7. Oktober

Die letzte Geisel

IDF-Soldaten nach der Bergung des Leichnams von Ran Gvili im Gazastreifen

Seine Kameraden standen Spalier, als Ran Gvili seinen letzten Weg antrat. Der 24-Jährige, der am 7. Oktober 2023 trotz gebrochener Schulter für sein Land kämpfte, kehrte nach 843 Tagen nach Hause zurück – als Letzter. Am Montag vergangener Woche wurden seine sterblichen Überreste auf einem muslimischen Friedhof im Norden von Gaza-Stadt in der Operation »Brave Heart«, zu Deutsch: »Tapferes Herz«, geborgen und nach Israel überführt. Es war das Ende eines mehr als zwei Jahre währenden Albtraums nach den Massakern vom 7. Oktober, bei denen die Hamas in den südlichen Gemeinden Israels über 1200 Menschen ermordete und 251 Geiseln nahm.

»Kein Auge blieb trocken«, erinnert sich einer der Offiziere an den Moment, als klar war, dass es sich wirklich um die Leiche der letzten Geisel handelte. »Es war ein langer, schwieriger Prozess, der nun abgeschlossen ist«, sagte er gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender »Kan«. Mehr als 50 Tage lang war Gvili die einzige Geisel, die noch in Gaza festgehalten wurde. Die Hamas behauptete, ihn nicht finden zu können, was seine Familie und sein Land in Angst versetzte, dass er vielleicht nie gefunden werden würde.

Gvili sollte am 7. Oktober operiert werden

Gvili, der in der Spezialeinheit Yasam der Polizei gedient hatte, befand sich am Tag des Angriffs freiwillig im Einsatz, um Zivilisten aus der Gefahrenzone des Nova-Festivals zu retten, obwohl er selbst an diesem Tag an der Schulter operiert werden sollte. Anschließend kämpfte er im Kibbuz Alumim gegen Terroristen und rettete nach Angaben von Anwohnern vielen Menschen das Leben. Bei dieser Schlacht wurde er getötet und sein Körper nach Gaza verschleppt. Seine Familie beschreibt ihn als mutigen, jungen Mann, der das Wohl anderer über das eigene stellte.

Die Suche nach seinem Leichnam war eine hochkomplexe Operation, die über Wochen vorbereitet wurde. Die israelische Armee (IDF), koordiniert vom Süd-Kommando, band mehrere Eliteeinheiten ein. Die Geheimdienste kombinierten Satellitenaufnahmen, digitale Spuren, Drohnenbilder und Bodenanalysen, um die präzisen Koordinaten des Friedhofs einzugrenzen. Jeder Schritt war methodisch geplant: Zuerst wurden Daten der Luftaufnahmenanalyse mit Satellitenbildern abgeglichen, anschließend erfolgte eine detaillierte Bodenrecherche, bei der Grabstellen kartiert, fotografiert und gescannt wurden. »Wir hatten vier Hypothesen, wo Ran liegen könnte. Nur durch den sorgfältigen Abgleich aller Informationen konnten wir die korrekte Stelle bestimmen«, so ein Vertreter der IDF.

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Vor Ort arbeiteten Soldaten eng mit mehr als 20 Medizinern zusammen. Zahnärzte machten den ersten Abgleich mit den Militärakten, Pathologen dokumentierten den Zustand der Leiche und führten forensische Analysen durch, während DNA-Spezialisten parallel Proben auswerteten, um bei der Identifizierung absolute Gewissheit zu gewährleisten.

Ein IDF-Zahnarzt erklärte den Prozess der Identifizierung in der »Jerusalem Post«: »Wir kannten jedes einzelne Detail seiner Zähne, danach suchten wir bei jeder Leiche. Als wir sein Gebiss sahen, wussten wir, dass er es war. Alle weiteren Untersuchungen waren reine Routine, um die endgültige Identifizierung zu gewährleisten.«

Doch der Prozess war alles andere als einfach: »Wir waren im Gelände von Gefahren umgeben. Nicht nur, dass wir uns in Feindesgebiet befanden. Wir mussten schnell, vorsichtig und professionell arbeiten und gleichzeitig die Umgebung im Blick behalten«, berichtete er. Die Identifizierung von Gvili aber habe sich dann angefühlt, »als hätten wir gewonnen. Es war ein Moment der tiefen Einigkeit«.

Psychologische Betreuung

Parallel zu den physischen Untersuchungen sei die psychische Belastung der Soldaten und Mediziner gezielt adressiert worden, gibt die IDF an. Geschulte Teams hätten Gespräche noch direkt vor Ort durchgeführt, teilweise sogar während der Operation, um eine unmittelbare Verarbeitung des Traumas zu ermöglichen.

Meir Rubaha, zuständig für die psychologische Betreuung der 252. Division, gab in der Tageszeitung »Yedioth Ahronoth« Einblick in die sensible Aufgabe: »Wir haben uns relativ lange auf diesen Einsatz vorbereitet, wissend, dass wir mit Gerüchen und Anblicken konfrontiert werden würden, die das Trauma verstärken könnten. Je besser die Soldaten vorbereitet sind, desto geringer ist der Überraschungseffekt. Die Soldaten verstanden die Bedeutung des Einsatzes, dass sie etwas für ihr Land, etwas Sinnvolles leisteten. Das hilft, die Schwierigkeiten im Einsatzgebiet zu bewältigen.«

Einige Soldaten berichteten von der extrem schwierigen Erfahrung, Dutzende Leichen untersuchen zu müssen, aber auch von einem Moment der Erleichterung, als sie erkannten, dass sie Gvili gefunden hatten. Ein beteiligter Soldat sagte: »Wir waren völlig fokussiert auf die Mission, abgeschnitten von der Welt. Es war wie in der Hölle.« Dann aber habe es sich plötzlich angefühlt, »als ob ein sehr, sehr starkes Licht inmitten des Grauens aufleuchtet«.

»Die Identifizierung von Ran Gvili hat sich angefühlt, als hätten wir gewonnen.«

Auch für die Familie von Ran Gvili, die mehr als zwei Jahre auf seine Rückkehr gewartet hatte, war der Moment ein komplexes Gemisch an Emotionen – tiefe Trauer, aber auch Erleichterung, dass der Sohn endlich nicht mehr verloren ist. Sein Vater Itzik Gvili sagte: »Er ist endlich zu Hause. Wir werden ihn nie vergessen.« »Rani war der Erste, der ging, und der Letzte, der zurückkam. Er ist unser Held«, fügte die Mutter Talik Gvili hinzu.

Staatspräsident Isaac Herzog kommentierte die Rückführung der letzten Geisel mit den Worten: »Das gesamte Volk Israel ist zu Tränen gerührt. Nach vielen schwierigen Jahren werden erstmals seit 2014 keine israelischen Bürger mehr in Gaza als Geiseln festgehalten.« Es sei klar, dass Ran Gvili für immer als ein Symbol für Pflichtbewusstsein, Opferbereitschaft und die Verpflichtung, niemanden zurückzulassen, in Erinnerung bleiben werde.

Abschluss der ersten Phase

Politisch und militärisch markiert die Rückführung von Ran Gvili den Abschluss der ersten Phase des Waffenstillstands- und Geiselbefreiungsabkommens von Oktober 2025, das die vollständige Freilassung aller lebenden und toten verschleppten Menschen aus der Gewalt der Hamas vorsieht. Federführend bei dem Abkommen ist der amerikanische Präsident Donald Trump, der bereits länger darauf gedrängt hatte, die zweite Phase »endlich zu beginnen«.

Diese umfasst vor allem die Demilitarisierung der Terrororganisation Hamas – worauf Israel besteht –, die Stabilisierung durch internationale Kräfte sowie umfangreiche Wiederaufbauprogramme im Gazastreifen. Zwar bleibt die Sicherheitslage weiter angespannt, doch Gvilis Rückführung hat ein zentrales Spannungsfeld beseitigt und eröffnet Raum für weitere politische und diplomatische Schritte.

Für Israels Gesellschaft ist es ein unabdingbarer Moment der Trauerbewältigung, den die Menschen lange herbeigesehnt haben. Die Israelis wollen sich nach der schlimmsten Tragödie in der Geschichte ihres Landes nun auf die Genesung und den Blick in die Zukunft einlassen. Oder wie ein anderer an der Operation »Brave Heart« beteiligter Soldat sagte: »Wir haben unsere Pflicht erfüllt. Jetzt beginnt die Arbeit, das Land wiederaufzurichten.«

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