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Verteidigung

Nach Deal über VW-Werk: Israelische Rüstungsunternehmen wollen noch mehr in Deutschland investieren

Das Iron Dome-System schießt eine Abfangrakete ab (Archivbild). Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Nachdem erst vor wenigen Tagen die Nachricht öffentlich geworden war, dass im VW-Werk Osnabrück künftig statt Autos Komponenten für Flugabwehrsysteme des israelischen Rüstungskonzerns Rafael hergestellt werden sollen, wird nun klar: Rafael und andere israelische Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie wollen in Deutschland weiter expandieren.

»Wir wachsen in Deutschland auf weit über 1.000 Mitarbeiter in den nächsten drei Jahren und planen, bis zu acht neue Standorte über die nächsten Jahre zu eröffnen«, sagte Marian Rachow, früher Rüstungsmanager bei Airbus und seit einem Jahr CEO der deutschen Elbit-Tochterfirma, gegenüber der »Zeit«.

Israel als Entwicklungshelfer?

Der Rüstungsbereich in Deutschland boome zwar seit dem beschlossenen Sondervermögen für die Bundeswehr, so Rachow. Er schränkte jedoch ein: »Wir haben hier eine Industrie, die über Jahrzehnte hinweg eher auf Behäbigkeit getrimmt wurde und die eigentlich eher im Überlebensmodus war. Sie muss sich jetzt in einen Hyperscaler umwandeln, der wahnsinnig schnell wachsen muss, der riesige Produktionsmengen rausbringen muss.«

Israels Rolle sei dabei eher mit der eines Entwicklungshelfers zu vergleichen als mit der eines klassischen Einkäufers. »Das Ziel ist, gemischte Entwicklungsteams zu haben, die in Deutschland, vielleicht sogar in Israel arbeiten. Ich würde es auch gerne umgekehrt haben, dass auch die Deutschen zeitweilig in Israel arbeiten.«

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Gil Pinchas, der frühere Finanzchef der israelischen Armee und einer der Köpfe hinter Rafaels Übernahmedeal in Osnabrück, sagte der Zeit: »VW und Rafael verkörpern genau das, was unser Verteidigungsministerium anstrebt: eine Abkehr von rein exportorientierten Verträgen hin zu Vereinbarungen mit ausländischen Partnern zum gegenseitigen Nutzen.«

Schon 2027 sollen in Osnabrück Bestandteile für Rafaels Raketenabwehrsystem Iron Dome statt Cabriolets vom Band rollen. Ermöglicht wurde das, weil man einen Weg gefunden hat, das Veto von VW-Anteilseigner Katar zu umgehen: Das Werk wird an das Land Niedersachsen und ein israelisches Investmentunternehmen verkauft und dann von Rafael geführt.

»Wir sprechen hier von einer Partnerschaft auf allen Ebenen. Das könnte sogar so weit gehen, dass unser Verteidigungsministerium deutsche Beamte in Zukunft bei der Umsetzung des Sondervermögens berät.« Gil Pinchas

Mit Blick auf die deutsche »Zeitenwende« in puncto Rüstung und Verteidigung, sagte Pinchas im Gespräch mit der »Zeit«: »Wir sprechen hier von einer Partnerschaft auf allen Ebenen. Das könnte sogar so weit gehen, dass unser Verteidigungsministerium deutsche Beamte in Zukunft bei der Umsetzung des Sondervermögens berät.«

Hintergrund der israelischen Strategie ist, dass im Zuge des Krieges gegen Hamas, Hisbollah und Iran klar wurde, dass es Israel an Personal und Platz fehle, so Pinchas. Israel brauche neue Fabriken und mehr Fachkräfte. »Deutschland ist der wichtigste Industriestandort in Europa und unterhält enge Beziehungen mit Israel«, erläutert Pinchas. »Das macht es für uns zu einem Partner, mit dem wir langfristig planen können.« Zumal die Bundesregierung eine neue Militärdoktrin erarbeite und das milliardenschwere Sondervermögen bereitgestellt habe. Schließlich soll die Bundeswehr angesichts der Bedrohung durch Russland bis in drei Jahren »kriegstüchtig« sein, wie SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius verspricht.

Auch US-israelisches Unternehmen Covenant investiert

Am Mittwoch wurde zudem bekannt, dass auch das US-israelische Rüstungsunternehmen Covenant massiv in Deutschland investiert. Die Firma will in Sachsen eine umfangreiche Produktion weitreichender Marschflugkörper aufbauen. »Im ersten Jahr werden wir etwa 1.000 Stück produzieren und dann auf 5.000 Stück hochfahren. Das ist unser Ziel für die Jahresproduktion«, sagte Covenant-Chefin Abigail Denburg.

Die Produktion des Marschflugkörpers Anthem soll demnach im kommenden Jahr im Raum Leipzig für europäische Kunden beginnen. Das Unternehmen hat auch noch eine Fabrik in Dallas/Texas zur Versorgung der US-Streitkräfte.

Anthem kann einen 200 Kilogramm schweren Gefechtskopf tragen. Zu Medienberichten, wonach die Reichweite 1.500 Kilometer beträgt, äußert sich das Unternehmen nicht. Anthem wird als Waffe für Präzisionsschläge tief im gegnerischen Gebiet (»deep strike«) bezeichnet.

Der Standort Leipzig biete sich für eine Fabrik an, weil es dort hervorragende Fachkräfte gebe, so das Unternehmen Covenant.

Das Unternehmen will das Waffensystem deutlich günstiger anbieten als bislang auf dem Markt verfügbare Systeme. Covenant erklärt dazu, Anthem werde einen sechsstelligen Betrag kosten, also weniger als eine Million, während andere Waffensysteme dieser Art üblicherweise mehrere Millionen US-Dollar pro Stück kosten. Tests mit der Waffe gab es Berichten zufolge in den USA und in Marokko.

Nach dpa-Informationen ist Covenant bereits in Gesprächen mit der Bundeswehr und der Beschaffungsbehörde, ohne dass dies offiziell bestätigt wird. Denburg sagte - ohne einen direkten Bezug zu Deutschland - es gebe bereits einen Produktionsvertrag für Lieferungen von Deutschland aus beginnend im ersten Quartal 2027. »Dieser europäische Kunde wird selbst entscheiden, wann er dies bekanntgeben möchte«, sagte sie dazu.

Covenant hat Ex-General als Berater

Covenant wurde erst 2024 gegründet und hat seinen Hauptsitz in Washington. Der Standort Leipzig biete sich für eine Fabrik an, weil es dort hervorragende Fachkräfte gebe, so das Unternehmen.

Die Firma hat nach eigenen Angaben in drei Finanzierungsrunden mehr als 250 Millionen US-Dollar (215 Millionen Euro) von Investoren eingeworben. Unter den Geldgebern ist auch der Founders Found, bei dem Peter Thiel zu den Mitgründern zählt. Er ist bekannt für seine libertären und rechtskonservativen Positionen, seine Nähe zu US-Präsident Donald Trump und seine Kritik an liberalen Demokratien. 

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte in der Vergangenheit »ausdrücklich« Bedenken gegen Thiel geteilt. Öffentlich diskutiert wurde auch, ob neue Abhängigkeiten entstehen oder ob nicht die Gefahr größer ist, im Spannungsfall ohne ausreichend gefüllte Munitionslager dazustehen.

In Deutschland hat das Unternehmen nach eigenen Angaben Generalleutnant a.D. Andreas Marlow als Berater. Er war bis 2025 Stellvertreter des Heeresinspekteurs und leitete von 2022 an auch die EU-Ausbildungsmission für die ukrainischen Streitkräfte. Ein in Europa produziertes Programm für Langstreckenflugkörper sei »das fehlende Puzzlestück in unserer Abschreckungsarchitektur«, wird Marlow zitiert. 

Ist Anthem eine Alternative für den Tomahawk? 

Deutschland und die europäischen Nato-Verbündeten bemühen sich derzeit, weitreichende Waffensysteme als Antwort auf die russische Bedrohung zu beschaffen und auch selbst zu entwickeln. Beim Nato-Gipfel in Ankara hatte sich die Bundesregierung mit den USA auf den Kauf von US-Marschflugkörpern des Typs Tomahawk geeinigt.

Die Deutsche Marine hatte Anfang September einen zuvor geheim gehaltenen Test des israelischen Raketensystems Lora - eine ballistische Rakete - erfolgreich abgeschlossen. Deutschland selbst verfügt bereits über den Marschflugkörper Taurus des Rüstungskonzerns MBDA, ist damit aber von einer Massenproduktion weit entfernt.

Die europäischen Nato-Staaten verfügen derzeit auch noch nicht über eigene Mittelstreckenwaffen. Mittelfristig wollen mehrere Verbündete ein eigenes Waffensystem für weitreichende Präzisionsangriffe (»deep precision strike«) auf sogenannte Hochwertziele eines Gegners beschaffen. Dazu wurde 2024 auf dem Nato-Gipfel in Washington das Projekt Elsa (»European Long-Range Strike Approach«) angestoßen. ja/dpa

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