Liberales Leben, Strand und ausgezeichnete Restaurants – Tel Aviv ist bekannt für seinen Vibe. Die jüdisch-historische Dimension Israels wird hingegen meist mit Jerusalem verbunden. Eine oft genannte Ausnahme ist der 14. Mai 1948, als David Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel ausrief. Doch es gibt einen weiteren, heute kaum bekannten Teil der Geschichte dieser Stadt.
An einem Abend, in einer ruhigen Seitenstraße öffnet ein Mann die Tür zu einem unscheinbaren Gebäude. Sein Name ist Daniel. Hinter der Fassade verbirgt sich eine seit Jahrzehnten leer stehende Synagoge – staubige Böden, verblasste Wandmalereien, bröckelnder Putz. Ein Raum, der von einer Vergangenheit erzählt, die im modernen Stadtbild kaum noch sichtbar ist. Auf die Frage nach der Geschichte des Gebäudes hebt Daniel an zu erzählen: Allein in Neve Tzedek – und weit darüber hinaus in Tel Aviv – gebe es Dutzende solcher Häuser. Viele stünden leer, manche verfielen, andere würden zweckentfremdet. Auch er selbst, sagt er beiläufig, wohne in einer ehemaligen Synagoge.
Warum aber finden sich ausgerechnet in einem der exklusivsten und teuersten Viertel Israels – mit prominenten Nachbarn wie Gal Gadot oder Roman Abramovich – so viele Synagogen?
Jaffa war das urbane Zentrum der Region
Die Antwort liegt in einer Zeit, als von Luxusimmobilien keine Rede war. Vor der Gründung Tel Avivs im Jahr 1909 war Jaffa das urbane Zentrum der Region, ein geschäftiger Hafen, durch den die meisten jüdischen Einwanderer ins Land kamen. Anfang des 20. Jahrhunderts begannen viele von ihnen, die überfüllte, oft ärmliche Stadt zu verlassen. Auf den Sanddünen nördlich von Jaffa entstanden neue jüdische Viertel wie Neve Tzedek, Florentin oder Neve Sharet – Keimzellen dessen, was später Tel Aviv-Jaffa werden sollte.
Und mit den Bewohnern kamen ihre Bethäuser. In unmittelbarer Nachbarschaft entstanden kleine Synagogen, oft gestiftet von Einwanderergruppen aus bestimmten Städten oder Regionen Europas und des Nahen Ostens. Es wird oft unterschätzt, wie viele religiös-traditionelle Juden nach Eretz Israel kamen. Für sie war die erste Anlaufstelle die eigene Synagoge – mit den vertrauten Riten, Melodien und Traditionen ihrer Herkunft. So entstanden in unmittelbarer Nachbarschaft Synagogen der Juden aus Aden (Jemen), der Maschhadim aus dem Iran, Chabad-Chassidim, der Chewrat Schas aus Polen und vieler weiterer Gruppen. Jede Gemeinschaft errichtete ihr eigenes kleines Bet- und Lehrhaus.
In den 60er-Jahren gab es in Tel Aviv eine Synagoge auf 500 Einwohner.
Eine weitere tiefgreifende Veränderung erfolgte während und nach der Schoa. Tel Aviv wurde zu einem der wichtigsten Zentren der Orthodoxie – viele Gemeinden versuchten, nach der Katastrophe ihr religiöses Leben neu aufzubauen.
Zentrum orthodoxen jüdischen Lebens
Der Gerer Rebbe, der in Tel Aviv lebte, betrieb zeitweise bis zu 15 Synagogen für seine Chassidim. Rabbiner Abraham Isaak Kook, der erste aschkenasische Oberrabbiner des Landes, lebte ebenfalls in Neve Tzedek. Und auch die Rebbes von Belz, Sadigura, Modzitz und anderer Höfe wirkten zeitweise in der Stadt. Tel Aviv wurde zu einem bedeutenden Zentrum orthodoxen jüdischen Lebens. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung gab es in den 60er-Jahren rund 750 Bet- und Lehrhäuser – bei etwa 380.000 Einwohnern! Ein bemerkenswertes Verhältnis von durchschnittlich einem Bethaus auf rund 500 Einwohner.
Diese Realität änderte sich mit der Gründung von Bnei Brak und endgültig nach dem Sechstagekrieg 1967, als Juden wieder freien Zugang zu den heiligen Stätten Jerusalems erhielten. Die Möglichkeit, nach fast 2000 Jahren in Jerusalem zu lernen und zu leben, erschien vielen Rabbinern und Gemeinden als der natürliche nächste Schritt. Und so verließen sie Tel Aviv – und ihre Synagogen.
Wer trägt die Verantwortung für ein religiöses Erbe?
Mit dem Anstieg der Immobilienpreise in Tel Aviv gerieten leer stehende Synagogen in den Fokus wirtschaftlicher Interessen. Während einige argumentieren, die Stadt benötige diese große Zahl an Bethäusern nicht mehr, ist die Frage aus halachischer Sicht weitaus komplexer. Nach jüdischem Religionsrecht besitzt eine Synagoge selbst dann eine besondere Heiligkeit, wenn sie nicht mehr genutzt wird. Ihr Verkauf, ihre Umwidmung oder gar ihr Abriss sind nur unter strengen Voraussetzungen erlaubt. Die Realität jedoch zeigt, dass diese Prinzipien nicht immer eingehalten werden.
Dies führt zu teils heftigen innerjüdischen Debatten: Darf wirtschaftlicher Nutzen über religiöse Kontinuität gestellt werden? Und: Wer trägt die Verantwortung für ein religiöses Erbe, wenn die Gemeinde nicht mehr existiert?
Von den einst rund 750 Bethäusern stehen heute noch etwa 500. Laut Rabbinat sind nur rund 350 aktiv. Mehr als 150 Synagogen sind geschlossen. Damit ist Tel Aviv – paradoxerweise – der Ort mit den meisten vergessenen jüdischen Bethäusern weltweit. Und gleichzeitig verdanken viele orthodoxe Gemeinden in Israel ihre Erneuerung genau dieser heute weitgehend unbekannten Tel Aviver Phase.