Ramle

Magische Bootsfahrt unter der Erde

In einem der Boote sitzen Kinder, die aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Foto: Sabine Brandes

»Eine Bootsfahrt, die ist lustig …«, mögen sich die Eltern gedacht haben, als sie sich mit ihren Kindern zu einem Ausflug nach Ramle aufmachten. Die Stadt wirbt damit, hier einen unterirdischen Pool besuchen zu können. Und so stehen an diesem Samstagnachmittag etwa zehn Familien im unscheinbaren Innenhof eines Wohnviertels der Stadt. Von Wasser ist hier allerdings weit und breit nichts zu sehen. Einzig eine meterlange Gewölbestruktur, im Boden eingelassen, lässt Ungewöhnliches vermuten.

Einige Meter davon entfernt führt eine Treppe hinunter ins Dämmerlicht. Auf dem Weg hinab ist leises Plätschern zu vernehmen. Nach nur wenigen Stufen befindet man sich plötzlich in einem ganz und gar überraschenden unterirdischen Wunderland wieder.

Majestätische Bögen

Kleine weiße Ruderboote schaukeln auf dem Wasser, darüber prangen massive Steinsäulen und majestätische Bögen.

Besucher David Sheffer navigiert ein Bötchen, in dem seine vier Sprösslinge sitzen, geschickt durch die Säulengänge, während die zwei Jungen und die beiden Mädchen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Fast jedes Wochenende unternehme die Familie Ausflüge quer durchs Land. »Ich möchte den Kindern zeigen, wie viele magische Orte es in Israel gibt, fast an jeder Ecke«, sagt der Familienvater und sticht gemächlich das Ruder ins Wasser. »Und manchmal sogar unter der Erde.«

Die äußerlich völlig unscheinbare Struktur entpuppt sich im Innern als geschichtsträchtiger Bau, der die Jahrhunderte unbeschadet überstanden hat. Es ist die 1200 Jahre alte Zisterne von Ramle, die die abbasidischen Kalifen einst anlegen ließen. Ein muslimisches Herrschergeschlecht des achten Jahrhunderts.

Das Bassin der Bögen – poetischer auch »Teich der Bögen« oder »Pool von St. Helena« genannt – wurde im Jahr 789 n.d.Z. als unterirdisches Reservoir gebaut, als der berühmte Kalif Harun al-Rashid von Bagdad diese Region regierte. Die Zisterne diente dazu, die Bewohner Ramles mit Wasser zu versorgen. Der Beleg dafür ist in Stein gemeißelt: »Im Namen Allahs und mit Allahs Segen ordnete der Bevollmächtigte des Emirs den Bau an, möge Allah seine Tage im Monat Haja im Jahr 172 verlängern.«

Nach wenigen Stufen befindet man sich in einem unterirdischen Wunderland.

Gemäß der christlichen Legende wird der Pool der Heiligen Helena zugesprochen, basierend auf einer Überlieferung, derzufolge Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin I., diejenige war, die die Anlage errichten ließ. Darüber hinaus ist das Wasserreservoir auf Arabisch auch als »Becken der Ziegen« bekannt, wohl weil hier einst Tiere getränkt wurden.

Wahrscheinlich wurde das Trinkwasser­reservoir von einem zentralen Aquädukt gespeist, das aus der Region Gezer kam, die am Fuße der Judäischen Berge zwischen Jerusalem und dem Zentrum des Landes liegt. Eine Öffnung, durch die das Wasser in die Zisterne gelangte, wurde kürzlich im Zuge einer archäologischen Ausgrabung durch die israelische Altertumsbehörde entdeckt. Es sei auch möglich, so die Archäologen, dass die geografische Lage des Beckens auf eine kleine Quelle zurückzuführen sei, die sich in der Nähe befindet. Das Wasserreservoir gilt als ein bedeutendes Bauwerk aus der Zeit, als die Abbasiden im Land herrschten, vor allem im Hinblick auf seinen perfekten Zustand. Es ist ein seltenes Zeugnis der damaligen Bauqualität und eine große Überraschung, dass es so gut erhalten ist, denn im Laufe der langen Geschichte haben mehrere schwere Erdbeben große Teile der Stadt Ramle, auch Ramla genannt, zerstört.

»Romantischer geht es nicht«

Das Becken selbst ist nahezu quadratisch und nicht besonders groß. Die knapp 420 Quadratmeter – genauer gesagt 19,82 mal 21,17 Meter – sind von Säulenreihen aus Stein eingefasst. Jede Reihe besteht aus fünf Säulen, die die geschwungenen hohen Bögen tragen, auf denen das Dach ruht. In die Decke sind quadratische Luken eingelassen, durch die frühere Generationen offenbar mit an Seilen herabgelassenen Gefäßen das Wasser schöpften, das sie für ihren Alltag benötigten. Gewöhnlich habe das Wasser eine Tiefe von einem bis anderthalb Meter, heißt es. Bei starken Regenfällen auch mehr.

Die Besucher können selbst zwischen den Steinsäulen hin- und herschippern und diesen ungewöhnlichen Ort auf sich wirken lassen. Fortbewegt werden die kleinen Boote, die bis zu sechs Personen aufnehmen können, mit hölzernen Rudern.

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