München

Judenhass im Linienbus

Wegschauen, weghören, nichts mitbekommen wollen: Trotz lautstarker antisemitischer Hetze schritten die rund 40 Fahrgäste nicht ein. Foto: imago

Von Menschen wie Ihnen lebt unsere Demokratie, unser friedliches und respektvolles Miteinander, unser Gemeinwesen. Danke!» Der Dank von IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch kommt aus tiefstem Herzen und richtet sich an eine 38-jährige Münchnerin und ihren Lebensgefährten. Die beiden haben zwar keine Heldentat vollbracht, aber sie haben Zivilcourage bewiesen – während alle anderen schwiegen.

Den Angaben der Münchner Polizei zufolge ist gegen sechs Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 33 Jahren ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung und Beleidigung eingeleitet worden. Grund dafür sind antisemitische Hassparolen, die sie Mitte Mai in einem Linienbus vom Hauptbahnhof in Richtung Pasing grölten. Alle etwa 40 Fahrgäste konnten die Schreihälse hören.

zivilcourage Eine beherzte Münchnerin wollte sich das nicht gefallen lassen und forderte die Hetzer auf, damit aufzuhören. Danach wurde auch sie mit antisemitischen Kommentaren lautstark überzogen und bedrängt. Eine gänzliche Eskalation konnte schließlich nur noch der Lebensgefährte der Frau verhindern, der sich der pöbelnden Gruppe entgegenstellte. Während alle anderen Fahrgäste die Szenen teilnahmslos beobachteten, reagierte auch der Busfahrer sehr überlegt. Als er den Bus an der Donnersbergerbrücke zum Stehen brachte, wartete bereits die Polizei.

Der schleichende Prozess, durch den sich Antisemitismus von den ultrarechten Rändern langsam in die Mitte der Gesellschaft vorgearbeitet hat, wurde innerhalb der jüdischen Gemeinde schon oft thematisiert, gerade in den letzten Jahren. Und auch der damit einhergehende Wunsch an Politik und Gesellschaft, Antisemitismus in all seinen Varianten aufmerksamer zu beobachten, zu erkennen, zu benennen und zu ächten, ist nicht neu.

Wie dringend notwendig diese Forderung ist, beweist nach Ansicht von Charlotte Knobloch auch der Vorfall im Bus, der die bedenkliche gesellschaftliche Entwicklung in Sachen Judenhass dokumentiert. «Antisemitismus», erklärt sie, «ist in Deutschland wieder zu einem massiven Problem geworden und äußert sich lauter, aggressiver, ungenierter, offener und immer öfter. Antisemitismus kommt von rechts, von links, von Neonazis, von Muslimen, von vermeintlichen Antifaschisten, von akademischen Schreibtischen.»

Antisemitismus Das Verhalten von Juden selbst spielt dabei nach Überzeugung der IKG-Präsidentin überhaupt keine Rolle: «Egal wie sich Juden verhalten, ob sie sich anpassen, verstecken, ob sie das eine tun, oder das genaue Gegenteil: Das Phänomen Antisemitismus funktioniert immer.»

Noch sorgenvoller als die dumpfen Hassparolen der Herumgröler im Bus betrachtet Charlotte Knobloch das Verhalten der übrigen Fahrgäste, die keine Reaktion zeigten. «Wegschauen, nichts mitbekommen: Das hatten wir schon einmal», erklärt die IKG-Präsidentin. Umso mehr Respekt gebührt nach ihrer Ansicht der mutigen Frau und ihrem Partner. «Sie haben nicht weggehört und weggesehen, sie haben das Inakzeptable nicht hingenommen, sie haben einfach Zivilcourage gezeigt», betont Charlotte Knobloch.

Pure Ignoranz wird nach den Feststellungen einer Experten-Kommission, die im Auftrag der Bundesregierung tätig war und den Status quo des Antisemitismus in der Gesellschaft untersuchte, durch einen noch tiefer gehenden Aspekt ergänzt. «Ein großes Problem ist die fehlende Einsicht in der Bevölkerung, dass Antisemitismus überhaupt ein aktuelles Problem ist», ist der Koordinator der Kommission, Patrick Siegele, überzeugt.

Forderung Zu den Maßnahmen, mit denen die Experten glauben, dem Problem des stärker werdenden Antisemitismus besser begegnen zu können, gehört auch die Ernennung eines Antisemitismusbeauftragten durch die Bundesregierung. Diese Forderung hatte Charlotte Knobloch Anfang Mai erhoben, ebenso Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden. Ein solcher Beauftragter, der die Entwicklung ständig im Blick behält, die Verantwortung für politische Initiativen hat und Ansprechpartner ist, sei dringend notwendig.

Der Anstieg der Judenfeindlichkeit schlägt sich auch in den Statistiken nieder. 176 Straftaten wurden im vergangenen Jahr etwa in Bayern registriert, das sind 33 Prozent mehr als im Vorjahr. Trotzdem spiegeln diese Zahlen nach Erkenntnis der Experten-Kommission nicht die Wirklichkeit wider.

Judenfeindliche Straftaten müssten nach Ansicht des Antisemitismusexperten Siegele von den Behörden konsequenter erfasst werden. Zudem sei die Dunkelziffer sehr hoch, da nicht alle Delikte angezeigt würden. Siegeles ernüchternde Feststellung hört sich so an: «Es fehlt ein schlüssiges Gesamtkonzept zur Bekämpfung des Antisemitismus.»

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