Kosten

»Ich rechne alles durch«

Selbst Gutverdiener können sich in Israel volle Einkaufswägen kaum mehr leisten. Foto: Flash 90

Mit dem Universitätsabschluss in der Tasche hatte er ein Gefühl der Freiheit wie nie zuvor. »Ich dachte, ich kann alles erreichen, die Welt steht mir offen«, erinnert sich Omri Nathan. Heute, fast 15 Jahre später, ist von diesem Gefühl nicht mehr viel übrig. »Die Kosten des täglichen Lebens in unserem Land machen mich fertig«, gibt er zu. Nachdem die Bank of Israel den Grundzinssatz zum zehnten Mal in Folge erhöht hat, wird der Druck für viele Israelis immer größer.

»Oft wache ich nachts auf, rechne alles durch und frage mich, wie wir über die Runden kommen sollen.« Nathan ist verheiratet, hat zwei Kinder, einen gut bezahlten Job im Zentrum und eine Wohnung in Hadera, die über einen Kredit finanziert ist. So wie bei vielen Israelis üblich. Auch seine Frau hat ein abgeschlossenes Studium und ein festes Einkommen. Und dennoch reicht es bei den Nathans nicht zum Leben.

vollzeitstelle »Zumindest nicht so, wie wir uns unser Leben vorstellen«, gibt der 41-jährige Ingenieur zu. »Mit einer eigenen Wohnung, mit Kinderbetreuung, zwei Autos und vielleicht einem Urlaub im Ausland pro Jahr – doch vor allem ohne diese permanenten Geldsorgen.« Eigentlich sollte das nicht zu viel verlangt sein für zwei hochqualifizierte Menschen mit Vollzeitstellen in der erfolgreichen israelischen Wirtschaft, meint er.

Doch stattdessen heißt es: Gürtel enger schnallen. »Ein Auto ist zum Verkauf gelistet, den Sommerurlaub verbringen wir am heimischen Strand, Restaurants sind fast komplett gestrichen. Noch müssen wir nicht am Essen sparen, aber wahrscheinlich ist auch das nur eine Frage der Zeit bei diesen Lebensmittelpreisen.«

Vor dem Hintergrund der hohen Inflation und der Preissteigerungswelle erhöhte die Bank of Israel den Leitzins vor einigen Tagen auf 4,75 Prozent.

Denn auf keinen Fall wollen er und seine Frau Gefahr laufen, die »Maschkanta« nicht mehr bezahlen zu können. So wird in Israel die Hypothek auf Wohneigentum genannt. Und die ist in den vergangenen Wochen um einiges teurer geworden.

INFLATION Vor dem Hintergrund der hohen Inflation und der Preissteigerungswelle erhöhte die Bank of Israel den Leitzins vor einigen Tagen auf 4,75 Prozent. Das Fazit: Die durchschnittliche monatliche Rückzahlung steigt für alle israelischen Kreditnehmer noch einmal. Der Währungsausschuss beschloss, den Grundzinssatz um einen weiteren Viertelprozentpunkt auf 4,75 und den Leitzins auf 6,25 Prozent anzuheben, teilte die Zentralbank mit. Damit hat der Zinssatz den höchsten Stand seit Dezember 2006 erreicht, als er bei 4,5 Prozent lag.

Die Nathans müssen jetzt für ihren Kredit monatlich fast 1000 Schekel mehr bezahlen, umgerechnet etwa 250 Euro. Die Folgen der Zinserhöhung vom Mai kommen noch obendrauf. »Und das haben wir nicht übrig. Deshalb müssen wir uns anderswo einschränken«, erklärt Nathan.

Allein sind sie damit nicht. Eine öffentliche Meinungsumfrage zu den hohen Lebenshaltungskosten in Israel, die im Mai im Vorfeld der Konferenz zu Wirtschaft und Gesellschaft vom Israel Democracy Institute (IDI) veröffentlicht wurde, zeigt, dass die hohen Lebenshaltungskosten den Israelis am meisten Sorgen bereiten. Die Mehrheit der Bevölkerung, 60 Prozent, glaubt, dass der Staat die Hauptschuld daran hat. Etwas mehr als ein Viertel ist überzeugt, die großen Monopole, vor allem die Lebensmittelhersteller, trügen die Verantwortung. Nur rund vier Prozent der Israelis meinen, die Verteuerung von Produkten ginge auf die Kappe von lokalen Herstellern, Importeuren oder Supermarktketten.

Rund 75 Prozent der Menschen seien bereits im vergangenen Jahr gezwungen gewesen, auf Ausgaben zu verzichten, meist Freizeitaktivitäten oder Urlaube, steht in der Studie. 30 Prozent aller 25- bis 44-jährigen Menschen im Land berichten, dass sie sich heute beim Kauf von grundlegenden Dingen des täglichen Lebens und Lebensmitteln einschränken müssen. Und es könnte für den Mittelstand noch schlimmer kommen.

KREDITE Denn nach der Entscheidung der Bank of Israel wird erwartet, dass Tausende weitere Hypothekennehmer Schwierigkeiten haben werden, ihre monatlichen Kreditrückzahlungen zu leisten, die bereits in den vergangenen Monaten um Hunderte oder sogar Tausende Schekel pro Monat gestiegen waren. Nach Angaben der Vereinigung der Darlehensberater stieg die durchschnittliche Rückzahlung seit der ersten Zinserhöhung der Reihe im April 2022 um 1,150 Schekel (nicht eingerechnet die weitere Steigerung im Mai).

Am Dienstag war das Problem Gesprächsthema in der Knesset. Die von Premierminister Benjamin Netanjahu initiierte Diskussion zum »Kampf gegen die Lebenshaltungskosten« sei abgeschlossen, schrieb sein Büro im Anschluss. Mit dabei waren auch Finanzminister Bezalel Smotrich und Landwirtschaftsminister Avi Dichter sowie diverse Fachteams. »Zu den besprochenen Dingen gehören dringend notwendigen Schritte, darunter Strategien zur Marktöffnung, Aufhebung der Kartellbildung und eine Reduzierung der Regulierungsmaßnahmen«, hieß es in der Erklärung. Weiterhin werde ein Zeitplan für die Umsetzung vorgelegt.

Der Zinssatz hat den höchsten Stand seit 2006 erreicht.

Die rechts-religiöse Regierung ist seit Anfang des Jahres in Jerusalem im Amt. Konkrete Schritte, um den Israelis das alltägliche Leben zu erleichtern, gab es kaum. Dafür erhält sie entsprechend der Umfrage des IDI die Note »mangelhaft«. Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sich die wirtschaftliche Lage seit dem Vorjahr »verschlechtert oder sogar deutlich verschlechtert hat«.

»Die israelische Öffentlichkeit betrachtet die Regierung als den Hauptverursacher der hohen Lebenshaltungskosten und insbesondere der hohen Lebensmittelpreise und Kosten für das Wohnen«, resümiert Itai Ater vom IDI. Sie erwarte von der Regierung, »dass sie die Ärmel hochkrempelt und alles Notwendige tut, um die Preise zu senken«.

erwartung Diese Erwartung werde allerdings in der Praxis nicht erfüllt. »Allein im vergangenen Monat haben wir eine Anstiegswelle der Lebensmittelpreise erlebt. Der Damm ist gebrochen, und fast alle großen Konzerne haben ihre Preise zum Teil massiv erhöht«, so der Experte. »Es sieht ganz so aus, als fürchte sich die Industrie nicht mehr vor den Reaktionen der Öffentlichkeit und der Regierung. Stattdessen steigern sie ihre Gewinne immer weiter – auf Kosten der Öffentlichkeit.«

Das sieht auch das Ehepaar Nathan so. »Wir können an Urlauben sparen, nicht mehr ausgehen und uns einschränken, wo es geht. Aber wir können doch nicht aufhören, zu leben und zu essen. Und das wissen die Lebensmittelfirmen ganz genau.«

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