EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Street-Art

Jeden Tag ein neues Gesicht

An seiner Einstellung gegenüber Graffiti kann man gut erkennen, wie liberal ein Land ist», sagt der israelische Street-Artist Ettinger. «Die Berliner Mauer war von der Westseite voller Graffiti, von Osten war sie blank.» In Nordkorea würde die Polizei sogar Schriftproben von den Bewohnern eines ganzen Wohnblocks nehmen, um den Urheber eines Graffitis ausfindig zu machen. In Tel Aviv – Israels inoffizieller Kulturhauptstadt – sei die Lage etwas ironisch. «Die Stadt hat eigene Aufseher, die gemeinsam mit der Polizei Sprayer finden und Geldstrafen verhängen. Zugleich bietet sie Graffiti-Touren an, um jene Werke zu zeigen, deren Sprayer nicht auf frischer Tat ertappt wurden», so Ettinger.

Der Reiz am Graffiti-Sprühen wird durch die Illegalität wohl nur noch größer. Vor allem im Stadtviertel Florentin gibt es Dutzende Sprayer, die nachts aktiv und nur unter Künstlernamen bekannt sind. Das heißt auch: Jeden Morgen sieht das Viertel etwas anders aus – und niemand kann vorhersagen, wie.

International bekanntes Graffiti

An einem besonders schwülen Juli­tag führt Ettinger eine Besuchergruppe durch Tel Aviv, die mehr über die Street-Art der Stadt erfahren möchte. An einer Trafostation am Washington Boulevard vermutet er das älteste Graffiti der Stadt. In Schwarz und Weiß zeigt es schemenhaft die Ermordung des israelischen Premierministers Yitzhak Rabin durch den rechtsextremen Israeli Jigal Amir. Am 4. November 1995 war das. Drei Monate später sei das Graffiti entstanden, so Ettinger, «weil der Künstler fürchtete, dass das Attentat in Vergessenheit geraten würde». Nachdem sein Werk von rechten Aktivisten beschädigt und durch die Stadtverwaltung zum Teil entfernt worden war, habe er sich in seinem Anliegen bestätigt gefühlt.

Nur 100 Meter weiter südlich befindet sich ein international bekanntes Graffiti. 2014 hat der Künstler«Kis-Lev» Kurt Cobain, Amy Winehouse und fünf weitere Mitglieder des sogenannten Club 27 porträtiert. So wird eine Reihe berühmter Pop- und Rockmusiker bezeichnet, die alle im Alter von 27 Jahren starben.

Nur wenn ein Künstler gestorben ist, werden seine Werke in Ruhe gelassen.

Weil die Porträts detailreich sind und sich in gut fünf Metern Höhe befinden, hätte eine typische Nachtaktion dafür nicht ausgereicht. Kis-Lev mietete eine Hebebühne, trug Warnweste und Schutzhelm. So wollte er wie ein Street-Art-Künstler aussehen, den die Stadtverwaltung offiziell beauftragt hat. Um sicherzustellen, dass die Polizei seine Tarnung nicht mit einem Anruf im Rathaus überprüfen kann, sprühte er das Graffiti am Feiertag Rosch Haschana.

Dass Motive wie das Attentat auf Rabin und der Club 27 auch nach vielen Jahren noch zu sehen sind, ist nicht selbstverständlich. In der Szene gehört es dazu, dass alte Werke mit neuen übersprüht werden. Manche Künstler beschriften ihre Werke daher mit der aktuellen Jahreszahl. Die fungiert als Ablaufdatum, sagt Ettinger: «Bitte drei Jahre nicht übersprühen!»

Nur wenn ein Künstler gestorben ist, sei klar, dass seine Werke in Ruhe gelassen werden. Aus Respekt. So etwa geschehen bei der 27-jährigen Inbar Haiman, die am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen ermordet wurde. In Tel Aviv war sie unter dem Künstlernamen «Pink» bekannt.

Rachel Edri als Superheldin

«Und dann gibt es noch Übungsflächen, wo jeder weiß, dass Graffitis schnell wieder übersprüht werden», sagt der Street-Art-Experte, während er die Gruppe in die Tsrifin-Straße führt. Die ist so schmal, dass keine Polizeiautos hindurchfahren können. Wer seine Hauswand lieber weiß mag, installiert deshalb Videokameras und Warnschilder. Das trifft aber nur auf die wenigsten Anwohner zu.

Lesen Sie auch

Wo sich die Tsrifin-Straße und die Abarbanel-Straße kreuzen, finden Passanten eines der derzeit populärsten Graffitis der Stadt. Es zeigt Rachel Edri im Stil einer Comic-Superheldin. Die 67-Jährige aus Ofakim hatte am 7. Oktober fünf Hamas-Terroristen, die sie in ihrem eigenen Haus als Geisel gefangen hielten, bekocht und Kekse für sie gebacken. So konnte sie die Angreifer lange genug hinhalten, bis israelische Spezialkräfte eintrafen, um sie zu befreien.

Gesprüht wurde das Edri-Graffiti vom Künstlerkollektiv «Grafitiyul» am 17. Oktober 2023. Eigentlich sei er an diesem Tag losgezogen, um seinen Ärger und Schmerz zu zeigen, zitierte «Ynet» einen der Künstler. «Aber eine Freundin meinte, es gebe bereits genug Wut und Schuldzuweisungen in den sozialen Medien. Wir sollten lieber die Stimmung heben und die Menschen glücklich machen.» Und da sei ihnen die Geschichte von Edri eingefallen.

«Lasst Kunst wachsen», schrieb der Sprüher «Avishai» neben eine seiner Wasserlilien.

Für eine Geschichte mit positivem Ausgang steht auch die Fassade der Druyanov-Grundschule in der HaNagarim-Straße 23. Anlässlich des Pride-Monats malte die Künstlerin «Pardes» dort bunte Herzen. Jedes individuell, ohne Schablone. Leider übersprühte sie für die Liebesbotschaft auch einige Wasserlilien, das Lieblingsmotiv von Künstler «Avishai». Der war schockiert und überdeckte Pardes’ Herzen wiederum mit weißer Wandfarbe. «In der Graffiti-Welt ist das die größte Beleidigung», erklärt Ettinger.

Nachdem Freunde aus der Szene Pardes und Avishai zu einem Treffen überredet hatten, verabredeten sich die beiden, um gemeinsam zu sprühen. Pardes setzte wieder ihre Herzen auf die weiße Fläche, und Avishai schrieb: «Lasst Kunst wachsen» neben eine seiner Wasserlilien. Polizisten, die auf das Geschehen aufmerksam wurden, waren verwirrt. Denn dass mehrere Künstler gleichzeitig an derselben Wand arbeiten, erschien ungewöhnlich. «Und was glaubt ihr, wie die Polizisten reagierten, als sie die Geschichte hörten?», fragt Ettinger. «Sie machten ein Gruppenbild mit den Sprühern.» Einen Ausdruck des Fotos hält er in der Hand.

Knesset-Wahl

Die arabische Antwort auf Ben-Gvir

Die israelischen Araber wehren sich mit dem Stimmzettel gegen den Sicherheitsminister – und könnten zum Königsmacher der nächsten Knesset werden

von Sabine Brandes  28.10.2026

Meinung

In der Sackgasse?

Sabine Brandes wünscht sich nach den Wahlen für Israel neue Bündnisse – trotz aller Schwierigkeiten

von Sabine Brandes  28.10.2026

Analyse

Israel steckt mal wieder im Patt

Der rechte Block gewinnt bei der Auszählung an Boden. Doch weder Regierungslager noch Opposition haben eine klare Mehrheit – und die arabischen Parteien werden zum entscheidenden Faktor

von Sabine Brandes  28.10.2026

Jerusalem

Demokraten-Chef fordert Koalition mit arabischen Parteien

Bei Israels Richtungswahl liegt Netanjahus Lager vorn, verfehlt aber die Mehrheit. Der Chef der Linksliberalen fordert eine Koalition der Opposition mit Beteiligung arabischer Parteien

 28.10.2026

Jerusalem

Israels Wahlergebnis bleibt offen, mehr als die Hälfte der Stimmen ausgezählt

Mit wie vielen Sitzen kann das Netanjahu-Lager rechnen? Wie sieht das bisherige Ergebnis der Opposition aus?

 28.10.2026 Aktualisiert

Jerusalem

Bis zu 650.000 »Sonderstimmen« könnten Israels Wahlergebnis noch verändern

Die Stimmen von Soldaten, Reservisten und weiteren Wahlberechtigten, die nicht in ihrem regulären Wahllokal abstimmen konnten, müssen noch einbezogen werden

 28.10.2026

Jerusalem

Eisenkot will rasch neue Regierung in Israel bilden

Netanjahus Lager verliert die Mehrheit, doch auch Ex-Militärchef Eisenkot kann mit seinem Lager nicht allein regieren. Dennoch erklärt er, schon bald eine Koalition schmieden zu wollen

 28.10.2026

Jerusalem

Vorfälle bei Parlamentswahl

Für die große Mehrheit der Israelis verlief der Wahltag friedlich. Es gab jedoch Einschüchterungsversuche und sogar Angriffe

 28.10.2026

Jerusalem

Benjamin Netanjahu bei Wahl vorn - aber ohne Mehrheit

Bleibt der heutige Ministerpräsident an der Macht? Oder kommt es zum Regierungswechsel? Der Politikveteran gibt sich in der Wahlnacht trotz unklarem Ausgang siegesgewiss

 28.10.2026 Aktualisiert