Nostalgie

Alte Sachen

Die alten Rollschuhe stehen auf dem Wohnzimmertisch, daneben eine Tonne voller Nähgarn, das Spielzeug liegt überall im Esszimmer verstreut, die Zahnpastatube im Flur. Was Ordnungsfanatikern den Verstand rauben würde, ist für Gil Fanto die perfekte Ordnung. Jedes Teil hat seinen Platz. Der Tel Aviver lebt in einem Museum – oder besser gesagt, hat aus seiner Wohnung eines gemacht. Alles hier ist »Made in Eretz Israel« von den 30er- bis zu den 70er-Jahren. Oder wie Jeckes sagen würden: »Alles alte Sachen«.

Vorbei an Blechschildern mit Werbung für Schmuck oder Schuhe, Kinderspielzeug und Büroutensilien aus den 50er-Jahren, geht es ins Wohnzimmer. »Dies ist kein Museum!«, macht Fanto gleich nach dem Eintreten klar und schmunzelt. »Ich würde es lieber als Lebensart bezeichnen. Ich umgebe mich in meinen Räumen mit Dekoration, die die Geschichte von Israel erzählt.«

BONBONS Zu erzählen gibt es eine Menge. Jedes Artefakt hat seine eigene Geschichte. So wie sein erstes Stück: eine Blechdose in den Farben Orange und Gelb, die er vor rund 25 Jahren zufällig auf dem Flohmarkt entdeckte. »Sukariot« steht in hebräischen Lettern darauf. Einst wurden darin die Bonbons der Firma »CE-DE« verkauft. »Ich sah sie und erinnerte mich plötzlich, dass ich bei meiner Großmutter im Kibbuz diese Dose sah, auf die Süßigkeiten hoffte und darin nur Zucker fand.« Fanto lacht: »Meine Safta hatte sie wiederverwertet.« Er kaufte die Dose zwar ohne Bonbons, »aber mit vielen schönen Erinnerungen«.

In den folgenden Jahren erstand er einen blechernen Behälter nach dem anderen. »Ich hatte nur eine Vorgabe: Die Aufschrift musste auf Hebräisch sein.« Einer der Flohmarktverkäufer, die er häufig besuchte, prophezeite Fanto, dass es bald nicht mehr bei Dosen bleiben würde. »Und er sollte recht behalten. Das Spektrum dehnte sich immer weiter aus.«

Nach einem Vierteljahrhundert des Sammelns ist sein Sortiment entsprechend groß. Es gibt Dinge des täglichen Gebrauchs aus dem Supermarkt, zum Beispiel die kleine runde Dose der einst beliebten Lieber-Bonbons, die alten Blechdosen von Elite oder die Reinigungsmittel der Firma Yizhar. Daneben schwere Bürogeräte, Küchen­utensilien, Kinderspielzeug, Taschen und Kleidung. Alles hat Jahrzehnte auf dem Buckel, doch verstaubt ist es hier nicht. Die 100 Jahre alte Wohnung in der Schivtei-Israel-Straße in Jaffa ist lichtdurchflutet und picobello sauber.

JECKES An der Wand in der Küche hängt eine gerahmte Ankündigung für Veranstaltungen vom 23. bis 29. November 1935. Von den Werbungen rundherum sind einige auf Deutsch geschrieben. »Ein reichhaltiges Lager in Parfums, Eau de Cologne und Geschenkartikeln«, bietet die Wolf-Parfümerie. »Das war für die Jeckes auf der Ben-Yehuda-Straße«, weiß der Kenner.

Ein offizielles Museum ist es nicht, aber Gil Fanto lädt gern Fremde ein.

Obwohl es seine eigenen vier Wände sind, lädt Fanto gern Fremde in seine museale Privatwohnung ein. Entweder zu Familienfesten wie runden Geburtstagen und Firmenveranstaltungen, bei denen er den Entertainer mit Geschichten rund um die Produkte gibt. Gern im originalen Arbeiterhemd von ATA, was für »Arigei tozeret arzeinu« steht – »Stoffe, die in unserem Land gemacht sind«. Oder die Gäste kommen als Abschluss seiner Führungen durch den Flohmarkt von Jaffa her. »Erst schauen wir uns den Schuk Hapischpeschim an, und dann gehen wir zu mir. Es ist immer ein großer Wow-Effekt für die Teilnehmer und so, als würden sie von dem Israel heute zurück in das Israel von gestern schreiten.«

KINDHEIT Es sind auch Touristen aus allen möglichen Ländern dabei, doch die größte Wirkung haben die Dinge auf Israelis. »Bei vielen kommen Kindheitserinnerungen hoch, wenn sie sich die Sachen anschauen, das ist ganz wunderbar.«

Erst vor sechs Jahren öffnete er seine Wohnung für Besucher. Die müssen sich privat anmelden, geregelte Öffnungszeiten gibt es nicht. Dennoch hat er sich in der Sammlerszene einen Namen gemacht. Oft schicken ihm Israelis private Andenken aus der Vergangenheit. Vor einer Weile kam eine Baby-Spielhose aus den 50er-Jahren in einem Päckchen an, an diesem Morgen eine alte Bonbondose. Seine außerordentliche Ausstellung in ein öffentliches Museum umzuwandeln, plant er nicht. Das sei einfach zu viel Bürokratie. »Ich sammle, weil ich diese Sachen wirklich mag. Sie gefallen mir und machen mich glücklich. Mehr will ich gar nicht.«

Die meisten Artefakte stammen aus Haushaltsauflösungen von Privatleuten. »Heute ist es schwierig geworden, Sachen zu finden, weil die Menschen, die sie noch benutzten und sie in ihren Wohnungen oder Büros hatten, allmählich sterben.« Dennoch sucht er weiter.

Jeden Tag beginnt er mit einem morgendlichen Gang über den Flohmarkt. Dahin fährt er nicht mit dem Auto oder dem Bus, sondern steigt auf sein Fahrrad der Marke H.O.C. Das ist ziemlich rostig und bleischwer. Aber dafür original israelisch und original aus den 50er-Jahren. Und damit genau das richtige Liebhaberstück für Gil Fanto.

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  18.04.2026

Kommentar

Hätte er doch einfach geschwiegen

Michael Schulte ist der erfolgreichste deutsche Teilnehmer des ESC der letzten Jahre. Und Schulte ist ein geschichtsbewusster Künstler. Umso befremdlicher sind seine Einlassungen zu Israel

von Daniel Killy  18.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der ab dem 1. Mai von Deutschland aus arbeitet

 17.04.2026

Herzliya

Studie: Mit diesen Methoden mehr Erfolg auf Dating-Apps

Eine wichtige Erkenntnis der Untersuchung: Es kommt weniger darauf an, was man über sich preisgibt, als wie man es tut

 17.04.2026

Umfrage

Waffenruhen mit Iran und Hisbollah: Israelis pessimistisch

Weniger als 40 Prozent sagen, sie hätten die erfolgten Militäreinsätze unterstützt, wenn ihnen die Entwicklungen im Voraus bekannt gewesen wären

 17.04.2026

Studie aus Israel

KI treibt Arbeitslosigkeit bei Programmierern und Verkäufern nach oben

Bei Programmierern gehen zwischen 12 und 20 Prozent des jüngsten Anstiegs der Erwerbslosigkeit auf den Einsatz künstlicher Intelligenz zurück

 17.04.2026

Bildung im Krieg

Israel lockert Abiturprüfungen wegen Kriegslage – Sonderregeln für den Norden

Die Maßnahmen schließen eine »flexiblere Berechnung« von schulischen Leistungen mit ein

 17.04.2026

Nahost

Details zur Waffenruhe zwischen Israel und Libanon veröffentlicht

Ein Sechs-Punkte-Plan soll zunächst zehn Tage lang für Ruhe sorgen. Die Einzelheiten

von Imanuel Marcus  17.04.2026