Tagung

Die zwei Seiten des Internets

Höchstes Lob aus berufenem Munde durfte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch beim Besuch von Rabbiner Pinchas Goldschmidt im Gemeindezentrum am Jakobsplatz entgegennehmen. Der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz bezeichnete die jüdische Gemeinde in München als eine der größten und wichtigsten Gemeinden der Welt, das Gemeindezentrum als Juwel – und die Präsidentin als »Vorbild für Leadership«.

Pinchas Goldschmidts Worte haben Gewicht. Er ist Oberrabbiner von Moskau, Rabbiner der Choral-Synagoge, Vorsitzender des Rabbinatsgerichts sowohl der Russischen Föderation als auch der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, Vorstandsmitglied des Russischen Jüdischen Kongresses und seit 2011 auch Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER).

Er ist auch derjenige, der sich vor internationalen Einrichtungen wie etwa dem Europäischen Parlament, der Knesset oder der Antisemitismus-Konferenz der OSZE zu aktuellen Themen äußert, zumeist zum Zustand der jüdischen Gemeinde und den Bedrohungen durch Antisemitismus. Ein Anwachsen der Judenfeindlichkeit, sagte er bei seinem Besuch in München, sei überall erkennbar.

innovativ Anlass für seinen Besuch in München war die »Digital Life Design« (DLD), eine internationale Konferenz- und Innovationsplattform, die von dem Verleger Hubert Burda, einem engen Freund der jüdischen Gemeinde Münchens, ins Leben gerufen wurde und heute neben der Pariser Tagung »LeWeb« als wichtigste europäische Konferenz für Investoren und Internetunternehmen gilt. Die Bedeutung der Veranstaltung, die immer zu Beginn des Jahres stattfindet, ist auch an der Liste der prominenten Teilnehmer zu erkennen. Selbst Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, eine der wichtigsten Figuren in der digitalen Welt, fand aus diesem Anlass schon den Weg in die bayerische Landeshauptstadt.

Die digitale Welt hat längst auch Pinchas Goldschmidt und die CER, der rund 400 Rabbiner aus ganz Europa angehören, erreicht. Vor fünf Jahren beschlossen die Rabbiner, einen Entrepreneur-Preis für innovative Internet-Start-ups zu verleihen. Die neuen Preisträger, die aus rund 300 Bewerbern aus der ganzen Welt ausgewählt wurden und nicht unbedingt jüdisch sein müssen, stellte Goldschmidt auf der DLD-Konferenz in München vor. Der mit 26.000 Euro dotierte erste Preis ging an Erich Lehmann (Deutschland), der eine virtuelle Plattform für Lehrer, Studenten und Schüler entwickelte. Der zweite Preis ging an Olga Fler (Russland), die das Internet für wohltätige Zwecke nutzt, der dritte an Hanan Lipskin (Israel/Ukraine), dessen Projekt Kinder vor virtuellen Übergriffen schützt. Beide erhielten für ihre Innovationen einen Preis von jeweils 18.000 Euro.

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, die sich die jährliche Veranstaltung im Zeichen des Internets nie entgehen lässt, war vor allem von der Rede Goldschmidts beeindruckt, in der er auf die Ambivalenz des Internets und der sozialen Medien einging. Wie viele andere Schöpfungen, so Pinchas Goldschmidt, könne das Internet Frieden, Gesundheit, Freiheit und Wohlstand fördern. Es könne aber auch als Werkzeug für Hass, Verbreiten von Lügen und letztendlich als Mittel für die Zerstörung der Menschheit missbraucht werden.

religion »Ich glaube, dass alle, die das Internet nutzen, sich der Frage stellen sollten, ob die Welt besser wird oder nicht«, erklärte der CER-Vorsitzende und zog eine Verbindung zur Religion. Die Reflexion über die Art und Weise, wie das Internet von jedem Einzelnen genutzt werde, ist nach seiner Überzeugung auch eine zentrale Idee des Glaubens.

»Rabbiner Pinchas Goldschmidt hat die Gegensätze, die zwei Seiten des Internets, den Nutzen und die Gefahren, die daraus resultieren, sehr treffend beschrieben«, gab Charlotte Knobloch ihren Eindruck wieder. Auch ihr sei klar, dass an den sozialen Medien, über die mittlerweile nahezu die gesamte Kommunikation geführt werde, kein Weg vorbeiführe.

»Man muss aber zur Kenntnis nehmen, dass das Internet und die Sozialen Medien nicht nur das bevorzugte Kommunikationsmedium von vielen Menschen sind, sondern zum Beispiel auch eine Plattform für die Anwerbung von IS-Terroristen«, erklärte die IKG-Präsidentin. In ähnlicher Weise hatte sich auch Oberrabbiner Goldschmidt in seiner Rede geäußert.

Unterschiede Die gegen Juden gerichteten Hassbotschaften, die unbeschreibliche Auswüchse angenommen haben, der im Internet verbreitete Antisemitismus, Nationalismus und Rassismus spielten beim Besuch von Pinchas Goldschmidt im IKG-Gemeindezentrum nur eine marginale Rolle. Er erinnerte sich noch an seinen letzten Besuch in München vor mehr als 15 Jahren, als der Sitz der IKG noch in der Reichenbachstraße war.

»Damals«, so Goldschmidt, »hat man deutlich gesehen und gemerkt, dass man sich in einem Post-Schoa-Status befindet. Davon ist mit dem neuen Gemeindezentrum im Zentrum der Stadt, einem Werk von Charlotte Knobloch, nichts mehr geblieben. Der Unterschied ist krass.«

Als Zeichen der Anerkennung für ihr Engagement überreichte Goldschmidt der IKG-Präsidentin einen Seder-Teller, ein Zeichen für Freiheit und Frieden. »Dieser Teller«, freute sich Knobloch, »steht für Ordnung und für Regeln. Die Sederabende erinnern an Vergangenheit und Zukunft und symbolisieren die Werte der Religion, die Grundwerte des Judentums.«

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