David Dushman

Außergewöhnlich

In einem Alter, in dem die meisten Menschen einen ruhigen Lebensabend verbringen, startete David Dushman noch einmal richtig durch. 22 Jahre ist es her, als München für ihn und seine inzwischen verstorbene Frau Zoja zur neuen Heimat wurde. Am 1. April hat Dushman nun seinen 95. Geburtstag gefeiert.

Bei der Geburtstagsfeier, die die Kultusgemeinde ihm zu Ehren ausgerichtet hatte, fiel das Wort »außergewöhnlich« besonders oft. Auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch verwendete es in ihrer sehr persönlich gehaltenen Rede mehrfach. Unter anderem sagte sie mit Blick auf das »Geburtstagskind«: »Sie sind eine außergewöhnliche Persönlichkeit, der in unserer Kultusgemeinde viel Zuneigung und große Wertschätzung entgegengebracht wird.«

Zu erkennen war die Wertschätzung des Jubilars zum Beispiel daran, dass neben der Präsidentin auch Vize-Präsident Ariel Kligman, IKG-Vorstandsmitglied Abi Pitum sowie weitere Vorstandsmitglieder zu der Feier gekommen waren. Die engen Verbindungen zur jüdischen Gemeinde und insbesondere zu Ariel Kligman, der als Integrationsbeauftragter der IKG mithalf, den Zustrom der sogenannten Kontingentflüchtlinge aus Russland in geordnete Bahnen zu lenken, lieferten für David Dushman die Basis für sein Leben in München. Er selbst engagiert sich im Vorstand des Veteranenvereins.

Schmerzen IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch sprach in ihrem Geburtstagsgruß die zwei völlig konträren Ebenen im Leben von David Dushman an. »Was Sie an physischen und seelischen Schmerzen erleiden mussten, aber auch, was Sie an Großartigem geleistet haben, und welche außergewöhnlichen Erfolge Sie feiern konnten – das reicht für drei Leben.« Es dürfte keinen geben, der das anders sieht. Die Biografie des aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Juden ist Zeitgeschichte pur, Stoff für Geschichtsbücher.

Einmal im Jahr, am 9. Mai, dem »Tag der Befreiung«, streift sich David Dushman für das Veteranentreffen ein Jackett über, das einen Hinweis auf seinen beeindruckenden Lebensweg liefert, zumindest auf einen Teil davon. Mehr als 40 Orden, nahezu alles an Auszeichnungen, was die Sowjetunion zu bieten hatte, überfluten die Vorderseite seines Jacketts. Auf eine nur selten vergebene Tapferkeitsmedaille ist er besonders stolz. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass er den Krieg überhaupt überlebt hat. Schwer verletzt und dem Tod nahe war er mehrfach.

David Dushman hat als Fahrer eines T-34-Panzers unzählige Gefechte bestritten und an den Schlachten in Stalingrad und Kursk teilgenommen. Zu einer Person der Zeitgeschichte wurde er aber durch das bloße Niederwalzen eines elektrisch geladenen Zauns. Er war es, der mit seinem Panzer das Konzentrationslager von Auschwitz im Januar 1945 befreite – es war der Anfang vom Ende des Massenmords. Heute, 73 Jahre später, ist David Dushman der letzte lebende Befreier von Auschwitz. Einen Orden dafür gab es nicht.

stalin Als der Soldat der Roten Armee mit seinem Panzer die Umzäunung plattwalzte, sah er halb und ganz verhungerte Menschen, Leichenberge, Hoffnungslosigkeit, unsägliches Leid. Was Auschwitz tatsächlich war, wusste er damals nicht. »Das habe ich erst nach dem Krieg erfahren«, sagt Dushman.
Ausgrenzung, Diffamierung, den gesellschaftlichen Absturz ins Bodenlose dagegen erlebte er bereits als Jugendlicher.

Sein Vater, ein Militärarzt im Generalsrang, Leiter des medizinischen Dienstes der Zentralsporthochschule in Moskau, fiel 1938 der stalinistischen Säuberungswelle zum Opfer und wurde in ein gefürchtetes Lager nördlich des Polarkreises gebracht. Er starb dort nach zehn Jahren, völlig ausgemergelt und entkräftet. Bei David Dushman löst das Schicksal seines Vaters bis heute tiefe Emotionen aus.

Seine Mitwirkung bei der Befreiung von Auschwitz taucht in seinen Foto­alben zwangsläufig nicht auf. Wer wäre in diesem Moment auch auf die Idee gekommen, eine Kamera in die Hand zu nehmen? Natürlich sind in den Alben viele Fotos seiner Eltern, von den Kindern, den Enkeln und ihren Familien zu finden – und von ihm selbst. Eines ist noch gar nicht so alt und zeigt ihn zusammen mit keinem Geringeren als Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Eine zufällige Begegnung? Davon kann keine Rede sein. Beide kennen sich seit vielen Jahren. Sport, speziell das Fechten, ist der gemeinsame Nenner. Der IOC-Präsident aus Mainfranken war in dieser Disziplin Olympiasieger, David Dushman als Trainer ein Idol. In einem Glückwunschschreiben zum 95. Geburtstag nannte Bach den Jubilar einen »Mann von Ehre«.

sport
Fast vier Jahrzehnte lang, von 1952 bis 1988, trainierte David Dushman die Frauen-Nationalmannschaft der Sowjetunion und bildete Spitzensportlerinnen der Superklasse aus. Seine »Kinder«, wie er sie nannte, heimsten Weltmeistertitel ein und standen bei einem halben Dutzend Olympischer Spiele im Medaillen-Regen.

1972, bei den Olympischen Spielen in München, wurde ihm angesichts des blutigen Attentats auf israelische Sportler aber sein jüdischer Hintergrund besonders bewusst. »Wir hörten die Schüsse und das Brummen der Hubschrauber über uns. Wir wohnten genau gegenüber der israelischen Mannschaft. Wir und alle anderen Sportler waren entsetzt«, wirft er einen schmerzlichen Blick zurück.

David Dushman nimmt noch heute im hohen Alter den Degen in die Hand und trainiert regelmäßig. Das kunstvolle Hantieren mit der Klinge hat ihn nie losgelassen, auch nicht, als 1988 seine Amtszeit als Trainer der Nationalmannschaft endete. Nach Öffnung der Ostblockgrenzen zog es ihn als Trainer zunächst nach Österreich, ehe er mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Zoja in München-Neuperlach landete. Ressentiments gegenüber den Deutschen kennt David Dushman nicht: »Wir haben nicht gegen Deutsche gekämpft, sondern gegen den Faschismus.«

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