Haus wirklich waren, verstand ich erst später.

Damals war ich sicher, das Schweigen rühre daher, dass es sich um ein schwieriges Thema handelte. Doch mit der Zeit merkte ich, dass das Schweigen manchmal einen tieferen Grund hatte. Die Menschen waren vom 7. Oktober vielleicht nicht begeistert, doch sie nahmen uns nicht als Opfer wahr.

Ein durch nichts zu rechtfertigendes Massaker als scheinbar verständlicher Akt der Gewalt

Einige Wochen später sprach ich mit einem Bekannten über die Dinge, die geschehen waren: das Abschlachten von Kindern und alten Menschen, die Verstümmelungen, die Grausamkeit der Hamas. Seine Antwort lautete: »Aber man kann sie doch verstehen – dass sie Widerstand leisten wollen.« Das war das erste Mal, dass ich das Wort »Widerstand« im Zusammenhang mit dem 7. Oktober hörte. Ein durch nichts zu rechtfertigendes Massaker als scheinbar verständlicher Akt der Gewalt, versehen mit einem Hauch von Heldentum und Empathie für die Täter.

Würde ich das heute hören, wüsste ich, was ich darauf antworten sollte. Doch damals war ich völlig verloren im Nebel des Traumas – in jener Phase nach einem traumatischen Erlebnis, in der man die Dinge noch nicht klar sieht. Die Wortwahl war kein Zufall. Es war kein Missverständnis und lag nicht an mangelndem Wissen über internationales Recht oder gängige Begrifflichkeiten. Es war ein Versuch, die Geschichte umzuschreiben: von der Hamas und ihren Propagandisten in die Welt gesetzt und in den sozialen Netzwerken verbreitet.

»Widerstand« tat weh, doch der Begriff »Völkermord« ist eine böswillige Anmaßung. Einen Ausdruck, der im Kontext jüdischen Blutes geprägt wurde, gegen uns zu verwenden, ist ein perfider Versuch, das Leid zu verharmlosen, das wir durchlitten haben. Es ist eine manipulative Methode, um unseren Schmerz zu delegitimieren. Die Bereitschaft, uns das Schlimmste zuzutrauen, ist eine alte, aber leider wohlbekannte Form des Antisemitismus.

Ein Kampf, in dem jedes Mittel gerechtfertigt und verherrlicht wird

Ich brauchte lange, um zu begreifen, dass die Messer und Schusswaffen der Hamas nicht die einzigen Waffen in einem Kampf waren, in dem jedes Mittel gerechtfertigt und verherrlicht wird. Dieser Krieg wurde nicht nur im Nahen Osten geführt, sondern auch hier in Deutschland und in der übrigen freien Welt. Und obwohl ich weit weg von jenem gefährlichen Ort war, an dem ich aufgewachsen bin, fühlte ich mich jeden Tag unsicher und angegriffen.

Die Worte, mit denen über den Nahen Osten gesprochen wurde, beeinflussten meinen Alltag hier in Berlin. Ich bekam Angst, Hebräisch zu sprechen – meine Sprache, in der ich nicht nur kommuniziere, sondern auch schreibe; eine Sprache, die tief in meinem Wesen verwurzelt ist. Und nachdem mein damals zweijähriger Sohn – nur ein paar Meter von unserer Haustür entfernt – körperlich angegriffen worden war, weil ich es gewagt hatte, ihm auf Hebräisch zu sagen, dass er mein wunderbarer Junge ist, hörte ich auf, Hebräisch mit ihm zu sprechen. Ein Verlust in unserer Beziehung, für den ich kaum Worte finde. Und um mich herum auf der Straße sprechen alle anderen ganz selbstverständlich mit ihren Kindern ...

Damals wurde mir klar, dass mit zweierlei Maß gemessen wird: Es gibt Regeln für Israelis und Juden und solche für alle übrigen Menschen. Im Dezember 2023 leitete ich eine Stadtführung zum jüdischen Berlin für Besucher aus den USA und stellte plötzlich fest, dass ich mich mit den Juden des 19. Jahrhunderts identifizierte: Sie besaßen zwar Bürgerrechte, waren aber gesellschaftlich nicht gleichgestellt. Deutschland schützt Juden zwar per Gesetz, lässt jedoch zu, dass sie im Namen der Meinungsfreiheit zur Zielscheibe werden. Wenn Meinungsfreiheit dazu genutzt wird, Hass zu verbreiten, sollte sie Grenzen haben.

In den letzten drei Jahren habe ich kaum Empathie oder Verständnis für das erlebt, was meine Gemeinschaft und ich durchgemacht haben. Wenn ich sagte, dass ich Angst um mich und meinen Sohn habe, wurde ich ignoriert oder zumindest als privilegierte Person behandelt, die überreagiert.

»Völkermord«: Der Hamas ist es gelungen, die Geschichte umzuschreiben.

Der Hass, von dem ich nie gedacht hätte, dass er sich in solch harten Worten äußern würde, ist in körperliche Gewalt umgeschlagen; die Bedrohung für Juden – in Deutschland wie weltweit – wächst stetig. Die Gewalt zielt auch darauf ab, uns zum Schweigen zu bringen. Lange Zeit habe ich geschwiegen und versucht, es so zu halten wie so viele Juden vor mir: den Tag überstehen und irgendwie weitermachen.

Juden haben ein Recht auf ein Leben in Sicherheit, genau wie alle anderen auch

Früher hatte ich Angst davor, was mir zustoßen könnte, wenn ich meine Stimme erhebe. Heute fürchte ich mich davor, was passieren könnte, wenn ich es nicht tue.
In letzter Zeit ist mir bewusst geworden, dass ich – anders als mein Großvater – an einem Ort geboren wurde, an dem das Jüdischsein gefeiert wird. Wo ich mit einem Davidstern herumlaufen oder einfach lächeln kann, wenn mein Kind sagt, dass es Israel liebt – ohne mir Sorgen machen zu müssen, wer das hören und uns deswegen angreifen könnte.

Juden haben ein Recht auf ein Leben in Sicherheit, genau wie alle anderen Menschen auch. Meine Identität sollte mich nicht aus politischen Gründen zur Zielscheibe von Gewalt machen. Das ist kein Privileg, das man sich erkämpfen muss; es ist eine Selbstverständlichkeit. Das ist der Ort, an dem mein Sohn aufwachsen soll, und einen solchen muss es in Deutschland geben.

Die Autorin ist Schriftstellerin und wurde in Sderot geboren. Ihr jüngstes Buch »BeSadot Chita« (»Weizenfelder«) ist in Israel im Verlag Sifrei Niv erschienen.

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