Jom Haschoa

Erinnerungen im Wohnzimmer

Wenn in Israel am Erew Jom Haschoa das Leben still wird, beginnt der nationale Gedenktag für die Opfer des Holocaust. In Städten und Gemeinden finden offizielle Zeremonien statt, in Schulen und Militärbasen versammelt man sich zu Gedenkzeremonien. Am nächsten Morgen hält das ganzen Land für zwei Minuten inne, während die Sirenen heulen.

Neben den staatlichen Zeremonien hat sich in den vergangenen Jahren eine andere, sehr persönliche Form des Gedenkens etabliert: Sikaron Ba‘Salon, auf Deutsch etwa »Erinnerung im Wohnzimmer«. Tausende Israelis öffnen an diesem Abend ihre Wohnungen, um gemeinsam mit Freunden, Nachbarn oder auch völlig Fremden der Opfer der Schoa zu gedenken.

Auf einer Dachterrasse in Jaffa hören rund 40 Menschen zu

Auf einer Dachterrasse in Jaffa haben sich am Montagabend etwa 40 Menschen versammelt. Es gibt Tee, Kaffee und Kuchen. Im Mittelpunkt steht ein Mann: Zvi Levin, Holocaustüberlebender, der als Kind aus Weißrussland nach Israel immigrierte. Neben ihm sitzt seine Frau Tova, während er von der Geschichte seiner Familie erzählt. »Ich hatte keine Großeltern, keine Tanten und Onkel«, sagt Levin und muss sich beim Gedanken daran Tränen aus den Augen wischen. »Doch meine Eltern überlebten und bauten eine Familie in Eretz Israel auf.«

Sein Vater David überlebte das Massaker der Nationalsozialisten in seinem Dorf, weil ihn seine Mutter zu den Partisanen in die Wälder schickte. Er war noch ein Junge. »Als meine Großmutter ahnte, dass die Nazis auf dem Weg waren, sagte sie zu ihm: ‚Das ist das Ende. Aber du, versteck dich im Wald. Geh und lebe‘.«

Und so kam es. Die Nazis versammelten die Juden des Dorfes auf dem zentralen Platz und steckten sie in ein Ghetto, wo die Zustände katastrophal waren. Von dort wurden sie in die Todeslager deportiert. Als David zwei Jahre später aus dem Wald zurückkehrte, habe er »nur noch Stille« vorgefunden, erzählt Levin. Sein Vater sei auf den jüdischen Friedhof gegangen, habe die Hände zum Himmel gereckt und um seine Eltern und elf Geschwister getrauert. »Sie alle waren tot. Von den Nazis ermordet.«

Überlebender Zvi Levin: »Mein Vater ist oft nachts schreiend und weinend aufgewacht. Aber er hat nichts erzählt.«

Die traumatischen Erinnerungen verfolgten ihn ein Leben lang. »Mein Vater ist oft nachts schreiend und weinend aufgewacht«, so Levin. »Aber er hat nichts erzählt.« Erst nach seiner Pensionierung begann Levin selbst nach Antworten zu suchen. »Dann habe ich begonnen, in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu recherchieren.«

Einige Zeit später reiste er zusammen mit anderen Schoa-Überlebenden nach Weißrussland, um mehr über das Schicksal seiner Familie zu erfahren. Dort fand er das Dorf seiner Vorfahren – und die Gräber.

Die Geschichten von einzelnen Personen stehen im Zentrum von Sikaron Ba‘Salon. Statt einer großen offiziellen Bühne findet das Erinnern hier in einem intimen Rahmen statt. Oft sitzt eine kleine Gruppe Menschen auf Sofas, Stühlen oder Teppichen, hört Überlebenden zu oder liest gemeinsam Erinnerungen, Briefe und Tagebucheinträge.

Gerade die persönliche Atmosphäre macht den besonderen Charakter der Treffen aus. Während staatliche Zeremonien häufig ritualisiert ablaufen, schafft das Gespräch im Wohnzimmer Raum für Fragen, Emotionen und einen unmittelbaren Austausch zwischen Generationen. Viele Teilnehmer berichten, dass sie die Geschichte der Schoa auf diese Weise besonders greifbar erleben.

Eine der größten zivilgesellschaftlichen Gedenkbewegungen Israels

Mit den Jahren hat sich die Initiative zu einer der größten zivilgesellschaftlichen Gedenkbewegungen Israels entwickelt. Inzwischen finden jedes Jahr zehntausende solcher Treffen statt, nicht nur in Israel, sondern auch in jüdischen Gemeinden und bei israelischen Gemeinschaften im Ausland. Besonders für jüngere Israelis ist das Format interessant, weil es eine aktive Teilnahme ermöglicht und nicht nur stilles Zuhören.

Gleichzeitig verändert sich die Form des Gedenkens zwangsläufig: Die Zahl der Überlebenden nimmt stetig ab. Viele Veranstaltungen greifen deshalb auf aufgezeichnete Zeugnisse zurück oder laden Kinder und Enkel von Überlebenden ein, die Familiengeschichten weiterzuerzählen. Gerade deshalb bekommen Abende wie dieser eine besondere Bedeutung – als persönliche Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Zvi Levin verarbeitete seine Erinnerungen später auch in Gedichten. Eines davon trägt die Spuren der zerstörten jüdischen Welt Osteuropas: »In unseren Dörfern gibt es keine Freude mehr«, schreibt er darin. »Es gibt keine Kinder, die lachend in die Synagogen laufen. Es gibt kein Kol Nidrei, kein Ma Nischtana. Es gibt hier keine Juden mehr.«

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