Geiselverhandlungen

Israels geheimer Draht zur Hamas

Der damalige Leiter des Schin Bet, Ronen Bar, gab grünes Licht für direkte Gespräch mit der Hamas. Foto: POOL

Ein ehemaliger Mitarbeiter des israelischen Inlandsgeheimdienst Schin-Bet hat enthüllt, dass er einen direkten und geheimen Kommunikationskanal zu dem hochrangigen Hamas-Funktionär Ghazi Hamed unterhielt – mit Zustimmung seines Chefs und der politischen Führung in Jerusalem. Adi Rotem, Mitglied des Verhandlungsteams für die Freilassung der Geiseln, beschrieb in Kanal 12, wie es dazu kam.

Der direkte Kontakt sei nach der Ermordung der sechs Geiseln und aus der Frustration über das Verhalten der Vermittler, allen voran Katar, entstanden. Rotem selbst sei bei seiner Einschätzung Katars häufig in der Minderheit gewesen. Katar sei letztlich ein Land, das die Muslimbruderschaft unterstütze. »Ich denke, die Erwartung von jemandem aus einem Land, dessen Identität völlig anders ist, ist eine falsche Erwartung und Hoffnung.« Er habe deshalb immer geglaubt und glaube es bis heute, »dass Katar ein Land ist, das dem Staat Israel strategischen Schaden zufügt«.

Die Notwendigkeit des direkten Kontaktes zur Hamas sei für Rotem nach der Ermordung der sechs Geiseln Hersh Goldberg-Polin, Alexander Lobanov, Ori Danino, Carmel Gat, Eden Yerushalmi und Almog Sarusi durch die Terrororganisation klargeworden. »Die Geschichte mit der Ermordung der Sechs war der letzte Tropfen. Sie war für alle sehr traumatisch, und auch das gesamte Verhandlungsteam war hart getroffen.« Es sei klar gewesen, »dass etwas anderes getan werden musste«.

Genehmigung der politischen Führung wurde eingeholt

An diesem Punkt habe er Schin-Bet-Leiter, Ronen Bar, den Vorschlag unterbreitet, die Hamas direkt zu kontaktieren. Bar habe daraufhin die Genehmigung der politischen Führung eingeholt. Die Gespräche hätten innerhalb politischer Vorgaben stattgefunden. »Wir waren immer einer Direktive unterworfen und haben entsprechend gehandelt«, erklärte Rotem. »So hat es während des gesamten Krieges funktioniert.«

Um überhaupt direkte Gespräche mit einem Feind führen zu können, sei zunächst jedoch Vertrauen notwendig gewesen. Das bedeute jedoch nicht, dass die Gegenseite nicht weiterhin der Feind sei. »Wir wussten es und wir sagten es: Wir sind Feinde im Krieg.« Genau diese Worte habe er auch Ghazi Hamed gesagt: »Wir sind Feinde im Krieg und wir werden weiterkämpfen.« Gleichzeitig habe man eine funktionale Rolle gehabt: »Wir lösen im Moment das Verhandlungsproblem«, während beide Seiten weiterhin »erbitterte Feinde« seien.

Die Gespräche seien häufig von Rotems Zuhause aus geführt worden, oft bis spät in die Nacht. Er beschreibt sie als »sehr emotionale und komplexe Gespräche«.

Auch als sich die Lage innerhalb der Hamas veränderte und Yahya Sinwar getötet wurde, habe Rotem versucht, sich auf das zu konzentrieren, was vereinbart worden war. Es sei klar gewesen, dass die Frage seiner eigenen Sicherheit im Raum gestanden habe. Seine Antwort sei jedoch immer dieselbe gewesen: Man müsse bei dem bleiben, was man definieren könne. »Wir haben es von Anfang an definiert: Wir sind Feinde.«

Adi Rotem: »Wir lösen im Moment das Verhandlungsproblem, während wir weiterhin erbitterte Feinde sind.«

Die Idee, gerade Ghazi Hamed zu kontaktieren, stammte von Rotem selbst. »Ich habe verstanden, dass, wenn es eine Adresse gibt, dies die richtige Adresse ist.« Hamed sei bereits aus dem Deal mit dem Soldaten Gilad Shalit bekannt gewesen. Er sei hochrangig genug gewesen und habe Zugang zur gesamten Hamas-Führung gehabt. »Ich war nie naiv«, so Rotem. »Aber es gab etwas an ihm, das sagte, es ist möglich, mit ihm ein Gespräch zu führen.«

Rotem habe ausschließlich mit Hamed gesprochen. Er sei dabei allerdings nicht allein gewesen. Ein kleines, »hochwertiges« Team des Schin Bet sei eng in den Prozess eingebunden gewesen, ebenso ein größeres Verhandlungsteam.

Dass ausgerechnet in derselben Woche Berichte über einen anderen geheimen Kanal zu Hamed veröffentlicht wurden, bezeichnete Rotem in dem Gespräch mit Kanal 12 als »auffällig«. Der israelische Journalist Ben Caspit hatte berichtet, dass der Geschäftsmann Shlomi Fogel, ein enger Vertrauter von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, bereits 2014 einen geheimen Kanal zur Hamas unterhalten habe. Rotem sei auch sehr überrascht gewesen, dass seine Gespräche plötzlich veröffentlicht wurden.

Verborgene Motive für eine politische Agenda

Doch ihm sei klar, dass es »verborgene Motive« geben könne, die einer bestimmten politischen Agenda dienten. Er selbst habe die Angelegenheit jedoch »sehr funktional, professionell und sachlich« betrachtet. So sei er während seiner gesamten Laufbahn vorgegangen, so habe er es auch im Verhandlungsteam versucht. Er wolle sich nicht in Bereiche hineinziehen lassen, »von denen einige wirklich sehr schmutzig sind«.

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Am Ende hält Rotem den direkten Kontakt zu Hamas für die richtige Entscheidung. »Nur weil man mit dem Feind spricht, bedeutet das nicht, dass man ihm Legitimität gibt oder einen Deal mit ihm macht«, resümierte Rotem. »Du wirst mit Terroristen verhandeln, du wirst mit ihnen sprechen müssen – mit dem Feind – wenn es darum geht, einen Menschen zu retten.«

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