Lesung

Das laute Schweigen

Lorenz S. Beckhardt Foto: Marina Maisel

Im Stadtmuseum war im vergangenen Jahr die filigrane Handwerkskunst der Silberschmiede Wetzlar zu bewundern. Aber es gab auch eine Schattenseite, die in der viel beachteten Ausstellung dokumentiert wurde: die sogenannte Arisierung des renommierten Münchner Familienunternehmens durch die Nazis.

Gegenüber dem Stadtmuseum, auf der anderen Seite des Jakobsplatzes, befindet sich das Gemeindezentrum der IKG. Dort wurde von dem Autor Lorenz S. Beckhardt (Der Jude mit dem Hakenkreuz) in der vergangenen Woche die bekannte Unsäglichkeit der Arisierung um ein Kapitel ergänzt, das bei der Aufarbeitung der Geschichte oft untergeht. Die Folgen der staatlich betriebenen Enteignung der Juden wirkten nach dem Krieg nämlich noch lange und weit in die neue Bundesrepublik hinein.

geheimnis Beckhardt, der 1961 zu Zeiten des Wirtschaftswunders in Deutschland zur Welt kam, hat sich jahrelang intensiv mit der Geschichte seiner deutsch-jüdischen Familie, vor allem mit der Rolle seines Großvaters Fritz, auseinandergesetzt. Anstoß für seine Nachforschungen und die damit zusammenhängende eigene Selbstfindung löste die Erkenntnis aus, dass er selbst Jude ist. Das erfuhr er allerdings erst im Alter von 18 Jahren. Bis dahin wurde in der Familie über ihr Judentum geschwiegen.

Bei der Vorstellung seines Buches im Gemeindezentrum sagte Beckhardt über seinen Großvater Fritz einen Satz, der frösteln lässt. »Die Nazis haben seine Kämpfernatur nicht brechen können. Das vermochte erst die Wiedergutmachungsbürokratie der frühen Bundesrepublik.« Wie so viele andere Juden, die in Deutschland lebten, war auch Fritz Beckhardt ein glühender Patriot, der für sein Heimatland in den Ersten Weltkrieg gezogen war.

Der gelernte Textilkaufmann war als Pilot im Kriegseinsatz, im gleichen Geschwader wie Hermann Göring. Mit höchsten Orden kehrte er aus dem Krieg zurück, doch das interessierte wenige Jahre später niemanden mehr. Fritz Beckhardt landete 1933 im KZ Buchenwald. Es kommt einem Wunder gleich, dass er nach einigen Monaten entlassen wurde und mit seiner Frau und den beiden Kindern nach England flüchten konnte.

armut Weil sein Herz trotz allem für Deutschland schlug, kehrte er 1950 in seine alte Heimat zurück. Ein Fehler? Jahrelang lebte die Familie in bitterer Armut und musste erleben, dass der Judenhass mit dem Ende des Nationalsozialismus noch lange nicht erloschen war.

Was ihm jedoch letztendlich das Herz brach, war der erniedrigende Kampf bei den Behörden des Nachkriegsdeutschlands um »Wiedergutmachung«. Verbittert, desillusioniert und entkräftet verstarb Fritz Beckhardt im Jahr 1962.

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