Der frühere israelische Ministerpräsident Naftali Bennett spricht sich für eine Begnadigung von Benjamin Netanjahu aus – allerdings nur, wenn der Regierungschef dafür seine politische Karriere beendet. In einem Interview mit der »Jerusalem Post« sagte Bennett, ein solcher Deal könne den seit Jahren laufenden Korruptionsprozess gegen Netanjahu beenden und Israel ermöglichen, sich wieder stärker auf seine Sicherheitsinteressen zu konzentrieren.
»Ich möchte nicht, dass er im Gefängnis landet. Ich denke, er sollte nach Hause gehen«, sagte Bennett. Eine Begnadigung würde er demnach nicht grundsätzlich ablehnen, solange sie an den Rückzug Netanjahus aus der Politik gekoppelt sei. »Der Deal ist, dass er die Politik verlässt und nicht ins Gefängnis geht.«
Bennett führt die Partei B’Yachad und gehört zu den wichtigsten Politikern des Oppositionslagers, das Netanjahu bei der für Oktober erwarteten Wahl als Ministerpräsident ablösen will. Entsprechend brisant ist sein Vorstoß, denn eine Begnadigung Netanjahus wird in Israel seit Monaten kontrovers diskutiert.
Versagen vom 7. Oktober
Bennett erklärte, er selbst würde seine politischen Ressourcen nicht dafür einsetzen, persönliche Angelegenheiten zu regeln. »Ich würde kein politisches Kapital für eine Begnadigung und persönliche Dinge verschwenden«, sagte er. Stattdessen wolle er seinen Einfluss für die Sicherheitsinteressen des Landes einsetzen. »Ich würde all das politische Kapital für Israels nationale Sicherheitsinteressen einsetzen und nicht für andere Dinge.«
Gleichzeitig hält Bennett es für möglich, dass Netanjahu selbst versucht, Unterstützung für eine Begnadigung auf internationaler Ebene zu organisieren. Auf die Frage, ob der Ministerpräsident das Thema gegenüber US-Präsident Donald Trump vorangetrieben habe, antwortete Bennett: »Eindeutig geht da etwas vor sich.« Trump hatte sich wiederholt für eine Begnadigung Netanjahus ausgesprochen.
Noch härter fällt Bennetts Urteil über die generelle politische Strategie des amtierenden Ministerpräsidenten aus. Sie »zerreißt uns«, sagte er. »Und das ist die größte Gefahr.« Bennett macht Netanjahu zudem maßgeblich für das Versagen vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 verantwortlich. Seine Kritik beschränkt sich dabei nicht darauf, dass Netanjahu als Regierungschef die politische Verantwortung für die Sicherheitslage getragen habe.
»Nicht nur, weil er Ministerpräsident war und es [das Massaker der Hamas, Anm. d. Red.] unter seiner Aufsicht geschah, sondern weil er die gesamte Strategie eingeleitet hat, die Hamas zu füttern und dieses Monster an unserer Grenze immer größer und größer werden zu lassen«, sagte Bennett. »An einem bestimmten Punkt griff das Monster an. Es war einfach so groß«, fügte er hinzu.
Bennett wirft Netanjahu damit vor, über Jahre eine Politik verfolgt zu haben, die indirekt zur Stärkung der palästinensischen Terrororganisation Hamas beigetragen habe. Diese Strategie habe letztlich dazu beigetragen, dass sich die Organisation zu einer noch größeren Bedrohung entwickeln konnte. Bennett: Rückzug könnte Israel »eine Renaissance« ermöglichen
Trotz seiner fundamentalen politischen Gegnerschaft zu Netanjahu will Bennett offenbar keinen langen juristischen Kampf gegen den Ministerpräsidenten fortsetzen. Dessen Ausscheiden aus der Politik könne vielmehr einen Neuanfang für das Land ermöglichen.
Drei Korruptionsverfahren
Netanjahus Rückzug würde Israel »eine Gelegenheit für eine Wiedergeburt« geben, sagte Bennett. Zugleich räumte er ein, dass der Ministerpräsident für einen erheblichen Teil der Bevölkerung weit mehr als ein gewöhnlicher Politiker sei. »Ich denke, für viele Israelis ist er ein Symbol. Seine Anhänger betrachten ihn als mehr als nur einen Politiker«, erklärte Bennett. »Wir müssen Israel einen«, betonte er.
Netanjahu steht derzeit in drei Korruptionsverfahren vor Gericht. Ihm werden unter anderem Bestechlichkeit, Betrug und Untreue vorgeworfen. Der Ministerpräsident weist sämtliche Vorwürfe zurück.
Seinen Antrag auf eine Begnadigung durch den israelischen Staatspräsidenten hatte Netanjahu bereits im November 2025 offiziell eingereicht. Nach den israelischen Regeln für Begnadigungen liegt die formale Zuständigkeit beim Präsidenten. Das Verfahren läuft allerdings nicht unmittelbar zwischen dem Antragsteller und dem Staatsoberhaupt ab. im