Im Volkswagen-Werk Osnabrück sollen künftig keine Autos mehr vom Band laufen. Stattdessen ist dort die Produktion von Komponenten für ein Flugabwehrsystem des israelischen Rüstungskonzerns Rafael geplant. Volkswagen hat sich laut einem Bericht von »Capital« mit dem Finanzinvestor Aurelius und dem Land Niedersachsen auf den Verkauf der Fabrik verständigt.
Aurelius soll nach der Vereinbarung die Mehrheit an dem Standort übernehmen, Niedersachsen beteiligt sich mit einem Minderheitsanteil. Das dort entstehende Rüstungsprodukt könnte später auch für die Bundeswehr von Bedeutung sein: Die Bundesregierung plant voraussichtlich, das entsprechende Flugabwehrsystem für Deutschland zu beschaffen.
Für die Beschäftigten soll der Eigentümerwechsel laut Bericht offenbar keine unmittelbaren Folgen haben. Aurelius und das Land Niedersachsen wollen demnach einen Großteil der Belegschaft übernehmen. Volkswagen steht zugleich weiterhin für die bestehende Beschäftigungsgarantie ein, die noch bis 2029 gilt.
Ungewöhnlicher Wandel
Die Entscheidung beendet eine lange Suche nach einer Zukunft für das traditionsreiche Werk. Volkswagen hatte bereits 2024 angekündigt, die Autoproduktion in Osnabrück einzustellen. In diesem Jahr feierte der Standort sein 125-jähriges Bestehen. Zuletzt wurde dort unter anderem das T-Roc Cabrio gefertigt.
Mit dem Verkauf zeichnet sich nun ein ungewöhnlicher Wandel ab: Aus einem klassischen Automobilstandort wird eine Produktionsstätte für die Rüstungsindustrie. Osnabrück könnte damit zu einem Beispiel dafür werden, wie industrielle Kapazitäten aus der angeschlagenen deutschen Autoindustrie für den Verteidigungssektor genutzt werden können.
Auch an anderen VW-Standorten wird über neue Nutzungsmöglichkeiten diskutiert. Volkswagen hatte unter anderem die Zukunft der Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm infrage gestellt. Der Konzern hatte zugleich signalisiert, nach »intelligenteren Lösungen« für nicht mehr benötigte Produktionskapazitäten zu suchen. Eine Nutzung durch die Rüstungsindustrie war dabei ausdrücklich als Möglichkeit genannt worden.
Künftige Entwicklung
In Osnabrück wird dieser Schritt allerdings nicht mehr unter der direkten Führung von Volkswagen erfolgen. Der Konzern zieht sich aus dem Standort zurück und überlässt dessen künftige Entwicklung dem neuen Mehrheitseigner Aurelius und dem Land Niedersachsen.
VW-Chef Oliver Blume erklärte: »Mit der heutigen Vereinbarung machen wir einen wichtigen Schritt, um dem Werk eine neue industrielle Zukunft zu eröffnen.«
Der Wandel in Osnabrück steht zugleich für eine Entwicklung, die derzeit die gesamte deutsche Industrie betrifft. Während Autobauer und Zulieferer nach Möglichkeiten suchen, Werke und Arbeitsplätze trotz sinkender oder veränderter Nachfrage zu erhalten, benötigt die stark wachsende europäische Rüstungsindustrie zusätzliche Produktionskapazitäten.
Bestehende Fabriken
Entsprechend wächst das Interesse der Rüstungsunternehmen an bestehenden Fabriken und deren Infrastruktur. Unternehmen wie Rheinmetall und KNDS prüfen Möglichkeiten, industrielle Anlagen aus der Autoindustrie zu nutzen. Im Gespräch sind dabei unter anderem Standorte aus dem Mercedes-Nutzfahrzeugbereich in Ludwigsfelde sowie weitere Fabriken in Niedersachsen. im