Lebenshaltungskosten

Für eine Handvoll Schekel

Mit 70 Schekel kommt man heute im Supermarkt nicht mehr allzu weit. Foto: Gregor Zielke

Ganz schön teuer hier! Ob Besucher aus dem Ausland oder Israelis selbst: Die hohen Preise sind bei allen ein Thema, ob im Café, im Supermarkt, bei der Überweisung der Miete oder den Hotelkosten. Doch ist Israel wirklich so teuer, wie alle sagen? Verdienen Israelis vielleicht einfach mehr? Schließlich wird das Land als Start-up-Nation gehypt. Oder haben die Geeks im Hightech-Sektor den Rest des Landes abgehängt? Wie sonst ließe sich erklären, dass Israel trotz allem die größte Armutsrate unter den OECD-Ländern aufweist?

Sieben Jahre ist es nun her, dass Israelis gegen die hohen Lebensmittelpreise protestiert haben. »Hüttenkäse-Revolte« wurde die Bewegung genannt, viele boykottierten das Grundnahrungsmittel, dessen Preis innerhalb von drei Jahren um 40 Prozent gestiegen war. 2014 dann machte der Israeli Naor Narkis mit seinem »Milky-Protest« in Berlin darauf aufmerksam, wie viel billiger Pudding in Deutschland ist.

Lebensmittel Was hat sich seither getan? Landwirtschaftsminister Uri Ariel und Finanzminister Mosche Kachlon verabschiedeten im Jahr 2016 eine Direktive, die den Preis für bestimmte Produkte reguliert: 5,60 Schekel (ca. 1,30 Euro) kostet der Liter Milch im Karton heute, egal ob in Tel Aviv oder in Kiryat Schmona, egal ob im Discounter oder im Krämerladen an der Ecke. Gleiches gilt für Butter (3,70 Schekel, also circa 90 Cent pro 100 Gramm), bestimmte Sorten Käse und Eier. Insgesamt aber sind die Lebensmittelpreise weiter gestiegen, zwischen 2000 und 2016 um rund 50 Prozent.

Gilad Brand, Wirtschaftsexperte am Taub Center for Social Policy Studies, sieht preisliche Verbesserungen in anderen Bereichen: »Günstiger geworden sind in den vergangenen Jahren Kleidung, Schuhe, Möbel und Haushaltsutensilien.« Der Grund: Handelsbarrieren wurden aufgehoben, der Markt für Importe geöffnet. »Lange war Israel in diesem Bereich sehr protektiv, um die eigene Textilindustrie zu schützen. Dann gab es 1991 eine Reform, die das änderte.«

marktöffnung Eine Marktöffnung wurde auch im Bereich der Telekommunikation erreicht: Der damalige Kommunikationsminister Mosche Kachlon ermöglichte im Jahr 2012 die Gründung neuer Unternehmen. Der Wettbewerb stieg, die Preise für Internet und Telefon sanken rapide.

»Etwas günstiger wurde im vergangenen Jahr auch Unterhaltungselektronik, beispielsweise Computer und Smartphones«, erklärt Brand. Denn lange Zeit wurde auf diese Produkte eine Extrasteuer, zusätzlich zur Mehrwertsteuer, erhoben. Da deshalb immer mehr Israelis im Ausland auf Shoppingtour gingen, wurde diese Steuer 2017 gestrichen.

Insgesamt bleibt Israel im OECD-Vergleich aber eines der teuersten Länder. Und Israelis nehmen das immer stärker wahr: »Heute fliegen mehr Israelis ins Ausland als noch vor einigen Jahren, und sie sind häufiger online unterwegs. So sehen sie die preislichen Unterschiede mehr als früher«, erklärt Brand. Besonders stark fallen die Unterschiede auf, seit im Jahr 2008 der Kurs des Schekels im Vergleich zum Dollar von 4,4 auf 3,4 fiel und bis heute nicht mehr angestiegen ist.

Wohnen Kaum ein Preis scheint so ungebremst zu steigen wie der für Wohnraum. Und unter Israelis ist es nach wie vor ein Thema. Denn verbessert hat sich nichts, seit sie im Sommer 2011 ihre Zelte auf dem Tel Aviver Rothschild-Boulevard aufgestellt haben, um gegen die horrenden Wohnungspreise zu demonstrieren. Im Gegenteil: Seit 2006 sind die Preise für Wohnraum laut »Economist« um über 80 Prozent gestiegen.

Mieter müssen für ihre Wohnung in Tel Aviv im Durchschnitt 5581 Schekel (circa 1313 Euro) monatlich hinblättern, im gesamten Land sind es durchschnittlich 3799 Schekel (893,55 Euro), berichtete »Haaretz«. Dabei liegt der Wohnraum pro Person in Israel unterhalb des OECD-Durchschnitts: 1,2 Zimmer hat eine Person in Israel zur Verfügung, im OECD-Schnitt sind es 1,8 Zimmer.

Wohnraum war in Israel nicht immer so teuer. »Im Zuge der Einwanderung aus der Sowjetunion nach 1991 ließ Ariel Scharon zahlreiche neue Wohnungen bauen, es entstanden dabei Städte wie Modiin«, erklärt Gilad Brand vom Taub Center. Sharon habe damals die israelische Bürokratie umgangen und ein Komitee gegründet, das in Windeseile Genehmigungen für den Bau erteilte. »Die Preise sanken zwischen 1997 und 2007 um 15 bis 20 Prozent. Dann kam die Finanzkrise 2008/ 2009. In dieser Zeit sanken die Zinsraten, und die Häuserpreise stiegen an.«

bürokratie Und: Das von Ariel Scharon gegründete Komitee gibt es heute nicht mehr. Die israelische Bürokratie macht den Bau heute zu einem langwierigen Prozess, weiß Dan Ben-David, Wirtschaftsexperte von der Tel Aviver Universität sowie Gründer und Präsident des Shoresh-Instituts für sozioökonomische Forschung. »Es dauert rund 13 Jahre, um ein Haus zu bauen. Elf Jahre muss man alleine für alle Genehmigungen einplanen. Der Rest ist Bauzeit.«

Dabei würden derzeit eigentlich genügend Wohnungen gebaut, um den steigenden Bedarf der wachsenden Bevölkerung zu decken, erklärt Ben-David. »Das Problem ist, dass Investoren auf höhere Erträge aus sind und ebenfalls Apartments kaufen. Deshalb gibt es für junge Paare nicht genügend Wohnungen.«

Die Preislage in Israel lässt sich allerdings nur dann richtig einordnen, wenn klar ist, wie viel Israelis verdienen. Und das ist im OECD-Vergleich gar nicht so viel: Das jährliche Haushaltseinkommen abzüglich Steuern und Transferleistungen liegt in Israel bei durchschnittlich 29.704 Euro und damit unter dem OECD-Durchschnitt von 37.770 Euro. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 41.587 Euro. Dabei ist die Arbeitslosigkeit mit 4,8 Prozent (Stand: 2016) ziemlich gering. Und doch hat Israel die höchste Armutsrate im OECD-Vergleich, gefolgt von der Türkei und den USA: 18 Prozent aller Israelis leben unterhalb der Armutsgrenze. In Deutschland sind es nur neun Prozent.

Start-up-Nation Gleichzeitig wird Israel aber gerne auch als »Start-up-Nation« bezeichnet, seit Saul Singer und Dan Senor 2009 das gleichnamige Buch auf den Markt gebracht haben. »Silicon Wadi« wird die Region um Tel Aviv genannt, in Anlehnung an das Silicon Valley in Kalifornien: Hier sitzen 5000 Start-ups, allein Tel Aviv hat so viele Jungunternehmen pro Einwohner wie sonst keine andere Stadt der Welt. Im Jahr 2016 flossen knapp 3,5 Milliarden Euro an Investment nach Israel; Unternehmen wie Facebook, Google und Microsoft haben in Israel ihre Forschungs- und Entwicklungszentren. Wie passt das zusammen mit geringem Einkommen und hoher Armut?

»Israel, das sind eigentlich zwei verschiedene Länder«, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Dan Ben-David. »Es gibt die Start-up-Nation mit ihren Top-Universitäten. Und dann gibt es eine andere Gruppe, die nicht die Möglichkeiten und Bedingungen erhält, in der modernen Gesellschaft zu arbeiten. Diese Gruppe ist groß und wächst immer weiter.«

Vor allem die Hightech-Branche hat den Rest des Landes abgehängt. Das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Person im Hightech-Bereich liegt bei 52.267 Euro und damit über dem OECD-Durchschnitt (41.425 Euro), in den restlichen Geschäftszweigen mit 21.279 Euro unter dem OECD-Durchschnitt (25.244 Euro). Das Land ist gespalten und die Kluft zwischen Arm und Reich groß. Nur in den USA sind die Einkommensunterschiede größer als in Israel. »Die Top-20-Prozent der israelischen Bevölkerung zahlen 90 Prozent der Einkommensteuer in Israel«, erklärt Dan Ben-David. Er warnt vor einem Braindrain, vor einer Abwanderung der klugen Köpfe in andere Länder, womit Israel auch ein Steuerproblem bekommen könnte.

Wie lassen sich die Unterschiede erklären? Das Einkommen, erklärt Gilad Brand vom Taub Center, hängt von der Produktivität ab. Ist sie gering – wird also in einer Arbeitsstunde wenig erwirtschaftet –, so ist auch der Lohn niedrig. Eine Erklärung für solche Produktivitätsunterschiede sind die unterschiedlichen Fähigkeiten der Arbeitskräfte: Ein Test unter Arbeitnehmern in OECD-Ländern hat laut Gilad Brand ergeben, dass die Fähigkeiten von israelischen Arbeitskräften im Hightech-Sektor über dem Durschnitt liegen, außerhalb des Hightech-Sektors hingegen weit darunter.

Schule Die Unterschiede beginnen schon während der Schulzeit. Dan Ben-David verweist auf die mangelnde Schulbildung von ultraorthodoxen Kindern. »Israel ist das einzige entwickelte Land, das zulässt, dass Eltern, charedische Eltern, ihren Kindern das Grundrecht auf Grundbildung nehmen. Sie lernen keine Naturwissenschaften und kein Englisch. Und wir finanzieren diese Schulen.«

Fächer wie Mathematik werden so unzureichend unterrichtet, dass ultraorthodoxe Schulen in der Pisa-Studie gar nicht erst untersucht werden. Doch selbst ohne die Charedim erreicht Israel im Vergleich mit 25 anderen OECD-Ländern nur den zweitletzten Rang, vor der Slowakei, wie das Shoresh-Institut in Grafiken aufzeigt. Rechnet man allerdings die arabischsprachigen Schüler heraus, so landet Israel immerhin im Mittelfeld.

Die arabischen Schüler, die wohlgemerkt nach israelischem Lehrplan unterrichtet werden, landen auf dem letzten Platz. Ben-David: »Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Bildung der Eltern und den schulischen Leistungen der Kinder, überall in der entwickelten Welt. Aber unser Bildungssystem ist eines der schlechtesten, wenn es darum geht, die Folgen dieses Zusammenhangs zu reduzieren.« Mit Blick auf Israels Zukunft warnt er davor, diese Probleme zu ignorieren.

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