Gaza

»Hamas hat 80 Prozent der Kontrolle verloren«

Kämpfer der Ezz al-Din Al-Qassam-Brigaden der Hamas Foto: picture alliance/dpa

Angeblich habe die Hamas etwa 80 Prozent ihrer Kontrolle über Gaza verloren. Bewaffnete Clans würden die Lücke in der vom Krieg gebeutelten Palästinenserenklave füllen, berichtet die BBC am Montag und bezog sich auf einen hochrangigen Sicherheitsbeamten der Terrororganisation. 

Nach mehr als eineinhalb Jahren der Kämpfe zwischen der israelischen Armee und der Hamas sei die »politische, militärische und sicherheitspolitische Führung der Gruppe schwer getroffen«, so der Hamas-Funktionär, der anonym bleiben wollte. »Seien wir realistisch: Von der Sicherheitsstruktur ist kaum noch etwas übrig. Der Großteil der Führung, etwa 95 Prozent, sind tot. Auch die aktiven Kräfte wurden alle getötet«, führte er aus. 

Die Hamas habe den 57-tägigen Waffenstillstand mit Israel Anfang des Jahres genutzt, erklärte er, um sich neu zu formieren und ihre politische und militärische Führung neu zu organisieren. Seit dem Ende der Feuerpause im März habe die israelische Armee jedoch die verbleibenden Kommandozentralen der Hamas angegriffen »und die Gruppe in Unordnung« hinterlassen. 

Hamas-Beamter: »Nirgendwo mehr Kontrolle«

»Es gibt nirgendwo Kontrolle«, sagte er und fügte hinzu, dass Menschen einen Komplex geplündert hätten, von dem aus die Hamas Gaza beherrschte. »Sie plünderten alles, Büros, Matratzen, sogar Zinkplatten – und niemand griff ein. Keine Polizei, keine Sicherheit.« Das Sicherheitsvakuum habe dazu geführt, dass Banden und bewaffnete Clans »überall« seien. »Die Sicherheitslage ist also gleich null. Die Kontrolle der Hamas ist gleich null. Es gibt keine Führung, kein Kommando, keine Kommunikation. Es ist ein totaler Zusammenbruch.« 

Mit »Clans« meint er gewiss auch den beduinischen Abu-Shabab-Clan, der in Gaza aktiv ist. In einem ersten Interview mit israelischen Medien, der Tageszeitung Yediot Acharonot, sagte dessen Anführer, Yasser Abu Shabab: »Mein Clan erstreckt sich vom Negev bis zum Sinai. Wir sind eine große Familie, und alle unterstützen mich und meine Taten.« Mit »Taten« meint er unter anderem das Organisieren von bewaffneten Gruppen zum Kampf gegen die Hamas im Gazastreifen, angeblich mit Waffen aus Israel. 

Die Hamas brandmarkte Abu Shabab als »Verräter« und forderte ihn auf, sich zu ergeben. Darüber kann er nur den Kopf schütteln. »Wer Kinder entführt und tötet, wie die Familie Bibas, hat kein Recht, andere zu definieren oder zu verurteilen. Sie, die Hamas, sind unmenschliche, abscheuliche und verachtenswerte Menschen, und ihr Ende ist nah.« Dann fügte er hinzu: »Nennt uns nicht Miliz. Wir sind Gruppen, die den Terrorismus im Gazastreifen bekämpfen.« 

Nir Barkat: »Scheich Jaabari will Frieden und den Abraham-Abkommen mit der Unterstützung seiner Scheich-Kollegen beitreten. Wer in Israel würde da Nein sagen?«

Währenddessen will eine andere palästinensische Gruppe die Macht im Westjordanland übernehmen - friedlich. Fünf führenden Scheichs des Bezirks Hebron, der zu der Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) gehört, schickten einen Brief an die Regierung in Jerusalem, in dem sie ihren Wunsch zum Ausdruck bringen, den Abraham-Abkommen beizutreten und Frieden mit Israel zu schließen. Das berichtete das Wall Street Journal. 

In dem Schreiben, das an Wirtschaftsminister Nir Barkat adressiert ist, verkünden die Scheichs, »den Staat Israel als Nationalstaat des jüdischen Volkes« anzuerkennen. Dafür wollen sie sich von der Palästinensischen Autonomiebehörde abspalten und Hebron als Emirat gründen. Dann »erkennt der Staat Israel das Emirat Hebron als Vertretung der arabischen Einwohner des Bezirks Hebron an«, schlagen sie vor.  

Der Brief beschreibt die vorgeschlagene Vereinbarung als »fair und anständig«. Sie solle das Oslo-Abkommen ersetzen, »das nur Schaden, Tod, wirtschaftliche Katastrophe und Zerstörung brachten«. Das Oslo-Abkommen, benannt nach den ersten geheimen Verhandlungen unter norwegischer Vermittlung in Oslo bezeichnet eine Reihe von Vereinbarungen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) im Jahr 1993. 

Einflussreichster Clanführer treibende Kraft der Initiative

Wirtschaftsminister Barkat erklärte dem Wall Street Journal, die »Zweistaatenlösung« sei gescheitert und die Palästinensische Autonomiebehörde genieße weder bei der Bevölkerung noch in Israel Vertrauen. Der Minister habe Scheich Wadee al-Jaabari, einer der einflussreichsten Clanführer Hebrons und treibende Kraft der Initiative, sowie weitere Scheichs seit Februar zu Dutzenden von Treffen in seinem Haus in Jerusalem empfangen. 

»Scheich Jaabari will Frieden mit Israel und den Abraham-Abkommen beitreten, mit der Unterstützung seiner Scheich-Kollegen. Wer in Israel würde da Nein sagen?« 

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