Analyse

Ankaras Machtspiele

Zunehmend scharfe Rhetorik aus der Türkei: Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei einer Rede in Ankara Anfang Dezember Foto: picture alliance / Anadolu

Vormals Platzhirsch am Ben-Gurion-Airport mit bis zu 16 Flügen am Tag allein auf der Strecke Tel Aviv – Istanbul, hebt heute dagegen kein einziger Turkish-Airlines-Flieger mehr in Israel ab. Unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 stellte die teilstaatliche Luftfahrtgesellschaft alle Flüge dorthin ein. Ihre Start- und Landerechte, die sogenannten Slots, gab sie dann im April 2025 ganz offiziell auf, ein deutliches Indiz dafür, dass der Abschied von Dauer sein soll, und zwar aus politischen Gründen. Er ist zugleich ein Spiegelbild der israelisch-türkischen Beziehungen.

Dabei waren beide Länder einmal enge Verbündete. Als erstes muslimisches Land erkannte die Türkei den Staat Israel bereits 1949 an. Um die Jahrtausendwende pflegte man auf vielen Ebenen eine strategische Partnerschaft. Ankara erwarb gern Waffen »Made in Israel«, und die israelische Luftwaffe durfte den Luftraum über der Türkei für ihre Manöver nutzen.

Führenden Hamas-Mitgliedern wird der rote Teppich ausgerollt

Ankaras Parteinahme zugunsten der Palästinenser seit 2009 führte zu einer Wende. Heute ist das Verhältnis denkbar schlecht. Mit Verweis auf den Krieg im Gazastreifen untersagte im Mai 2024 Präsident Recep Tayyip Erdoğan jeglichen Handel mit Israel und sperrte im August 2025 die türkischen Häfen für israelische Schiffe. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern, das 2023 noch 6,8 Milliarden Dollar betrug, schrumpfte 2024 auf knapp 1,6 Milliarden Dollar. Spürbar wurde das für Israels Konsumenten: Unter anderem kamen Autos der Marke Hyundai zuvor aus einem Werk in der Türkei. Nun mussten sie aus dem fernen Südkorea importiert werden, was sie schlagartig mindestens 1000 Dollar teurer machte.

Auch die Rhetorik wurde zunehmend schärfer. So erklärte Erdoğan zum Ende des diesjährigen Ramadan: »Wenn nur Allah das zionistische Israel vernichten würde.« Zugleich ist die Türkei neben Katar zum wichtigsten Rückzugsort für die Hamas geworden. Führenden Mitgliedern des Politbüros wie Khaled Mashal wird in Ankara gern der rote Teppich ausgerollt.

Aber noch etwas beunruhigt Israel. Die Machtübernahme des von Erdoğan protegierten ehemaligen Rebellenanführers Ahmed al-Scharaa in Damaskus vergrößerte schlagartig den türkischen Einfluss in Syrien. Zugleich kündigt Ankara an, Friedenstruppen in den Gazastreifen entsenden zu wollen.

»Erstmals seit Ende des Osmanischen Reiches strebt die Türkei eine regionale Dominanz an.«

Shay Gal, Sicherheitsanalyst

Aus israelischer Perspektive rückt damit ein Land gleich an zwei Fronten beängstigend nahe, das vor allem durch Feindseligkeiten aufgefallen ist. Manche sprechen schon von der Türkei als dem »neuen Iran«, beispielsweise Amichai Chikli, Minister für Diaspora-Angelegenheiten. Sicherheitsanalyst Shay Gal verweist in »Israel Hayom« zudem auf die nuklearen und außenpolitischen Ambitionen Ankaras: »Erstmals seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches strebt die Türkei ganz offen eine regionale Dominanz an.« All das könnte für Israel zu einem Problem werden.

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»Meiner Ansicht nach klingt es etwas übertrieben, die Türkei als den ›neuen Iran‹ zu bezeichnen«, lautet dazu die Einschätzung von Rémi Daniel, Türkeiexperte beim Institute for National Security Studies (INSS) an der Universität Tel Aviv, gegenüber dieser Zeitung. Dabei sieht auch er sehr wohl die neo-osmanischen Tendenzen in der türkischen Außenpolitik, die zu einer Kollision mit Israels Interessen führen könnten. »Aber trotz der oft aufgeheizten Rhetorik aus Ankara bleibt es bei der Anerkennung des Staates Israel und der Unterstützung einer Zweistaatenlösung. Das sind Positionen, die sich grundlegend von denen des Iran unterscheiden, wo die Zerstörung Israels nach wie vor ein zentrales ideologisches und strategisches Ziel des Regimes ist.«

Weiterhin mehrere Kommunikationskanäle offen

Selbst in Zeiten eines wirtschaftlichen Boykotts sind die diplomatischen Beziehungen nie abgebrochen, auch wenn Israels Botschafterin Irit Lillian aus Ankara und ihr türkischer Kollege Sakir Özkan Torunlar aus Tel Aviv abberufen wurden. »Darüber hinaus bestehen zwischen Ankara und Jerusalem weiterhin mehrere Kommunikationskanäle, während dies beim Iran nicht der Fall ist«, so Daniel weiter. »Einige davon laufen über die jeweiligen Sicherheitsdienste, andere über Washington oder Baku. Deren Bedeutung hat sich in Syrien gezeigt, wo Israel und die Türkei trotz gelegentlich divergierender Interessen einen relativ stabilen Modus Vivendi etablieren konnten.«

Eine Präsenz der Türkei im Gazastreifen sieht der Analyst hingegen sehr kritisch, nicht zuletzt deshalb, weil Ankara im Unterschied zu anderen Ländern, die Friedenstruppen entsenden könnten, die Terrororganisation Hamas offen unterstützt. »Eine türkische Militärpräsenz würde kaum zu ihrer Entwaffnung beitragen. Ganz im Gegenteil, sie würde Israels Handlungsfreiheit massiv einschränken.«

Darüber hinaus sieht INSS-Analyst Daniel ein weiteres Problem für Israel, und das heißt Donald Trump. »Die herzliche persönliche Beziehung zwischen Trump und Erdoğan stärkt den türkischen Präsidenten trotz dessen offen feindseliger Haltung gegenüber Israel«, so Daniel. Sollte es wirklich zum Verkauf der F-35-Kampfjets an die Türkei kommen, wäre das eine signifikante Steigerung des militärischen Potenzials Ankaras – und für Israel eine klare Herausforderung für die Zukunft.

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