Gaza

»Dieser Krieg muss von Israel gewonnen werden«

»Dieser Krieg muss von Israel gewonnen werden«: Ex-IDF-General Yossi Kuperwasser Foto: Flash 90

Gaza

»Dieser Krieg muss von Israel gewonnen werden«

Der Militärexperte Yossi Kuperwasser über die Freilassung der Geiseln, die Offensive in Rafah und der Tag nach dem Ende des Krieges

von Sabine Brandes  11.04.2024 09:37 Uhr

Herr Kuperwasser, welche Bedeutung hat der Rückzug der israelischen Armee (IDF) aus dem Süden Gazas, und welchen Einfluss hat das auf die Verhandlungen für die Freilassung der Geiseln und einen Waffenstillstand?
Es bedeutet, dass die Mission der Division 98 erfüllt ist, dass die Auflösung der Hamas-Brigade in Chan Junis und die Zerstörung der ober- und unterirdischen Terrorinfrastruktur abgeschlossen ist. Nun steht das Gebiet für die Rückkehr von Zivilisten aus Rafah zur Verfügung, damit wir dort mit den Hamas-Kräften fertigwerden können. Die Soldaten können sich derweil erholen und auf ihren nächsten Einsatz vorbereiten. Dieser Schritt hat keine Auswirkungen auf einen Waffenstillstand. Bei Bedarf kann die IDF erneut in Chan Junis einziehen. Auch der Geiseldeal wird separat verhandelt. Die Absicht, in Rafah einzurücken, ist der Hauptfaktor für den Sieg über die Hamas und die Freilassung der Geiseln. Das ist immer noch der Fall.

Wie bewerten Sie die Rufe von Israels Verbündeten nach einem Waffenstillstand?
Es ist inakzeptabel für Israel, einen Waffenstillstand einzugehen, der das Ende des Krieges bedeutet, bevor die Hamas geschlagen ist. Zu einer Feuerpause im Rahmen eines Austauschs von Geiseln gegen palästinensische Gefangene ist Israel aber bereit. Was viele Menschen im Ausland vielleicht nicht wissen: Die absolute Mehrheit der Bevölkerung, egal aus welcher politischen Richtung, meint, dass der Krieg gewonnen werden muss. Niemand hier will, dass die Hamas in Gaza an der Macht bleibt.

Ex-Stabschef Gadi Eizenkot äußerte, die absolute Zerstörung der Hamas mit militärischen Mitteln sei unmöglich. Ist das so?
Jeder sieht etwas anderes in dem Ausdruck »absoluter Sieg«. Ich glaube nicht, dass Premier Netanjahu damit meint, dass auch der letzte Hamas-Kämpfer getötet werden müsse. Wir sprechen davon, Rafah komplett zu übernehmen, um die Terrororganisation daran zu hindern, weiter in Gaza zu regieren und Terroranschläge durchzuführen.

Ist das ein realistisches Ziel?
Wir sehen es als erreichbar an. Dabei ist uns klar, dass die Ideen der Hamas und des radikalen Islamismus in der palästinensischen Gesellschaft nicht verschwinden, wenn der Krieg endet.

US-Vizepräsidentin Kamala Harris sagt, sie wolle »nichts ausschließen«, wenn Israel in Rafah einmarschiert. Enge Verbündete Israels sehen eine Militäroperation als rote Linie.
Wenn sie die Hamas dazu bringen könnte aufzugeben, hören wir zu. Das ist auch der Grund, weshalb Ende März eine israelische Delegation unter der Leitung von Verteidigungsminister Yoav Gallant in die USA gereist ist. Sie besprachen mit ihren Amtskollegen, ob es eine Möglichkeit gibt, Rafah ohne Kämpfe zu übernehmen. Wir wollen nicht kämpfen um des Kämpfens willen.

Warum ist Rafah so bedeutend?
In erster Linie ist Rafah die letzte Hochburg der Hamas. Zweitens ist es das Tor nach Ägypten, das sie seit langer Zeit benutzt, um Waffen in den Gazastreifen zu schmuggeln. Auch wenn die Hamas nicht mehr das größte Territorium kontrolliert, so regiert sie noch den Großteil der Bewohner. Und das müssen wir durchbrechen. Wir wollen aber den Zivilisten nichts antun und fordern sie deshalb auf, die Gegend zu verlassen.

Zivilisten sind aus dem Norden in den Süden nach Rafah geflohen. Harris sagt, »diese Menschen haben keinen Ort, an den sie fliehen können«. Wohin sollen sie?
Theoretisch wäre Ägypten eine gute Lösung gewesen, aber Kairo lehnt das ab. Doch was Vizepräsidentin Harris sagt, ist falsch. Die Menschen können beispielsweise in den Norden von Rafah gehen. Zwischen Rafah und Chan Junis gibt es eine große offene Fläche, wo sie bleiben könnten, bis die Aktion in Rafah vorbei wäre. Das sollte nicht länger als einige Wochen dauern. Auch die Gegenden um Mawasi und Dahaniya sind möglich. All dies wären sichere Zonen für die palästinensischen Zivilisten.

Ist die Sorge also völlig unberechtigt, dass eine militärische Operation der israelischen Armee die Flüchtlinge in Rafah in Lebensgefahr bringt?
Ja. Israel macht wieder und wieder klar, dass es vorhat, die Zivilisten aus den Kampfgebieten zu evakuieren, bevor die Militär­aktion beginnt. Und das werden wir auch tun.

Stimmen Sie Premier Netanjahu zu, der sagt, dass zur Befreiung der Geiseln eine starke Militäroperation erforderlich sei?
Der militärische Druck auf die Hamas ist der effektivste Weg, damit sie sich auf einen Deal einlässt. Wir haben gesehen, dass es beim ersten Geiseldeal funktioniert hat. Unsere Operationen in Chan Junis und im Shifa-Krankenhaus waren in dieser Hinsicht sehr wichtig.

Versagt das Rote Kreuz dabei, sich Zugang zu den Geiseln zu verschaffen?
Ganz offensichtlich. Wir haben keinerlei Angaben darüber, in welcher Verfassung die Geiseln sind. Und es ist unklar, ob die Medikamente, die wir geschickt haben, jemals angekommen sind. Das ist sehr frustrierend, denn bevor wir einem Deal zustimmen, müssen wir wissen, wie es den Geiseln geht.

Israel wird zusehends kritisiert, nicht ausreichend humanitäre Hilfe in den Gaza­streifen zu lassen. Droht dort eine humanitäre Katastrophe?
Es gibt humanitäre Schwierigkeiten für die Zivilisten in Gaza. Sie mussten ihre Häuser verlassen, viele wohnen in Zelten. Sie überleben, aber natürlich sind es keine guten Umstände.

Auch Israels Verbündete warnen vor einer Hungersnot, besonders unter den Kindern von Gaza. Sie sehen das nicht so?
Ich glaube nicht, dass Menschen dort verhungern. Die Lebensmittel kommen in angemessenen Mengen in den südlichen Teil des Gazastreifens. Allerdings haben die Menschen, die den Norden nicht verlassen haben, tatsächlich Schwierigkeiten, Lieferungen zu erhalten. Wir arbeiten intensiv daran, andere Möglichkeiten für den Transfer zu schaffen. Zum Beispiel haben wir die neue Straße 96 geöffnet, die vom Grenzübergang Kerem Schalom in den Norden Gazas führt. Wir erlauben Hilfe aus der Luft und über das Meer und arbeiten mit den Amerikanern zusammen, damit mehr Güter ankommen.

Es gibt immer wieder Vorwürfe, dass Israel absichtlich nicht alle Hilfe nach Gaza lasse.
Das stimmt nicht, wir lassen sämtliche humanitären Lieferungen in den Gazastreifen, nachdem sie von uns geprüft wurden.

Ex-Stabschef Eizenkot sagte, dass 60 Prozent der Hilfe in die Hände der Hamas gelangen, was daran liege, dass Netanjahu keine Strategie für den »Tag danach« habe. Ein berechtigter Vorwurf?
Nein, die Hamas nimmt sich von den Hilfslieferungen, das hat aber nichts mit der Zukunft zu tun. Solange wir Rafah nicht kontrollieren, wird es so weitergehen. Netanjahu hat eine Vision für den Tag danach: dass wir innerhalb der zivilen Bevölkerung Anführer finden, die nichts mit dem Terror zu tun haben, während wir die allgemeine Sicherheitsverantwortlichkeit in unseren Händen behalten. Außerdem muss es ein Programm zur Entradikalisierung geben, damit es nie wieder einen 7. Oktober gibt. Dabei ist auch die internationale Gemeinschaft gefragt.

Es soll Pläne geben, palästinensische Clans, die gegen die Hamas sind, zur Verteilung der humanitären Hilfe heranzuziehen. Einige davon sollen aber kriminell sein und sogar Al-Qaida nahestehen.
Die Menschen, die Gaza regieren sollen, müssen gründlich gecheckt werden, es dürfen natürlich weder Kriminelle noch Terrorunterstützer dabei sein. Es sind nicht viele, aber es gibt sie. Im Moment können wir aber noch nicht mit ihnen kooperieren, dafür ist es noch zu früh. Sie müssen erst überzeugt sein, dass die Hamas weg ist – und auch nicht wiederkommt.

Die Fragen stellte Sabine Brandes. Yossi Kuperwasser vom Misgav-Institut für nationale Sicherheit ist der ehemalige Leiter der Forschungsabteilung des IDF-Militärgeheimdienstes.

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