Corona

Gemischte Bilanz

Im Covid-Impfzentrum der Krankenkasse Meuhedet in Jerusalem wird auf Hochtouren gearbeitet. Foto: Flash 90

Er trägt eine Regenjacke und schmettert die Schmuseballade »You’re beautiful« aus vollem Hals im Nieselregen. Ein paar Spaziergänger schlendern etwas langsamer, aber kaum jemand bleibt stehen. Es ist ungemütlich an diesem Samstagnachmittag auf der Strandpromenade von Tel Aviv. Plötzlich verstummt die Background-Musik, und flink zupft der Straßenmusikant seine Maske aus der Hosentasche, als sich ihm zwei Polizisten nähern.

»Was sie tun, ist verboten«, sagt einer und zückt sein elektronisches Gerät, um einen Strafzettel auszustellen. Jetzt bleiben die Menschen doch stehen. »Geht doch nach Bnei Brak und kontrolliert da«, ruft ein junger Mann wütend. Ein anderer bittet: »Sei ein Mensch, lass ihn gehen.« Schließlich kommt der Musiker ohne Geldbuße davon, allerdings hat er keinen Schekel verdient. »Ich weiß nicht mehr weiter«, murmelt er, während er seinen Lautsprecher hinter sich herzieht.

Auf der Straße zwischen Tel Aviv und Jaffa stoppt eine Polizeikontrolle jedes Auto. »Woher kommen Sie?«, fragt die junge Frau und weist darauf hin, dass sich Israel im Lockdown – auf Hebräisch »Seger« – befindet und man das Haus nur im Notfall verlassen darf.

EINSATZ Auch in Bnei Brak, wenige Kilometer entfernt, sind die Menschen warm eingepackt, als sie über die Straßen gehen. Viele in dieser überwiegend ultraorthodoxen Gegend kommen aus einer Synagoge oder gehen hinein, nicht selten befinden sich Dutzende oder sogar Hunderte von Gläubigen in den Räumlichkeiten. Erlaubt sind derzeit fünf Personen. Einen Polizeieinsatz müssen sie dennoch kaum befürchten.

Israel befindet sich seit zwei vollen Wochen im kompletten nationalen Lockdown, der nach einer Entscheidung des Corona-Kabinetts vom Dienstag bis zum 31. Januar verlängert wird. Keine geöffneten Schulen, Kindergärten, Geschäfte, Restaurants oder Veranstaltungen. So steht es zumindest auf dem Papier. Aber die Beschränkungen gelten nicht überall. Teile der charedischen Gemeinden machen ihre eigene Regel. Und die lautet: »Alles wie immer.«

Doch die Infektionen mit dem Coronavirus steigen in diesen Gegenden immer weiter überdurchschnittlich in die Höhe, gefolgt von arabischen Gemeinden, wo sich die Menschen ebenfalls oft nicht an die Regeln halten. Allerdings haben hier Schulen und Geschäfte zu. Die Rate der positiven Tests liegt im ganzen Land durchschnittlich bei fünf Prozent, bei den Ultraorthodoxen bei 20 Prozent und mehr, in einigen Gemeinden sogar bei 29 Prozent. Die höchste in einer arabischen Kommune lag am Montag mit 23 Prozent in Kfar Manda.

skandal »Die Berichterstattung vieler Medien zur neuen Variante des Coronavirus«, schreibt Amos Harel in der Tageszeitung »Haaretz«, »lenkt von dem wahren Skandal ab, der sich vor unseren Augen abspielt: das Ignorieren der steigenden Infektionen innerhalb großer Teile der ultraorthodoxen Gemeinde.« Worauf, so der Journalist weiter, die Regierung in keiner Weise reagiere.

Die Regierung drückt noch drastischere Maßnahmen durch.

Am Sonntag war es zu Auseinandersetzungen am Rand der religiösen Jerusalemer Viertel Mea Schearim und Beit Israel gekommen, als Polizeibeamte versuchten, die Corona-Vorgaben durchzusetzen. Charedim warfen Steine und andere Objekte auf die Sicherheitskräfte, noch bevor die überhaupt einen Fuß in die Viertel setzten. Meist jedoch hält sich die Polizei von ultraorthodoxen Gegenden gänzlich fern.

Das Laissez-faire gegenüber den Charedim sei von ganz oben verordnet, heißt es auch deshalb immer häufiger im Land. Hingegen forderte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Sicherheitskräfte am Dienstag auf, »mit eiserner Hand« gegen Verstöße auch in der ultraorthodoxen Community vorzugehen.

ansteckungsrate Eigentlich hätte die Ansteckungsrate mittlerweile sinken müssen. Nahezu 30 Prozent der Bevölkerung sind bereits geimpft. Obwohl 12.400 Israelis positiv auf das Coronavirus getestet wurden, nachdem sie geimpft wurden, berichtet eine Studie am Sheba-Krankenhaus vom großen Erfolg der Immunisierung bei medizinischem Personal. Von 102 Angestellten hätten 100 bei der Blutabnahme Antikörper-Level im Blut gehabt, die sechs- bis 20-mal höher lagen als eine Woche zuvor.

Netanjahus politische Abhängigkeit macht ihm einen Strich durch die positive Bilanz. Denn statt über das bevorstehende Ende der Pandemie zu jubeln, beklagen Gesundheitsexperten derzeit die »unerträgliche Lage« in den Krankenhäusern und warnen vor dem Kollaps.

Mit 10.022 neuen Fällen und einer Positivrate von 10,2 Prozent hatten die Infektionen am Montag den höchsten Stand überhaupt seit Beginn des Corona-Ausbruchs erreicht.

EINREISE Dennoch lässt das Umsetzen der Corona-Beschränkungen zu wünschen übrig. Stattdessen drückte die Regierung noch drastischere Maßnahmen durch und verlängerte den Lockdown. Die Kritik daran wächst täglich. Immer mehr Gesundheitsexperten erklären, dass sie weder die Infektionszahlen noch die Anzahl der Patienten in den Hospitälern wesentlich senken werden. Blau-Weiß-Chef und Verteidigungsminister Benny Gantz meint, »der Lockdown ist sinnlos, wenn er lediglich teilweise durchgesetzt wird«.

»Wir befinden uns in einem Rennen zwischen der Impfkampagne und den hohen Infektionsraten wegen der Mutation«, so der Premier in der Kabinettssitzung. »Es wäre leichter, die hohen Raten zu ignorieren und alles zu öffnen, doch das würde viele Menschen das Leben kosten.« Netanjahu nannte die Verlängerung »eine letzte gemeinsame Anstrengung gegen das Virus«.

Beschlossene Sache ist zudem, dass ab sofort nur noch Menschen nach Israel einreisen dürfen (auch jene mit einem israelischen Pass), die einen negativen Corona-Test vorlegen können, der nicht älter ist als 72 Stunden. Alternativ gilt auch eine nachgewiesene Corona-Impfung oder eine Bescheinigung, dass der Reisende in der Vergangenheit erkrankt und genesen ist. Die Vorschrift gilt ab 23. Januar. Sollte jemand ohne eine dieser Bestätigungen einreisen, wird eine Strafe fällig. Die Höhe wurde noch nicht bekannt gegeben.

Außerdem sollen Bürger das Land nur noch im Ausnahmefall verlassen dürfen. Nach der Zustimmung des Corona-Kabinetts hierzu wird es ausschließlich Diplomaten oder Geschäftsreisenden gestattet sein, ins Flugzeug zu steigen. Ein Komitee könnte zudem in bestimmten Fällen eine Erlaubnis aus humanitären Gründen erteilen.

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