Gesellschaft

Bennett: »Vorschlag für Armeegesetz ist Betrug«

Straßenschlachten zwischen ultraorthodoxen Wehrdienstverweigerern und der Polizei in Jerusalem. Foto: Flash90

Seit Jahren versuchen israelische Regierungen, die schwelende Krise um die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Männer zu regeln. Bislang vergeblich. Der jüngste Versuch, vom Ausschussvorsitzenden Boaz Bismuth (Likud) vorgestellt, sorgt nun für Entrüstung und Widerstand in den eigenen Reihen, der Opposition und großen Teilen der israelischen Gesellschaft.

Eigentlich hätte der Entwurf das fragile System stabilisieren sollen. Stattdessen legte er die tiefen Risse noch deutlicher offen. Der Druck innerhalb der Regierungskoalition sei so groß geworden, dass Premierminister Benjamin Netanjahu eine geplante Fernsehansprache zur Verteidigung des Plans absagte, wurde gemunkelt. Sein Büro allerdings gab »Terminschwierigkeiten« als Grund an.

Regierung steht unter wachsendem Druck

Der Entwurf folgt einem Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2024. Dieses hatte die pauschale Befreiung für Vollzeit-Jeschiwa-Studenten aufgehoben und die alte Regelung als diskriminierend bezeichnet. Seitdem steht die Regierung unter wachsendem Druck, die Wehrpflicht entweder konsequent durchzusetzen oder einen glaubwürdigen Ersatz zu schaffen.

Bismuth versucht mit seiner Einbringung einen Mittelweg: Die Einberufungsquoten für ultraorthodoxe Männer sollen schrittweise steigen. Gleichzeitig will man für sie Wege in den zivilen Sicherheitsdienst öffnen und Ausnahmen für besonders engagierte Toragelehrte beibehalten.

Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Rund 66.000 ultraorthodoxe Männer zwischen 18 und 26 wären derzeit wehrpflichtig. Seit dem Urteil von vor einem Jahr haben rund 24.000 Charedim Einberufungsbescheide erhalten. Doch nur fünf Prozent von ihnen tauchten tatsächlich in den Musterungszentren der IDF auf.

Boaz Bismuth: »Es ist ein Versuch, nationale Sicherheitsbedürfnisse mit der Bedeutung des Tora-Studiums zu verbinden.«

Auch langfristig sieht es nicht besser aus: 2023 wurden lediglich 1.266 Haredim eingezogen, deutlich weniger als die fast 2.000 im Jahr 2013. Und obwohl die Armee 2025 Platz für etwa 5.700 neue ultraorthodoxe Rekruten hätte, ist man nicht einmal in der Nähe dieser Zahl.

Bismuth beschreibt seinen Vorschlag als »ausgewogen«. Es sei ein Versuch, nationale Sicherheitsbedürfnisse mit der Bedeutung des Tora-Studiums zu verbinden. Auch andere Befürworter des Gesetzes sprechen von einem pragmatischen Kompromiss. Eine sanfte, geregelte Integration sei der einzig gangbare Weg in einer polarisierten Gesellschaft, betonen sie.

Die Kritik kam jedoch schnell – und überraschend scharf aus den eigenen Reihen. Likud-Abgeordneter Yuli Edelstein, selbst der ehemalige Ausschussvorsitzender, erklärte, der Entwurf habe vielleicht vieles zum Ziel. »Sicher aber nicht die Rekrutierung«.

Zu schwache Durchsetzung

Die geplanten Quoten seien viel zu niedrig, die Durchsetzung schwach. »Es wird nichts passieren«, warnte er und sprach von kosmetischen Korrekturen, die den Status quo eher festschreiben als verändern. Auch andere Koalitionsmitglieder nannten den Vorschlag »zahnlos« und kritisierten die breite Definition von »Charedi«, die womöglich neue Schlupflöcher öffne. Vor allem, weil sogar »Jeschiwa-Abbrechern« vom Wehrdienst ausgenommen werden sollen.

Der ehemalige Ministerpräsident Naftali Bennett sprach gar von »Betrug«. Er warf der Regierung in einer vorab aufgezeichneten Videobotschaft am Dienstagabend vor, »ein Gesetz voranzutreiben, das jegliche Chance auf die Einberufung ultraorthodoxer Juden zum Militärdienst zunichtemachen wird«.

Bennett, der in Umfragen als Netanjahus Hauptrivale bei den Parlamentswahlen im nächsten Jahr gilt, kritisierte das geplante Gesetz scharf und warf Netanjahu vor, die Öffentlichkeit zu täuschen und diejenigen im Stich zu lassen, die die Last des Militärdienstes tragen.

Oppositionsführer und Vorsitzender der Zentrumspartei Jesch Atid, Yair Lapid, warf Netanjahu nach dessen Absage der Ansprache vor, vor unhaltbarer Gesetzgebung davonzulaufen und Israels Soldaten zu verraten.

Immer wieder protestieren Zehntausende Charedim

In den vergangenen Monaten protestierten immer wieder, teilweise Zehntausende ultraorthodoxe Juden, gegen die Einberufung in die Armee. Sie blockierten Straßen, gerieten mit der Polizei aneinander und hielten Schilder hoch, auf denen sie klarmachten, dass sie »lieber sterben als dienen«.

Für viele von ihnen ist die Wehrpflicht eine existenzielle Angelegenheit. Sie fürchten, dass der Militärdienst ihr religiöses Leben bedroht. Manche sagen offen, sie würden eher ins Gefängnis gehen als eine Uniform tragen.

Für viele Reservisten, die zum Teil zwei Jahre lang fast pausenlos Dienst machten, ihr Land verteidigten und ihre Familien verließen, ist diese Einstellung kaum erträglich. Sie bezeichnen es als »Dolch im Rücken«, dass Zehntausende wehrfähige junge Männer vom Dienst befreit sind – sogar in Zeiten des Krieges.

Luftfahrt

Wie sicher sind Israel-Flüge?

Nach dem vereitelten Anschlag an Bord einer flydubai-Maschine werden immer mehr gravierende Sicherheitslücken bekannt

von Sabine Brandes  14.10.2026

Meldungen

Studium, Korruption, Aquädukt

Kurznachrichten aus Israel

von Sabine Brandes  14.10.2026

Reaktionen

EU kritisiert Wahlaufschub in den Palästinensergebieten

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027

 14.10.2026

Jahrestag der Geiselrückkehr

Schön, dass du wieder da bist!

Als ich Alon Ohel auf einer Straße in Tel Aviv sah, wollte ich ihn ansprechen – und ließ ihn weitergehen. Über Solidarität und die Kraft einer Gesellschaft

von Sabine Brandes  14.10.2026

Hamas-Terror

Ein Jahr Freiheit – doch die Narben bleiben

Vor einem Jahr war die Freude unbändig, als die letzten 20 lebenden Geiseln nach 738 Tagen in den Tunneln unter dem Gazastreifen nach Israel zurückkehrten

von Sabine Brandes  14.10.2026

Flughafen Ben Gurion

Unerlaubter Pilot an Bord: Maschine muss wieder umdrehen

Weil ein indonesischer Kapitän an Bord war, wurde einem Frachtflug von Ethiopian Airlines die Landung in Israel verweigert

von Sabine Brandes  13.10.2026

Krieg

Netanjahu fordert Ermittlungen gegen Soldaten im Film »NAZA«

Der Premier wirft den anonymen Beteiligten mögliche Straftaten im Zusammenhang mit der Weitergabe geheimer Informationen vor

von Sabine Brandes  13.10.2026

Interview

»Wenn wir weder denken noch irgendetwas tun müssen – was machen wir dann?«

Der israelische Mathematiker Assaf Hasson warnt vor oberflächlichen Antworten, undurchsichtigen Beweisen und einer Generation, die sich zu sehr auf Künstliche Intelligenz verlässt

von Sabine Brandes  13.10.2026

Oktoberfest

Wiesn am Mittelmeer

Die bayerische Festtradition wird in Israel neu interpretiert

von Sabine Brandes  13.10.2026