Geiseln

Das Leben danach

»Als wären sie wiedergeboren«: Avihai Brodutch umarmt seine Kinder Uriya, Yuval und Ofri nach ihrer Freilassung. Foto: Schneider Hospital

Als sich die Fahrstuhltür im Krankenhaus öffnete, sah er zuerst seine Tochter. Sie ist das älteste der drei Kinder. »Das war ein Gefühl, als wäre sie gerade geboren. Ein echtes Wunder, ja, wie eine Wiedergeburt«, erzählt Avihai Brodutch, dessen Frau Hagar und ihre drei kleinen Kinder Uriya, Yuval und Ofri während des Massakers der Hamas vom 7. Oktober 2023 als Geiseln verschleppt wurden. Nach 51 Tagen kamen sie im Rahmen des ersten Waffenstillstands- und Geiselabkommens nach Hause.

»Sie waren abgemagert und voller Läuse. Aber sie atmeten und redeten«, erinnert sich der Familienvater an den Tag der Befreiung. Jetzt berichtet er darüber, wie das Leben nach dem Ende der Geiselnahme für sie weiterging.

Die Familie Brodutch lebte bis zum 7. Oktober im Kibbuz Kfar Aza im Süden Israels unweit der Grenze zum Gazastreifen. Am Morgen des »Schwarzen Schabbats« ließ Avihai Brodutch nach dem Beginn des Angriffs der Hamas seine Frau und die Kinder im Sicherheitsraum ihres Hauses zurück, nahm seine Waffe und machte sich auf den Weg, um gegen die in den Kibbuz einfallenden Terroristen zu kämpfen. Als Brodutch verwundet zurückkehrte, war seine Familie verschwunden. »Ich dachte – nein, ich war mir sicher –, sie sind alle tot«, schildert er das absolute Grauen dieses Moments.

24 endlose Stunden

Es sollte noch 24 endlose Stunden dauern, bis er erfuhr, dass seine Familie nach Gaza verschleppt worden war. Ebenso verschleppt wurde auch Avigail Edan, die damals dreijährige Tochter der Nachbarn Roy und Smadar Edan, die beide bei dem Blutbad ermordet wurden. »Von dem Moment an, als ich erfuhr, dass sie Geiseln sind, kämpfte ich jede Sekunde für sie«, sagt Brodutch. So stand er beispielsweise tagelang vor dem Hauptquartier der israelischen Armee in Tel Aviv, um für die Rückkehr der Geiseln zu protestieren.

Am 26. November um ein Uhr morgens schließlich kam der erlösende Anruf. »Sie kommen nach Hause«, hieß es nur kurz. Er sei in den Kibbuz gefahren, der noch immer in Trümmern lag, und habe aus ihrem Haus mitgenommen, was seine Frau und die Kinder besonders mochten. »Stofftiere, Kissen, die Handtasche meiner Frau. Ich stopfte alles ins Auto und raste zum Schneider-Krankenhaus in Tel Aviv, wo sie ankommen sollten.«

Als Brodutchs Familie am 26. November 2023 zurückkehrte, »war das der glücklichste Tag meines Lebens«. Und diesen Tag werden die Brodutchs jedes Jahr zelebrieren. »Mit besonderem Essen und Feiern, um an die wundervolle Heimkehr meiner Familie zu erinnern.« Noch immer würden seine Liebsten oft neue Geschichten aus der Zeit in Gaza erzählen. Er weiß, dass seine Frau täglich Stunden damit verbrachte, die Kinder mit Eindrücken von ihren Reisen nach Australien, Thailand und in andere Länder abzulenken. »Sie sprachen auch übers Essen, weil sie in Gaza oft nicht mehr als ein Pitabrot bekommen hatten«, so Avihai Brodutch. »Es ist so fürchterlich. Ich wünsche es niemandem.«

»Wir werden keinen Abschluss finden, bis alle Geiseln frei sind.«

Hagar Brodutch

Hagar Brodutch schilderte ihre qualvollen Erfahrungen später bei einer Pressekonferenz. Sie habe nicht gewusst, ob ihr Mann den Hamas-Angriff überlebt hatte. »Es gab Tage, an denen ich die Entführer anflehen wollte, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Manchmal war es schlicht nicht mehr zu ertragen.«

Sie hätten schreckliche Szenen miterleben müssen, schwer verletzte Geiseln mit amputierten Gliedmaßen, die keine medizinische Versorgung erhielten, unerträglichen Hunger, unerbittliche Kälte und psychologischen Terror. »Es waren einfach nur Höllentage.«

»Zum Glück schliefen die Kinder relativ gut und wachten nicht von den ständigen Bombenangriffen auf. Aber dann begann meine persönliche Hölle der Gedanken«, berichtete sie. »Wann werden wir freigelassen? Werden wir überhaupt freigelassen? Was geschieht mit meinen Kindern? Ist Avihai am Leben? Was ist mit meiner Familie, meinem Kibbuz? Es war endlos.«

Keine Heilung für Israel

In einer Rede bei einer Kundgebung auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv betonte Hagar Brodutch: »Wir werden keinen Abschluss finden, bis alle Geiseln frei sind.« Das betont auch ihr Mann. Solange nicht alle verschleppten Menschen aus der Geiselhaft der Hamas freikommen, könne es keine Heilung für Israel geben, ist er sicher.

»All das dauert schon viel zu lange. Zu viele Geiseln sind tot, zu viele Soldaten ums Leben gekommen, und das nur auf unserer Seite. Auf der anderen Seite gibt es so viel Zerstörung und so viele tote Zivilisten.« Für die Zukunft wünscht er sich Frieden. »Wir haben genug vom Krieg – die Israelis und die Leute in Gaza. Da bin ich mir absolut sicher. Wir alle sind Menschen und wollen nur leben.«

Heute, mehr als anderthalb Jahre nach der Freilassung, sagt Avihai Brodutch: »Es geht uns gut.« Die Familie lebt im Kibbuz Schfaim im Zentrum des Landes, der seit Oktober 2023 Evakuierte aus Kfar Aza beherbergt. Einige Kibbuz-Mitglieder haben sich mittlerweile im Süden des Landes, in der Gemeinde Ruchama, niedergelassen.

»Ein Wunder, für das ich Gott jeden Tag danke«

»Yuval und Ofri gehen in die Schule, Uriya in den Kindergarten. Sie sind glückliche Kinder«, so der Vater. »Kinder sind einfach unglaublich, sie stehen auf und leben ihr Leben. Sie alle lächelten schon am ersten Tag nach ihrer Freilassung. Und sie lächeln immer noch.« Manchmal schaue er ihnen beim Schlafen zu und sei sich dann besonders bewusst, »wie viel Glück« seine Familie gehabt habe. »Ich bin kein religiöser Mensch, aber ich habe ein Wunder erlebt, für das ich Gott jeden Tag danke.«

Allerdings würden die Kinder von beschleunigenden Motoren oder Krankenwagen getriggert. Diese Geräusche ähnelten den Bombenangriffen der israelischen Armee in Gaza, die sie erleben mussten. »Es ist ein Auslöser für das, was sie in Gaza durchgemacht haben«, erklärt er. »Wir sind immer noch eine glückliche Familie, wir essen gut, und wir sind zusammen.« Dann hält er einen Moment inne. »Manche Dinge in unserem Inneren werden aber vielleicht nie ganz heilen.«

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  28.10.2026

Nachrichten

Auszählung, Expats, Einmischung

Kurzmeldungen aus Israel

von Sophie Albers Ben Chamo  28.10.2026

Knesset-Wahl

Die arabische Antwort auf Ben-Gvir

Die israelischen Araber könnten zum Königsmacher der nächsten Knesset werden

von Sabine Brandes  28.10.2026

Meinung

In der Sackgasse?

Sabine Brandes wünscht sich nach den Wahlen für Israel neue Bündnisse – trotz aller Schwierigkeiten

von Sabine Brandes  28.10.2026

Analyse

Israel im Patt

Der rechte Block gewinnt bei der Auszählung an Boden. Doch weder Regierungslager noch Opposition haben eine klare Mehrheit – und die arabischen Parteien werden zum entscheidenden Faktor

von Sabine Brandes  28.10.2026

Jerusalem

Demokraten-Chef fordert Koalition mit arabischen Parteien

Bei Israels Richtungswahl liegt Netanjahus Lager vorn, verfehlt aber die Mehrheit. Der Chef der Linksliberalen fordert eine Koalition der Opposition mit Beteiligung arabischer Parteien

 28.10.2026

Jerusalem

Israels Wahlergebnis bleibt offen, mehr als die Hälfte der Stimmen ausgezählt

Mit wie vielen Sitzen kann das Netanjahu-Lager rechnen? Wie sieht das bisherige Ergebnis der Opposition aus?

 28.10.2026 Aktualisiert

Jerusalem

Bis zu 650.000 »Sonderstimmen« könnten Israels Wahlergebnis noch verändern

Die Stimmen von Soldaten, Reservisten und weiteren Wahlberechtigten, die nicht in ihrem regulären Wahllokal abstimmen konnten, müssen noch einbezogen werden

 28.10.2026

Jerusalem

Eisenkot will rasch neue Regierung in Israel bilden

Netanjahus Lager verliert die Mehrheit, doch auch Ex-Militärchef Eisenkot kann mit seinem Lager nicht allein regieren. Dennoch erklärt er, schon bald eine Koalition schmieden zu wollen

 28.10.2026