Nahost

Friedensgespräche im Raketenhagel

Einschlag einer Hisbollah-Rakete am Freitag in Safed. Foto: Flash 90

Kein Tag, an dem es keine Sirenen gibt. Der Norden Israels ist nach wie vor unter Beschuss der Hisbollah aus dem Libanon. Auch am Sonntag heulte der Alarm wieder durch die Städte und Dörfer. Allein auf die Stadt Karmiel wurden zehn Geschosse aus dem Libanon abgefeuert.

Gleichzeitig arbeitet die israelische Regierung hinter den Kulissen an einem diplomatischen Schritt, der in die Geschichte der beiden Länder eingehen könnte: direkte Gespräche zwischen Israel und dem Libanon, um den Beschuss durch die schiitische Terrororganisation zu beenden.  

Es wäre ein historischer Schritt. Doch noch ist die Realität eine ernüchternde: Einwohner rennen an manchen Tagen pausenlos in Schutzräume, während die Luftabwehr versucht, die Angriffe abzufangen. Für die Bewohner im Norden Israels ist es Alltag, dass sie dauerhaft mit Raketen und Drohnen der Hisbollah im Nachbarland rechnen muss.

Und doch sollen in den kommenden Tagen Verhandlungen beginnen. Ziel Israels ist es vor allem, die libanesische Regierung zu verpflichten, härter gegen die vom Iran unterstützte und finanzierte Hisbollah vorzugehen und ihre militärische Präsenz im Süden des Landes einzudämmen. Doch auch das Zentrum des Landes ist in den Blick geraten, da die Hisbollah in den letzten Monaten Israel von dort aus massiv beschießt.

Israel wird verlangen, die Gelder der Hisbollah zu beschlagnahmen

Auch wird Israel versuchen, den Einfluss der schiitischen Miliz im libanesischen Parlament zu schwächen, indem es verlangt, dass die finanziellen Mittel der Hisbollah beschlagnahmt werden.

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Denn Israel befindet sich militärisch im Konflikt mit der Hisbollah, nicht aber mit dem libanesischen Staat. Die Miliz ist politisch im Libanon vertreten und verfügt über eine eigene, weitgehend unabhängige Streitmacht, die stärker bewaffnet ist als die reguläre libanesische Armee.

Für Israel bedeutet das ein grundlegendes Problem, denn die Regierung in Beirut kontrolliert die Hisbollah nur sehr begrenzt. Selbst wenn ein Abkommen zwischen den Staaten zustande käme, ist unklar, ob sich die Terrorgruppe daran halten würde. Gleichzeitig fürchtet die libanesische Führung, dass ein offener Versuch, die Hisbollah militärisch zu entwaffnen, das Land in eine neue interne Krise oder sogar in einen Bürgerkrieg stürzen könnte.

Dennoch sehen manche Diplomaten in den geplanten Gesprächen eine seltene Gelegenheit. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten könnten beide Staaten direkt über Sicherheitsfragen sprechen, während gleichzeitig internationaler Druck wächst, die Kämpfe an der Grenze zu beenden. Israel signalisiert allerdings, dass die militärischen Angriffe auf Hisbollah-Ziele während der Gespräche nicht eingestellt werden sollen.

Bürgermeister Avichai Stern: »Unsere Zukunft wird in Washington entschieden und nicht in Jerusalem.«

Für die Menschen im Norden Israels ist diese geopolitische Komplexität oft nur schwer zu akzeptieren. Während Diplomaten über mögliche Szenarien verhandeln, entscheiden Raketenalarme, Evakuierungen und der Alltag im Schutzraum darüber, ob viele von ihnen überhaupt in ihren Städten bleiben wollen.

Denn während in Jerusalem und Beirut über Diplomatie diskutiert wird, wächst im Norden Israels die Frustration ins Unermessliche. Viele Städte entlang der Grenze sind seit Beginn des Krieges teilweise evakuiert. Geschäfte bleiben geschlossen, Schulen sind verlegt, und ein großer Teil der Bevölkerung lebt seit Wochen zwischen Schutzräumen und provisorischen Unterkünften.

Besonders deutlich äußerte sich der Bürgermeister von Kiryat Schmona, Avichai Stern. In einem Interview mit der israelischen Nachrichtenseite Ynet kritisierte er die Regierung scharf und warf ihr vor, den militärischen Druck auf den Libanon zu reduzieren, während internationale Akteure über die Zukunft des Konflikts entscheiden.

»Unsere Zukunft wird in Washington entschieden und nicht in Jerusalem«, sagte Stern. Die Bewohner seiner Stadt hätten ihr Schicksal in die Hände der israelischen Regierung gelegt – einer Regierung, die sich selbst als »vollständig rechts« bezeichnet habe. Doch seit Beginn des Krieges habe er weder mit dem Verteidigungsminister noch mit dem Premierminister gesprochen.

Bewohner leben unter »schrecklicher Anspannung«

Auch aus anderen Grenzgemeinden kommen ähnliche Klagen. Der Leiter des Gemeinderats von Metula sagte gegenüber israelischen Medien, die Bewohner lebten »dauerhaft unter schrecklicher Anspannung«. Gleichzeitig habe man den Eindruck, dass militärische Aktivitäten der israelischen Armee in der Region zuletzt zurückgegangen seien, erklärte er. »Wir hören die Armee nicht – es gibt überhaupt keine Artillerie mehr.«

Das Forschungs- und Bildungszentrum »Alma«, das sich auf die Sicherheit im Norden des Landes spezialisiert hat, gibt an, dass die Hisbollah zwischen dem 2. und 12. März dieses Jahres die nördlichen Ortschaften in 354 Wellen beschossen hat. Von den gesamten Angriffen seien 224 mit Raketen, 120 mit Drohnen und neun mit Panzerabwehrfeuer erfolgt, so Alma.

»Nach mehr als 40 Tagen, in denen viele Einwohner in Schutzräumen leben mussten, erwartet die Bevölkerung zumindest ein klares Ergebnis im Krieg«, macht Bürgermeister Stern unumwunden klar: »Die Zerschlagung der Hisbollah und endlich Ruhe für Generationen.«

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