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9. November

Zum Erinnern motivieren

Die Gedenkstunde zum 9. November findet in Göttingen am Platz der Synagoge statt. Heute steht an der Stelle des Gotteshauses ein Mahnmal. Foto: picture alliance / Zoonar

9. November

Zum Erinnern motivieren

Wie die Gemeinden mit Kommunen, Kirchen und Nachbarn an die Pogromnacht erinnern

von Matthias Messmer  07.11.2024 10:01 Uhr

Den 9. November hat Max Privorozki immer in seinem Kalender markiert. »Jedes Jahr halte ich eine Gedenkrede«, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle. Der 9. November 1938 war in seinen Augen nicht einfach ein organisiertes landesweites Pogrom, sondern eine der »wichtigsten Steigerungen in der Vorbereitung und Durchführung des Holocaust, also auf dem Weg von der Machtübernahme im Jahre 1933 bis nach Auschwitz und zur Wannsee-Konferenz 1942«.

Deswegen gelte auch heute aktuell: »Judenhass und gewaltbereiter Antisemitismus erscheinen nicht in Form eines einmaligen Aktes (wie am 9. November 1938 oder 7. Oktober 2023), sondern sind mehrstufige Prozesse.« Zudem meint der Gemeindechef: »Wir wissen nicht, wie es weitergeht: Daher ist die Geschichte des Holocaust aktueller, als man denkt.«

Auf die Fassade des Turmes werden Fotos von halleschen Jüdinnen und Juden projiziert

So gedenkt die Stadt Halle nun in einer Veranstaltung auf dem Marktplatz am Samstag um 19 Uhr der Opfer der Novemberpogrome von 1938. Auf die Fassade des Turmes werden Fotos von halleschen Jüdinnen und Juden projiziert, die während der Schoa ermordet wurden oder emigrieren mussten.

Da der 9. November auf Schabbat fällt, findet die Gedenkveranstaltung in Magdeburg bereits einen Tag früher statt. Das Andenken an die Pogromnacht, in der unter anderem die Synagoge sowie zahlreiche jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört wurden, ist Teil der »Tage der jüdischen Kultur und Geschichte«. Organisiert wird diese sechswöchige Veranstaltung vom »Forum Gestaltung«, die Gedenkveranstaltung selbst steht unter der Schirmherrschaft der evangelischen Kirche in Kooperation mit der Landeshauptstadt.

Vor dem 9. November werden die Stolpersteine von Kadetten der Marineschule geputzt.

»Bei uns in Magdeburg hat es sich eingebürgert, dass die ›Täter‹ diesen Anlass organisieren und nicht die jüdischen Gemeinden«, erklärt Maria Schubert, Assistentin des Vorstands der Synagogengemeinde. Selbstverständlich werden die beiden jüdischen Gemeinden der Stadt in die Planung und Organisation miteinbezogen, wobei sie sich jährlich beim Entzünden der Menora und bei der geistlichen Begleitung abwechseln. Dieses Jahr fällt die Aufgabe der liberalen Gemeinde zu. Im Anschluss an die Andacht werden am Mahnmal der zerstörten Synagoge Kränze niedergelegt und ein Segen gesprochen.

Die Jüdische Gemeinde Flensburg hält ihre Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof ab, dort, wo 2013 ein Gedenkstein für die Opfer der Schoa errichtet wurde. Neben Reden von Vertretern politischer, kirchlicher und kultureller Organisationen wird der Anlass musikalisch untermalt. »Menschen zum Erinnern zu motivieren, ist nicht schwierig«, meint Elena Sokolovsky, die Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde.

Sie verweist auf die engen Beziehungen zur Kunstfakultät der Europa-Universität, mit der die Gemeinde Projekte durchführt. Große Freude bereitet Elena Sokolovsky die Tatsache, dass viele Bürgerinnen und Bürger Solidarität mit der jüdischen Gemeinde von Flensburg zeigen. Jedes Jahr würden alle Stolpersteine vor dem 9. November unter anderem von Kadetten der Marineschule Mürwik geputzt und Blumen niedergelegt.

In Chemnitz werden etwa 200 bis 300 Menschen am Gedenken teilnehmen

Ebenso in Chemnitz, so die Gemeindevorsitzende Ruth Röcher, würden die Stolpersteine gereinigt, und schließlich werden etwa 200 bis 300 Menschen am eigentlichen Gedenken teilnehmen. »In diesem Jahr werde ich das Thema Pogrom in den Mittelpunkt meiner Rede stellen«, erklärt die ehemalige Lehrerin und Vorkämpferin für den jüdischen Religionsunterricht.

In Augsburg wiederum wird der Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 Thema der Gedenkansprache von Alexander Mazo, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, sein. Unter den eingeladenen Gästen findet sich auch der bayerische Staatsminister des Innern, für Sport und Integration, Joachim Herrmann.

Auch die Synagoge in Saarbrücken wurde vor 86 Jahren vollständig zerstört, zahlreiche jüdische Menschen wurden gefangen genommen, gedemütigt, misshandelt und später ins KZ Dachau gebracht. »Die Erinnerungsarbeit ist für uns sehr wichtig«, äußert sich Evgenij Mrinski, Geschäftsführer der Synagogengemeinde Saar. »Wir arbeiten auch eng mit Vertretern anderer Religionen zusammen, inklusive islamischer Vereinigungen.«

Am 9. November, nach Schabbatende, findet in der 1951 eingeweihten »neuen Synagoge« eine große Gedenkveranstaltung statt, die in diesem Jahr besonders strikte Sicherheitsmaßnahmen erfordert. Erwartet werden nicht nur Minister und Landtagsabgeordnete, sondern auch der amerikanische Generalkonsul.

»Wir sind wie immer dabei«, sagt Tatjana Malafy von der Israelitischen Kultusgemeinde Rottweil. Die Stadt Rottweil und die Kirchen rufen zum Gedenken auf, diesmal allerdings am 11. November. Die Gemeindemitglieder werden Kerzen in der Kameralamtsgasse anzünden, wo einst die Synagoge stand. Gemeinsam wird das Kaddisch gebetet. »Es ist uns wichtig, mit Vertretern der Stadt und Kirchen und unseren Nachbarn an die Pogromnacht zu erinnern«, sagt die Geschäftsführerin der Gemeinde.

Seit 1973 findet in Göttingen jedes Jahr eine Gedenkstunde zur Erinnerung an die Pogromnacht statt

Seit 1973 findet in Göttingen jedes Jahr eine Gedenkstunde zur Erinnerung an die Pogromnacht statt, die dieses Mal von Schülern des Max-Planck-Gymnasiums gestaltet wird. Sie möchten exemplarisch am vielfältigen Schicksal der Familie Meininger – mit Flucht, Deportation und Suizid – zeigen, was das Leben während der Schoa für Juden bedeutete.

Am Vormittag des 10. November 1938 brannte die Bonner Synagoge in der ehemaligen Tempelstraße am Rhein­ufer. Am Sonntag um 15.30 Uhr findet das Gedenken am Synagogen-Mahnmal am Moses-Hess-Ufer statt. Oberbürgermeisterin Katja Dörner, die wie der Gemeindevorsitzende eine Rede halten wird, sagte vorab in einer Presseerklärung: »Gerade heute ist es an uns allen zu beweisen, dass die Erinnerung an den 10. November 1938 mehr ist als ein Ritual.«

Es sei ihr eine Herzensangelegenheit, den Jüdinnen und Juden zu versichern, dass die Stadt Bonn das ihre tut, sie zu unterstützen und zu schützen. Jakov Barasch, Vorsitzender der Synagogengemeinde Bonn, teilte vorab mit: »Ich freue mich über die Einigkeit im Rat, Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum am historischen Ort des Ghettolagers im in der NS-Zeit beschlagnahmten Benediktinerinnenkloster in Endenich, dem Gedenken und der historisch-politischen Bildungsarbeit zur NS-Zeit in Bonn in Zukunft einen würdigen Rahmen zu geben.«

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