EILMELDUNG! Friedensgespräche zwischen USA und Mullahs scheitern

Stimmung

Israel in besorgter Anspannung

Das Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv verlegt aus Furcht vor möglichen iranischen Vergeltungsangriffen Patienten in seinen befestigten unterirdischen Komplex. Foto: picture alliance/dpa

Es hätte ein fröhlicher Tag werden sollen. Am Freitag sollte die Pride Parade durch Tel Aviv rollen. Einen Tag zuvor wurde bereits die große Bühne in Regenbogenfarben für die Party am Strand aufgebaut. Bis zu 250.000 Menschen waren dafür in den Vorjahren in die Metropole am Mittelmeer gepilgert. In Zeiten des Krieges wurden immerhin Zehntausende Besucher aus dem ganzen Land erwartet. Doch statt die Lebenslust zu feiern, rannten die Israelis in Sorge um ihr Leben in die Schutzbunker. In der Nacht hatte das Land die Atom- und Militäranlagen des Iran angegriffen.

Hunderte von Kampfdrohnen schickte das Regime in Teheran kurz darauf Richtung Israel. Rund neun Stunden brauchen diese für die rund 1700 Kilometer Luftlinie. Auf dem langen Weg seien alle zerstört worden, erklärte die israelische Armee in den Morgenstunden. »Die Gefahr der iranischen Drohnen ist unter Kontrolle.«

Israel sei »bereit, die Mullahs in Teheran« anzugreifen

Am Tag zuvor hatten sich die Nachrichten überschlagen. Israel sei »bereit, die Mullahs in Teheran« anzugreifen, hieß es in sämtlichen israelischen Medien. Dann die Nachricht, dass Premierminister Benjamin Netanjahu zu einem Ausflug in den Norden des Landes fahren wolle. Letzteres war nur ein Ablenkungsmanöver, während Sicherheitskabinett und Armee offensichtlich über den bevorstehenden Angriff debattierten.

Nach einer unruhigen Nacht für die Israelis mit einer Sirene und mehreren Warnhinweisen gab es am Freitag zunächst Entwarnung. Man müsse sich nicht mehr in Bunkern aufhalten, solle jedoch »bereit sein, sich jederzeit in Schutzräume zu begeben«.

Die meistgeteilte Nachricht in WhatsApp-Gruppen dieser Tage: die Schnelligkeit der Geschosse aus dem Iran. Während Drohnen fast einen ganzen Tag unterwegs sind, kommen die Raketen schneller an. Die russischen Scud brauchen angeblich rund zweieinhalb Stunden, hochentwickelte ballistische Geschosse nur elf Minuten.

Im vergangenen Jahr hatte der Iran in zwei Angriffen Hunderte Drohnen und ballistische Raketen inmitten des anhaltenden Krieges in der Region auf Israel abgefeuert. Die Angriffe erschütterten die israelische Öffentlichkeit, verursachten aber nur geringen Schaden.

Yoel Har-Even: »Die nächsten Tage in diesem Krieg werden entscheidend sein.«

Bereits damals herrschte große Ungewissheit in der Bevölkerung. Und auch dieses Mal scheint niemand zu wissen, was genau geschieht oder wie der Iran reagieren wird. »Ich kann es überhaupt nicht einschätzen«, sagt eine ältere Frau, die in der Nacht in einem öffentlichen Bunker Schutz gesucht hat.

»Haben wir all ihre Raketen zerstört? Haben sie noch Tausende, die sie abfeuern können? Wer weiß das schon …« Ob sie sich Sorgen macht? »Aber ja, sehr große sogar. Aber es ist wichtig und richtig, dass wir die Waffen dieses mörderischen Regimes zerstören, die unser Land seit so vielen Jahren bedrohen.«

Noch in der Nacht kamen die Nachrichten, dass für den Folgetag Schulen, Kindergärten und Universitäten im ganzen Land geschlossen bleiben und alle Veranstaltungen abgesagt werden.

Die Unsicherheit der Menschen ist überall spürbar

Stunden später ist die Unsicherheit der Menschen überall spürbar. Viele Geschäfte haben erst gar nicht geöffnet, die Straßen sind beinahe menschenleer. Von einer Sirene beim Einkaufen überrascht zu werden, wollen offensichtlich die wenigsten riskieren.

Omri Hasson hat sich trotzdem nach draußen gewagt. Er steht in der Bäckerei »Maison Kaiser« in Tel Aviv in der Schlange. »Essen müssen wir ja trotzdem«, sagt er und zuckt mit den Schultern. Der Angestellte eines Start-ups sagt, er sei »ausgelaugt und frustriert« angesichts der neuen Eskalation. »Seit eineinhalb Jahren stecken wir in einer extrem schwierigen Lage fest. Immer wenn wir versuchen, unser Leben wiederaufzunehmen, kommt ein neuer Schlag.«

In zwei Tagen hätte er mit Freunden zu einer Junggesellenfeier nach Griechenland fliegen sollen. »Und natürlich wird das nicht stattfinden, die Absage der Fluggesellschaft kam schon heute früh.« Er könne nicht mehr zählen, wie oft er bereits Pläne verschieben musste. »Unser Leben ist wie in einer Warteschleife, alles völlig ungewiss. Dabei wollen wir alle nur unsere Normalität zurück. Doch das scheint keinen Politiker zu interessieren.«

»Wir können uns auf niemanden verlassen, das zu tun, was das Beste für die Menschen ist«, pflichtet ihm eine Frau bei, die sich hinter ihm eingereiht hat, um Brot zu kaufen. »Nicht auf die Länder um uns herum, die Israel zerstören wollen, nicht auf die USA mit Trump, den niemand einschätzen kann, und schon gar nicht auf unsere eigene Regierung.« Das gehe an die Substanz. »Wir fühlen uns ausgeliefert und zunehmend hoffnungslos.«

Kuriere haben Hochkonjunktur

Die Ungewissheit bringt den Kurieren an diesem Tag Hochkonjunktur. Viele Israelis decken sich mit Grundnahrungsmitteln ein und bestellen diese über den Lieferservice Wolt: Wasserflaschen, Dosenfisch und -fleisch, trockene Kekse, Cracker. Der Student Yam Mandelblit hat eine türkisfarbene Tasche auf dem Gepäckträger seines Elektrofahrrads und ist seit dem frühen Morgen unterwegs. »Heute geht es im Dauertakt. Sofort, nachdem es Entwarnung gab, kamen die ersten Bestellungen. Die Leute wollen vor allem Supermarktlieferungen. Seit fünf Stunden hatte ich nicht eine Minute Pause.«

Auch die Krankenhäuser bereiten sich vor. Yoel Har-Even, Vizepräsident von Sheba Global, erklärt, dass sich das größte Krankenhaus des Landes auf einen Vergeltungsschlag des Iran einrichtet. »In den nächsten Stunden werden die Frühchen, Teile der onkologischen Abteilung und besonders gefährdete Patienten in die Untergrund-Einrichtung verlegt.« Die ist in einer ehemaligen Tiefgarage eingerichtet worden und für den Ernstfall ausgestattet. Er geht davon aus, dass die »nächsten Tage in diesem Krieg entscheidend sein werden«.  

Statt regenbogenbunter Kostüme und wummernder Bässe der Musik bei der Pride Parade herrscht an diesem Freitag in Tel Aviv unheilvolle Stille – und Verunsicherung im ganzen Land.

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