Herr Hasson, diskutieren Sie mit Kollegen und anderen Experten das Thema KI?
Auf jeden Fall. Ich glaube, in den letzten Monaten war KI das Hauptgesprächsthema. Es gibt mittlerweile organisierte Arbeitsgruppen dazu. Vor einigen Monaten gab es zum Beispiel ein Treffen hochrangiger, renommierter Mathematiker, bei dem es um die Frage ging, wie man Doktoranden im Zeitalter der KI betreuen soll. Ich glaube, fast jeder würde sagen, dass es das drängendste Problem ist. Aber wir sind Mathematiker, also gibt es dazu Hunderte verschiedener Meinungen.
Sehen Sie sowohl positive als auch negative Aspekte der KI, insbesondere für Ihr Fachgebiet?
Ich denke, es gibt definitiv beide. Allerdings bin ich bin unschlüssig, in welchem Verhältnis die Seiten zueinanderstehen. Ich persönlich finde mich irgendwo in der Mitte und glaube nicht, dass wir uns wie die Weber des 19. Jahrhunderts verhalten sollten, die in die Fabriken zogen, um Maschinen zu zerstören. Wir müssen lernen, mit der Technologie umzugehen. Ich habe aber das Gefühl, dass die Vorteile eher oberflächlicher Natur sind, während die Nachteile tiefer gehen – und dass alles viel zu schnell geht.
Manche sagen, die Mathematik könnte die erste Wissenschaft sein, die durch KI weitgehend überflüssig wird. Was denken Sie darüber?
Ich glaube, die Mathematik ist, zumindest soweit ich weiß, die einzige Wissenschaft, in der KI bereits bedeutende Beiträge geleistet hat, indem sie Probleme gelöst hat, die für Menschen äußerst schwierig sind. Es gibt die sogenannten Millennium-Probleme, die im Jahr 2000 vom Clay Institute veröffentlicht wurden. Dabei handelt es sich um sieben Probleme, für deren Lösung jeweils eine Million Dollar ausgeschrieben ist. Bis vor wenigen Monaten war erst eines dieser Probleme gelöst worden, und zwar durch Grigori Perelman. Der gab die korrekte Antwort und verschwand dann aus der Welt der Mathematik.

Und löste die KI auch bereits eins dieser Probleme?
Ja, tatsächlich wurde kürzlich ein zweites Teilproblem von einer KI gelöst. Doch die Art und Weise, wie diese Lösungen heute zustande kommen, führt zu völlig unlesbaren Texten. Etwas, das Mathematiker als »nicht einmal falsch« bezeichnen. Es ergibt schlicht keinen Sinn, wir können es weder lesen noch verstehen, was da eigentlich vor sich geht.
Schon vor dem Zeitalter der KI entwickelten Mathematiker Werkzeuge für die sogenannte »formale Verifikation von Beweisen«. Dabei werden Beweise in eine formal-logische Abfolge von Aussagen übersetzt, die anschließend von einem Computer überprüft werden können. Das ist eine Aufgabe, bei der KI angeblich sehr leistungsfähig sein soll. Der Beweis wird formalisiert und dann mithilfe eines Verifikationsprogramms ein Zertifikat erstellt, das bestätigt, dass es sich tatsächlich um einen gültigen Beweis handelt.
Denn dass uns ein Orakel einfach sagt, etwas sei korrekt, ist für uns Mathematiker wertlos. Aber wir gehen davon aus, dass KI irgendwann weitaus besser darin sein wird, wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen, diese zu erläutern, Theorien zu entwickeln und all die anderen Dinge zu tun, die Mathematiker eben tun. Aber an diesem Punkt sind wir noch nicht.
Die KI macht Mathematiker also vorerst nicht überflüssig?
Vorerst definitiv nicht. Es gibt jedoch ein ernsthaftes Problem. Viele Mathematiker, die sich zu diesem Thema äußern, betonen, dass es beim Betreiben von Mathematik nicht nur um das Beweisen von Sätzen oder das Lösen von Problemen geht, sondern auch darum, die Theorien, Werkzeuge, Begriffe und Ideen zu entwickeln, die darin einfließen. Und schließlich darum, die richtigen Fragen zu stellen, auf die es Antworten zu finden gilt.
Die KI ist sehr gut darin – und wird wahrscheinlich besser als wir –, den ersten Teil zu bewältigen: das Lösen von Problemen. Das gilt insbesondere für Probleme, an denen bereits viele Menschen gearbeitet haben, sodass eine Menge einschlägiger Literatur existiert. KI kann auf eine gewisse Weise Verbindungen herstellen, für deren Erkennung uns das nötige Wissen fehlt. Aber wir haben keine Belege dafür, dass KI gut darin ist, neue Theorien aufzustellen oder fundierte Vermutungen zu äußern. Es mag aber sein, dass sie dazu in naher Zukunft in der Lage sein wird.
Wenn Maschinen uns darin weit überlegen sind und der Aspekt der Problemlösung in der Mathematik für die meisten Menschen an Bedeutung verliert, dann fühlen sich womöglich genau jene Menschen, die sich heute für das Fach begeistern, nicht mehr davon angesprochen.
Sie sprechen von Werkzeugen. Gibt es für Sie bereits Möglichkeiten, KI in Ihrem Fachgebiet einzusetzen?
Auf jeden Fall. Mathematiker, selbst ernsthafte, nutzen sie definitiv. Erstens ist sie ein hervorragendes Hilfsmittel, um sich zumindest oberflächlich in mathematische Gebiete einzuarbeiten, die man noch nicht kennt, um einen Überblick und eine allgemeine Orientierung zu gewinnen. Zweitens ist KI nützlich, um Ideen zu überprüfen. Wenn man wissen möchte, ob Ähnliches bereits versucht wurde, der Ansatz sinnvoll ist oder es offensichtliche Einwände gibt, ist das sehr hilfreich. Viele Leute stellen ihr Fragen wie: »Kannst du dieses Problem für mich lösen?« Manchmal gelingt ihr das, manchmal nicht. Ich persönlich finde das nicht besonders interessant, denn es geht mir nicht darum, ob die Antwort »Ja« oder »Nein« lautet, sondern darum, den Beweis tatsächlich selbst zu finden.
Wie wird KI Ihrer Meinung nach unsere Zukunft verändern – vielleicht nicht nur in Ihrem Fachgebiet?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Über eins bin ich mir allerdings ganz sicher: Wir müssen völlig transparent mit KI umgehen. Ein Freund stellte mir vor Kurzem diese Frage: Angenommen, in nicht allzu ferner Zukunft gibt ein Filmregisseur oder Produzent ein Drehbuch an ein KI-System und beauftragt es damit, die Musik für einen Film zu komponieren. Und wenn die KI es genauso gut oder besser erledigt als die Menschen, werden wir dann keine Musiker mehr brauchen?
Ich befürchte, dass sich die Menschen zu sehr auf KI verlassen, bis zu dem Punkt, an dem sie verlernen, selbstständig zu denken. Das lässt sich bei einem großen Teil der Studierenden sehr deutlich beobachten. Für sie ist KI etwas, auf das sie nicht mehr verzichten können. Und genau das bereitet mir die größten Sorgen: dass KI dazu führen könnte, dass wir nicht mehr selbst denken. Doch was sagt das über uns aus? Wenn wir weder denken noch irgendetwas tun müssen – was machen wir dann?
Mit Assaf Hasson, Professor der Fakultät für Mathematik an der Ben-Gurion-Universität in Israel, sprach Sabine Brandes