Hunderte Einwohner der nordisraelischen Grenzstadt Kiryat Schmona haben in Jerusalem gegen die jüngst vereinbarte Waffenruhe mit der Hisbollah demonstriert. Kundgebungen fanden vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten sowie vor der US-Botschaft statt. Laut israelischen Medienberichten warfen die Teilnehmer der Regierung vor, die Sicherheitsinteressen des Nordens preiszugeben.
Auslöser der Proteste ist die auf zehn Tage angelegte Feuerpause, die nach wochenlangen Raketen- und Drohnenangriffen auf Orte in Nordisrael vereinbart wurde. Kritiker sehen darin ein Abkommen, das unter starkem Druck aus Washington zustande gekommen sei und Israels Interessen nicht ausreichend berücksichtige.
Die Stadtverwaltung von Kiryat Schmona rief parallel zu einem Streik auf. Nicht lebensnotwendige kommunale Dienste blieben geschlossen, ebenso das Bildungssystem der Stadt. Ausgenommen waren lediglich Einrichtungen der Sonderpädagogik.
Umfassender Schutz
Kiryat Schmona zählt zu den am stärksten betroffenen Orten an der Nordgrenze. Bereits während der Kämpfe 2023 und 2024 war die Stadt wiederholt Ziel von Angriffen der Hisbollah. Viele Bewohner mussten ihre Häuser verlassen, als die libanesische Terrororganisation begann, ihre Region mit Raketen zu attackieren. Israel musste reagieren.
Die Kommune formulierte klare Forderungen an die Regierung. Nötig seien die »Zerschlagung der Hisbollah als militärische und zivile Organisation«, wirksame Verteidigungslinien an der Nordgrenze sowie umfassender Schutz für Einwohner und öffentliche Einrichtungen, insbesondere Schulen.
Um ihren Protest sichtbar zu machen, fuhren Konvois aus der Stadt am Sonntagmorgen nach Jerusalem. Die Stadtverwaltung erklärte vorab: »Nach zwei Jahren Evakuierung, während unsere Kinder in Hotels und Schutzräumen aufwachsen, werden wir kein Abkommen unterstützen, das den Norden aufgibt und der Hisbollah erlaubt, sich direkt an unserem Zaun weiterzubewaffnen.«
Offene Kritik
An der Spitze der Demonstration stand Bürgermeister Avichai Stern, der zwar Mitglied des Likud von Benjamin Netanjahu ist, die Regierungspolitik im Norden aber seit Langem offen kritisiert. Vor der US-Botschaft wandte er sich laut »Times of Israel« direkt an Präsident Donald Trump: »Sie würden nicht zulassen, dass Ihre Kinder unter Bedrohung leben. Warum lassen Sie unsere Kinder so leben?«
Auch gegen Jerusalem richtete Stern schwere Vorwürfe. »Seit 1969 lasst ihr uns im Stich«, sagte er mit Blick auf frühere Raketenangriffe auf die Stadt. Regierungen verschiedener Jahrzehnte hätten die Bewohner von Kiryat Schmona nicht ausreichend geschützt.
Zudem beklagte der Bürgermeister fehlende Infrastruktur und mangelnde Investitionen. Versprochen worden seien Bahnanschluss, bessere Verkehrsverbindungen, Gesundheitsdienste und wirtschaftliche Entwicklung. »Wir bitten seit Jahren um ein Krankenhaus. Warum ist ein Kind in Kiryat Shmona nicht so viel wert wie ein Kind im Zentrum oder Süden?«, sagte er. im