Rezension

Allianz mit den Nazis

Der Historiker und Autor Gerald D. Feldman Foto: ullstein bild - Sabine Simon

Rezension

Allianz mit den Nazis

Der Historiker Gerald D. Feldman hat die Rolle des Versicherungskonzerns zwischen 1933 und 1945 untersucht

von Helmut Reister  21.08.2018 09:30 Uhr

Keine leichte Kost ist das mehr als 700 Seiten starke Buch Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft 1933–1945 über die Geschichte des Münchener Konzerns in der Zeit des Nationalsozialismus, das im C.H.-Beck-Verlag neu aufgelegt wurde. Der inzwischen verstorbene Historiker Gerald D. Feldman, der sich im Auftrag des Unternehmens auf Spurensuche begab, untersucht darin die Beziehungen zwischen dem größten Versicherungskonzern Deutschlands und dem NS-Staat.

Ein besonderes Verdienst hat sich der amerikanische Historiker mit seinen engen Verbindungen zu München durch ein hohes Maß an Akribie und Forschergeist erworben. Da erhebliche Teile des Allianz-Archivs bei Luftangriffen der Alliierten zerstört wurden, musste Feldman auf eine Vielzahl anderer Quellen zurückgreifen, um die Geschichte des Unternehmens puzzleartig zusammensetzen zu können – eine wissenschaftliche Sisyphosarbeit.

Pogromnacht Zwei Kapitel des Buches beschäftigen sich sehr detailliert mit dem Umgang der Allianz mit jüdischen Mitarbeitern und Kunden sowie der Abwicklung von »Versicherungsschäden« in der Pogromnacht am 9. November 1938.

Die Vorgehensweise erschließt sich aus einem internen Schreiben der Wirtschaftsgruppe Privatversicherungen, das bereits zwei Tage später versandt wurde und in dem die Mitglieder aufgefordert wurden, die Schäden aus den »antijüdischen Demonstrationen« lediglich aufzunehmen und keinerlei Schadensbegleichung in Aussicht zu stellen.

Buchautor Feldman schildert darüber hinaus eine Sitzung im Reichsluftfahrtministerium, während der mehrere Gesetze zur Schadensabwicklung der Pogrome erlassen wurden. Der wesentliche Kern der Gesetze: Entschädigungsansprüche von Juden sollten an das Deutsche Reich abgetreten, entsprechende Zahlungen direkt an die Finanzämter geleistet und mit der »Sühneabgabe« der Juden verrechnet werden.

Wirtschaftsminister In München, der »Hauptstadt der Bewegung«, waren die Juden besonders schwer betroffen – und die Verflechtungen der örtlichen Unternehmen mit dem NS-Regime besonders eng. Die Allianz als bedeutendster Versicherungskonzern machte dabei keine Ausnahme. Feldman beschreibt in seinem Buch beispielsweise die privaten Kontakte, die der damalige Allianz-Chef Kurt Schmitt bereits vor der Machtübernahme zu Hitler und Göring hatte. Danach avancierte Schmitt zum Wirtschaftsminister in Hitlers Kabinett.

Diese erste umfassende Darstellung zur Geschichte der Allianz, die die Jahre 1933 bis 1945 umfasst, hat der Versicherungskonzern ohne jegliche Vorgaben selbst in Auftrag gegeben. Anlass waren unter anderem in den USA anhängige Sammelklagen in Zusammenhang mit Entschädigungsansprüchen aus der NS-Zeit und die kontrovers diskutierte Politik der Wiedergutmachung in der Bundesrepublik.

Entstanden ist ein wichtiger Beitrag zur Unternehmensgeschichte der Allianz und ein Stück Zeitgeschichte, das jetzt in einer neuen Auflage erscheint.

Gerald D. Feldman: »Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft 1933–1945«. C.H. Beck, München 2001

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