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Zum Wissen konvertiert

Muslimische und nicht muslimische Kritiker des Islam sind umstritten. Manch einer grenzt sie sogar als »Hassprediger« aus, obwohl sie die Werte des Westens verteidigen

18.02.2010 – von Caroline FetscherCaroline Fetscher

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Sie sollten sich zwei Bonbons vorstellen, forderte eine Islamlehrerin ihre kleinen Berliner Schülerinnen auf. Eines der beiden sei ausgewickelt, angelutscht, klebrig und dreckig. Das andere aber schön eingewickelt, rein, unbenutzt und frisch: Welches würde man wohl lieber haben? Ja, so verhalte es sich auch mit der Verhüllung von Mädchen und Frauen, die auf ihre Reinheit achten. Über dieses Beispiel für subtile Suggestion und Manipulation berichtete die SPD-Abgeordnete Lale Akgün auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin 2006.

Religiöse Vorstellungen von der Reinheit des Leibes, insbesondere des weiblichen, Dogmen und Tabus in Bezug auf den Körper, die Sexualität und den sozialen Spielraum von Gruppen und Individuen finden sich in allen Religionen, die einen patriarchalischen Vatergott ins Zentrum ihres Glaubenssystems rücken. Das gilt auch und gerade für Judentum, Christentum und Islam. Dabei kommt es allerdings auch auf den Charakter des Vaters an. Ist er eher strafend und kontrollierend oder barmherzig? Lässt er mit sich reden oder beharrt er auf seinen Anordnungen?

Gefolgschaft Kurz, sicherlich auch verkürzt, skizziert, sieht es so aus: Dem Christentum schickte sein ursprünglich tyrannischer, alttestamentarischer Gott mit Je- sus einen revolutionären, jüdischen Frühaufklärer ins Haus, der das radikale Element der Feindesliebe und des Verzeihens ins Spiel brachte. Das Judentum kannte von jeher einen diskursiv gestimmten Gott, der Debatten zulässt und Gelehrten wie Gläubigen sogar Raum für Humor bietet. Der Gott des Islam dagegen diktierte, so die Überlieferung, dem Propheten den Koran, an dessen Buchstaben sich angeblich nicht deuteln lässt. Ewig und fixiert stehen sie da, verlangen Gefolgschaft – ein Prinzip, das psychische Sicherheit verschaffen kann, gedankliche Beweglichkeit aber kaum zulässt.

Inzwischen fordern jedoch mutige Muslime in aller Welt Reformen in ihren Gesellschaften. Sie verlangen, wie die deutsch-türkische Anwältin Seyran Ates, »eine sexu- elle Revolution des Islam«. Sie warnen, wie die ebenfalls deutsch-türkische Autorin Necla Kelek, vor einem »Multikulti-Irrtum«. In Berlin veröffentlichte die Sozialarbeiterin Güner Yasemin Balci ein Buch über Alltagsgewalt im Kreuzberger Kiez. Der in München lehrende ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad fand den Mut, über die Torturen seiner Kindheit, über sexuellen Missbrauch und Schläge zu schreiben. Mit der Zeit sei er »zum Wissen konvertiert«. All diese Kritiker sind nicht allein, mancherorts sind große Teile der Bevölkerung in Aufruhr, zum Beispiel im Iran, wo Hunderttausende gegen das Regime der Mullahs protestieren. Oder in Marokko und Jordanien. Dort werden nach und nach die Rechte der Frauen gestärkt.

Hardliner Doch es gibt auch einen anderen Trend auf der heterogenen Landkarte der Globalisierung. Weltweit erhalten fundamentalistische Neo-Traditionalisten Zulauf, deren Feinde die »Ungläubigen«, die »Juden«, »Amerika« oder »der Westen« heißen. Freiheit wünschen sie zur Hölle. Und auf Schulhöfen in Brennpunkt-Stadtteilen hierzulande prügeln sich türkisch- und arabisch- stämmige Kinder darum, wer von ihnen der »bessere« Muslim sei. »Dabei haben diese Kinder überhaupt keine Ahnung von Religion«, seufzen strapazierte Erzieher. Verbohrt wie auf dem Schulhof geht es mitunter in der aktuellen Debatte um »Islamophobie«, Antisemitismus und Antiislamismus zu, wenn Ressentiment statt gesellschaftlicher Sorge zum Movens der Kombattanten wird. Vor allem jene muslimischen und ex-muslimischen Frauen und Männer, die ihre eigenen Communities wie auch die Mehrheitsgesellschaft dazu auffordern, von der Verfassung und der säkularen Demokratie garantierte Rechte unter Muslimen durchzusetzen, werden besonders argwöhnisch betrachtet und gleich von zwei ideologischen Fronten attackiert. Ihnen setzen auf der einen Seite die Hardliner oder »Beleidigten« aus der Herkunftsgruppe zu, die sie als Verräter beschimpfen und sogar physisch bedrohen.


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